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Die Landschaften Homers
 
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Die Landschaften Homers [Gebundene Ausgabe]

John V. Luce


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Neue Zürcher Zeitung

Schwirrende Stimmen im Zwischenreich

Über literarische Imagination und Tourismus

Von Jochen Zwick

Um die Werke der Literatur hängt ein Dunstkreis aus partiellen oder verfehlten Lektüren, geborgten Kenntnissen und Inszenierungen des Literarischen. Puristen schätzen solche sekundären Formen des Umgangs mit Literatur – Lesungen, Preise, Talkrunden – meist gering. Zu Unrecht, denn ein Lesepublikum wird kaum allein aus sorgfältigen und vollständigen Lektüren hervorgehen. Literarisches Leben braucht jenes anrüchige Zwischenreich, wo sich das Objektive und das Subjektive, die Welt des Lesers und die des Buchs durchdringen. Dort entstehen Sonderformen des Umgangs mit Büchern, wozu auch die Reise zur Literatur gehört. Sie scheint an Beliebtheit zu gewinnen, wenn die in den letzten Jahren verstärkte Produktion von literarischen Reisebegleitern denn etwas zu besagen hat.

Vermutlich haben die vorwiegend britischen Rhein-Reisenden des frühen 19. Jahrhunderts die Verbindung von literarischer Imagination und Tourismus in historisch einmaliger Weise auf die Spitze getrieben. Um 1800 begannen reisende Künstler und Dichter das Publikum in Grossbritannien mit wiedererkennbaren romantischen Szenerien zu füttern – wilde Felsen und schaurige Ruinen, aber auch fröhliche Weinseligkeit an den Ufern – und lösten einen «picturesque touring» genannten Reisetrend aus, der sich an Déjà-vu-Erlebnissen und literarischen Assoziationen berauschte.

Heute führen die meisten literarischen Handreichungen für Touristen durch die Metropolen Europas. Das entspricht ebenso dem aktuellen Trend zu Städtereisen wie den sozioökonomischen Voraussetzungen und ästhetischen Präferenzen der literarischen Moderne, die ja die Lektüre heutiger Leser dominiert. Klaus Wagenbachs Buch über «Kafkas Prag» von 1993 kann als eine der überzeugendsten Proben der Gattung gelten. Kafka hat seine Geburtsstadt bis zu seinem Tod nur selten verlassen. Trotzdem wirkt seine hagere Gestalt wie auf den abgebildeten Fotos so auch im weiteren Sinne wie hineinmontiert in die altmodische Szenerie der k. u. k. Provinzmetropole, als scheine er die vertraute Stadt immer beständig zu verfehlen, nie in ihr heimisch zu werden.

In ähnlicher Weise sind auch die Figuren seiner Texte wie zufällig in eine unergründliche Welt geraten, mit der sie sich nie verbinden können und deren groteske bis terroristische Ordnungen sie nie vollständig zu enträtseln vermögen. So verschränken sich die authentischen Lebensbilder auf beinahe unheimliche Weise mit dem undeutlichen Eindruck, den die Kafka-Lektüre bei einem mit Wagenbachs Buch bewaffneten Spaziergänger in Prag vielleicht hinterlassen hat. Allerdings verführt das Genre der literarischen Reisebegleiter die Verlage zur Serienfertigung, und so ist es kein Wunder, dass es nur wenigen der daraus hervorgegangenen Elaborate gelingt, Ortsbesichtigung und literarische Imagination auf eine ähnlich zwingende Weise zu verbinden.

Unter den aktuellen Neuerscheinungen sind zwei hervorzuheben, die sich durch eine besonders originelle Machart auszeichnen, wobei nur Steffen Pross' Buch über die Schicksale deutschsprachiger Schriftsteller, Künstler und Intellektueller, die «vor oder wegen Hitler» nach London geflüchtet waren, ausdrücklich als literarisch-biographischer Reisebegleiter konzipiert ist. Der Titel dieser Spurensammlung, «In London sehen wir uns wieder. Vier Spaziergänge durch ein vergessenes Kapitel deutscher Kulturgeschichte», verbindet programmatisch und geschickt das angenehme touristische Mittel mit der moralischen Pflicht, geschehenes Unrecht nicht zu vergessen.

