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Die Last der Vergangenheit, 23. Mai 2002
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Die Last der Vergangenheit: Auswirkungen nationalsozialistischer Verfolgung auf deutsche Sinti (Taschenbuch)
Heike Krokowski legt mit ihrer Untersuchung zur jüngeren Geschichte der Sinti in Deutschland eine interessante Arbeit vor, die an der Universität Hannover als Dissertation angenommen worden ist. Die Geschichte der Sinti und Roma ist im Vergleich zu der Geschichte der Juden weniger erforscht. Die Gründe dafür liegen in der schwierigen Quellenlage: Von Sinti und Roma sind vergleichsweise wenig Selbstzeugnisse überliefert. Hinzu kommt, dass die Gruppe Sinti und Roma als Opfer des Holocausts relativ klein ist und somit erst spät durch die Forschung angemessen wahrgenommen wurde. Um so mehr sind Erfahrungsberichte und Interviews als aussagekräftige Selbstzeugnisse von Bedeutung. In dieser Forschungslücke nimmt die Untersuchung von Krokowski eine besondere Rolle ein.
Krokowski untersucht anhand von Interviews mit Sinti deren Verarbeitung der NS-Verbrechen. Es gelingt ihr auch, den Einfluss der Verfolgungserfahrung auf dass Familienleben und das Selbstverständnis nach Kriegsende systematisch zu erfassen. Die empirische Grundlage bildet ein Bestand von Interviews im „Zentralnachweis zur Geschichte von Widerstand und Verfolgung 1933-1945 auf dem Gebiet des Landes Niedersachsen" bei der Landeszentrale für politische Bildung in Hannover. Diese Interviews sind vor ihrem Dissertationsprojekt unter maßgeblicher Beteiligung von Krokowski geführt worden.
Interviews mit Überlebenden der NS-Verbrechen in Lagern zu führen, heißt angemessen mit den besonderen psychologischen Bedingungen umzugehen. Zumal, wenn es sich um eine Bevölkerungsgruppe handelt, die nach 1945 weiterhin benachteiligt und auch von den Behörden stigmatisiert worden ist. Um diesem Problemfeld Rechnung zu tragen, untersucht Krokowski die Traumatisierung der Verhaftung und Deportation der Sinti. Der Verlust traditioneller sozialer Verhältnisse hat bei fast allen KZ-Insassen zu einer Zerstörung der Persönlichkeit geführt. Bei den Sinti und Roma ist hierbei zu berücksichtigen, dass sie ihre Identität besonders durch Familienbande bilden, die in den Lagern zerstört worden sind.
Krokowski untersucht ebenso die verschiedenen „Überlebensstrategien", mit denen die Opfer ihr Leben in den Lagern organisiert haben. Ein Kapitel ist der „Erfahrungsverarbeitung" gewidmet, in dem gezeigt wird, dass Erinnerung keine feststehende Größe ist, sondern eine aktive mentale „Erinnerungskonstruktion" darstellt. Diese wirkt sich bei Interviews während der Rückerinnerung an die Erfahrung der Verfolgung aus. Die Erinnerungsarbeit spiegelt sich schließlich im familiären bzw. sozialen Umfeld der Überlebenden. Zusammenfassend sagt Krokowski zu den Ergebnissen ihrer Arbeit u.a.:
„Die Traumatisierungen, welche deutsche Sinti in den Konzentrations- und Vernichtungslagern wie auch im Zuge anderer Verfolgungsmaßnahmen wie Zwangssterilisationen, Festsetzung und Flucht erlitten, waren zwar uneinheitlich, aber ohne unterschied tief greifend. Im „Zigeuner-Familienlager" in Auschwitz-Birkenau, das als synonym für die nationalsozialistischen Verbrechen an den Sinti (und Roma) gilt, wie auch in anderen Konzentrationslagern waren die Menschen extremen Daseinsbedingungen und entwürdigenden Lebensumständen ausgesetzt."
All dies hat das Leben der Sinti und Roma bis in die Gegenwart geprägt. Zur aktuellen Forschungslage kann man einwenden, dass in der Arbeit von Krokowski die Einbeziehung der Akten aus „Wiedergutmachungsverfahren" fehlt: Bei der Durchführung der dabei relevanten Gesetze sind allein in Niedersachsen insgesamt mehr als 110.000 Einzelfallakten entstanden, die sich inzwischen in niedersächsischen Staatsarchiven befinden. Darunter lassen sich weit über Hundert Fälle finden, die das oft tragische Schicksal von Sinti betreffen (in den Staatsarchiven Hannover und Wolfenbüttel). Diese in der Regel sehr aussagekräftigen Akten standen aber Heike Krokowski noch nicht zur Verfügung und stellen somit Dokumente für zukünftige Forschungsprojekte dar. Der wichtige Ertrag der Arbeit von Krokowski dürfte dadurch kaum geschmälert werden.
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