Als Jozef Zemka von seinem Onkel als neuer Gutsverwalter für das Gut des Barons von Kotz in Galizien vorgeschlagen wird, nimmt er den Posten freudig an. Man darf nicht wählerisch sein in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche wie um 1814, als Europa neu geordnet wurde. Dass ihm mit der pummeligen und nicht sehr ansehnlichen Tochter des Gutsbesitzers von Kotz eine gute Partie gelingt, stimmt ihn selbstbewusst und hochnäsig. Leider bringt Clara nur Töchter zur Welt, und das trübt seinen Stolz erheblich.
Mit dem Gutbesitzerpaar Jozef und Clara und ihrer weit verzweigten Sippe beginnt der historische Roman von Diane Meur, in der ein altes Haus in Galizien uns die Geschichten der Familie zuflüstert, die bis zum Ende des Jahrhunderts reichen.
Zeitcolorit und politische Geschichte überlappen sich. Leibeigenschaft, verarmter Adel und nach Frankreich emigrierte Polen bestimmen eine Geschichte, in der es ums Fortkommen, um den Erhalt von Besitz und die Verheiratung von Töchtern geht. Das war in jenen fernen Zeiten nicht immer ganz einfach war, wenn das Vermögen nicht reichte.
Jozef Zemka, der einstmals arme Mann von Adel, der durch die Heirat mit Clara in den Besitz eines großen Gutes gekommen ist, zeigt sich als unruhiger, eigensinniger und wenig umgänglicher Gutsherr. Seine Frau bleibt nach der Geburt ihrer fünf Töchter ohne Glanz und eigenes Charisma. Sie ist eine stille Dulderin, bis der Hauslehrer der Töchter sie aus ihrer Lethargie reißt.
Schicksalhafte Begebenheiten in der Familie umschließen ein Jahrhundert polnischer Zeitgeschichte, denn die Töchter erleben sehr unterschiedliche Geschicke.
Mit dem Leben der Familie, dem Glück und Unglück der Töchter und dem Fortgang der Erzählung ändern sich die politischen Verhältnisse in Galizien, das einmal unter russisch-polnischer Herrschaft steht, um danach von Österreich übernommen zu werden. Die Sympathien der Einwohner gelten Polen, dem Land, in dem man sich zu Hause fühlt. Unruhen unter der Landbevölkerung führen jedoch zu Aufständen, die zur Abschaffung der Leibeigenschaft beitragen. Bei einzelnen Figuren werden die politischen Neigungen manifest, und man bekommt Einblicke in wechselnde politische Handlungsstränge.
Parallel dazu spielen sich die üblichen Familiendramen ab: Hochzeiten und Todesfälle, Schwangerschaften und Geburten. Treue und Untreue markieren ein Leben, das unter den äußeren Regeln familiärer Hierarchien und der herrschenden Moral steht.
Anregend und substanziell hat Diane Meur das 19. Jahrhundert in Galizien beleuchtet. Das Jahrhundert war politisch unruhig und brachte mit der Industrialisierung wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, die auch an der Familiengeschichte nicht ungetrübt vorübergehen.
Das alte Haus ist der stille und erzählende Betrachter der sozialen und familiären Zwischenfälle, die dem Roman Leben einhauchen.
Die Spuren der Verwitterung werden schließlich auch an dem alten Haus sichtbar und verweisen auf die Vergänglichkeit allen Lebens.
Idee und Konzept zu dem Roman mit historischem Bezug sind gelungen. Die Familiensaga bietet den lebendigen Rahmen, aus dem die schönsten Geschichten ersonnen sind.
Die junge Autorin Diane Meur wurde für ihren Roman mehrfach mit angesehenen Preisen ausgezeichnet.