Pross schlägt vier Spaziergänge vor, die zu den Wohnungen und Wirkungsstätten von etwa 100 Emigranten führen, darunter prominente Namen wie Stefan Zweig, Oskar Kokoschka, Sigmund Freud oder Elias Canetti. Spektakuläre Stadtansichten und Sehenswürdigkeiten sind dabei selten, das Buch zielt eher auf das besondere Bildungserlebnis, das die verschwiegene Exklusivität des Gewöhnlichen bereitet.

Man kann es aber ebenso gut zu Hause als Beitrag zur Geschichte Emigration lesen oder auch als spannenden Bildungsroman der deutschen Intelligenz in schwerer Zeit rezipieren. Denn die Exilierung wendete manche Biographie ins Wildromantische: Plötzliche Abreise und quälende Wartezeiten, hoffnungsvolle Suche und unverhoffte Begegnungen, sonderbare Glücks- und tragische Unglücksfälle waren den unfreiwilligen Gästen auf der Insel geläufige Erfahrungen. Bisher ruhige oder wenigstens doch gesicherte Lebensbahnen gerieten durcheinander. Etablierte Schriftsteller in mittleren oder – wie Alfred Kerr – gar in höheren Jahren finden sich plötzlich in der äusseren Situation eines jungen Debütanten wieder: ohne Einkommen, Verlag, Beziehungen, Namen. Kurt Schwitters hält sich nur mühsam über Wasser, den schlesischen Max Herrmann-Neisse treibt das Heimweh in die Depression und schliesslich in den Tod: «Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen, jetzt ist mein Leben ein Spuk wie mein Gedicht.»

Anderen gelingt eine zweite Karriere, so dem Stuttgarter Anwalt Fred Uhlmann, der in Grossbritannien nicht in seinem Beruf arbeiten kann, aber als Maler Erfolg hat; schliesslich beginnt manche Laufbahn auch erst im Londoner Exil, so die von Peter Weiss, Wolfgang Hildesheimer, George Tabori oder Lilli Palmer. Auch das Privatleben gerät in Bewegung. Ehen werden gelöst oder geschlossen, mancher richtet sich in amourösen Dreiecksbeziehungen ein, Kreise und Gruppierungen entstehen, bekämpfen oder ignorieren einander, fallen schliesslich auseinander. Und über allem stehen die unerforschlichen Schicksalsmächte der unsteten und widersprüchlichen britischen Asylpolitik, die es sogar fertigbrachte, die aus britischem Uradel stammende Diana Croft als «feindliche Ausländerin» einzustufen, weil sie einen deutschen Emigranten, eben jenen malenden Autodidakten Fred Uhlmann, geheiratet hatte.

London, während des Kriegs die einzige freie Metropole Europas, bindet die sich kreuzenden, verfehlenden und ignorierenden Lebensläufe an einen bestimmbaren Ort und bildet den dramaturgischen Rahmen für das Schauspiel von Vertreibung, Opfer, Beharrungsvermögen und Rettung. So entsteht aus abenteuerlichen Fluchten und glücklichen Rettungen, plötzlichem Fall, erzwungenem Neuanfang und schliesslich Wiedergeburt ein Gewebe von beinahe mythischer Qualität, zumindest aber ein eindrucksvolles Bild der deutschen Kultur im Exil.

Einem völlig anderen Thema und zugleich dem vermutlich ältesten literarischen Reiseziel widmet sich das Buch des Dubliner Altertumswissenschafters John V. Luce über die «Landschaften Homers», denn bereits im frühen 18. Jahrhundert zogen die vermeintlichen Schauplätze von «Ilias» und «Odyssee» Reisende an. Luces Buch präsentiert sich zwar vornehmlich als wissenschaftlich ambitionierte Spurensicherung. Reich bebildert und in einem verständlichen, zuweilen schwärmerischen Stil geschrieben, ist es aber auch eine charmante Einladung zur Reise. Um heute ein Buch über Troja und seine Umgebung sowie Ithaka, die Insel des Odysseus, zu schreiben, braucht es vermutlich jemanden wie Luce, dem das selbstbewusste Erbe viktorianischer Gelehrsamkeit bereits in die Physiognomie eingeprägt ist. Unserer spätzeitlichen Skepsis, die die Suche nach dem Realitätsgehalt von Fiktionen als fragwürdiges Unterfangen verwirft, gegenüber der Realität dagegen einen blasierten Fiktionsverdacht kultiviert, begegnet Luce mit einem robusten Positivismus, der sich kongenial mit einem romantischen Überschwang verbindet, wie ihn die Begegnung mit der Antike in früheren Generationen erregt hat.

Luce hält sich nicht wie üblich an die archäologischen Zeugnisse, sondern geht den präzisen und detaillierten topographischen Informationen in Homers Versen nach, also den beständigsten und unverwechselbarsten Bestandteilen der äusseren Umgebung. Denn die Topographie ist nicht reproduzierbar und daher eindeutiger zuzuordnen als die menschlichen Kulturleistungen – Gebäude, Gebrauchsgegenstände, Waffen –, auf die sich die archäologische Forschung konzentriert. Luce ist davon überzeugt, dass Homer die Handlung beider Epen an authentischen Schauplätzen ansiedelt und nicht willkürlich geographische Gegebenheiten erfindet, die zu seinen dichterischen Zielen passen. Homer habe Troja und seine Umgebung sowie Ithaka selbst besucht und die Topographie dieser Orte «mit der übersichtlichen Klarheit eines modernen Satellitenfotos» in seine Dichtung eingearbeitet.

Die von Luce empfundene demütige Pflicht, als später Augenzeuge die Wahrhaftigkeit des Dichters zu bekunden, mag uns naiv erscheinen, zumal der moderne Gelehrte dem antiken Dichter anachronistisch eben jene positivistische Geisteshaltung unterstellt, die zugleich Voraussetzung seiner eigenen Argumentation ist, so als habe die Präzision, Anschaulichkeit und Detailliebe von Homers Beschreibungen keinen anderen Zweck gehabt, als den nachgeborenen Kriegern, Gelehrten und Touristen den Weg zu weisen. Das Paradoxon von Homers vermeintlichem Realismus, die topographisch exakte Situierung eines weitgehend fiktionalen Geschehens, lässt sich aber auch damit begründen, dass der Dichter keine klare Trennlinie zwischen historischem und mythischem Geschehen ziehen mochte. In der Welt seiner Dichtung waren die Geschäfte der Götter und Heroen mit den Menschen deshalb nicht weniger wirklich als der Fluss, der damals wie heute die Ebene vor Troja durchschneidet, und so beschreibt er beide Welten, die der Götter und der Menschen, mit der grösstmöglichen ihm zur Verfügung stehenden Sorgfalt und Genauigkeit.

In dieser hybriden Welt ist auch der romantische Gelehrte Luce unterwegs. Bei seinen Wanderungen im Ida-Gebirge östlich von Troja denkt er «voller Mitleid» an die Maultiere, die einst mit einem Arbeitskommando dorthin geschickt worden waren, um Holz für den Scheiterhaufen des Patroklos zu holen. Der Weg sei zwar «relativ gut», aber beschwerlich, denn «genau wie es Homer beschreibt», gebe es gelegentlich Stellen mit dichtem Unterholz. Kein Wunder auch, dass es in Troja immer noch so zugig ist, wie von Homer beschrieben, und dass auch in Ithaka – im «Hafen von Phorkys», in dem Odysseus von den phaiakischen Matrosen an Land gebracht wird, oder am «Korax-Felsen», wo die Schweine des treuen Hirten Eumaios grasen – die Luft von homerischen Stimmen schwirrt, wie Luce versichert.

Luce will nicht einsehen, warum wir, die wir uns von der Welt der Götter und Helden ein für alle Mal geschieden glauben, uns freiwillig allein mit ihrem poetischen Substrat begnügen sollten. Denn schliesslich steht uns noch die Möglichkeit offen, die blosse literarische Imagination durch das Erlebnis des authentischen Orts zur intensiv erlebten Realität eines Traumbilds zu steigern. Eine charmantere Rechtfertigung einer Reise zur Literatur lässt sich schwerlich ersinnen.

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Die Zeit, 20.12.2000
Friedhelm Rathjen ist beeindruckt. Auf Odysseus` Spuren wandeln der Archäologe John V. Luce macht`s möglich. Kenntnisreich hat der Wissenschaftler die neuesten Ergebnisse aus Geophysik, klassischer Philologie und Archäologie verarbeitet und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis. Der Homer der Wanderjahre war keineswegs blind, sondern hat mit geradezu fotografischem Gedächtnis die Topographie einiger seiner Erzählungen hinterlassen. Und dank der findigen Spurensuche von Luce sei es nun ein Leichtes, so der Rezensent, Homers antike Verse an Ort und Stelle zu lesen.

© Perlentaucher Medien GmbH

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