Laura, ein junges Mädchen im Alter von ca. 10 Jahren wächst wohlbehütet in Venedig auf. Als sie eines Tages ihren Vater begleitet, erlebt sie mit, wie ein Sklavenschiff ankommt und die gefangenen Menschen wie Vieh behandelt werden. Ein junger Schwarzer kann fliehen und Laura ahnt, dass sie ihn eines Tages wieder sehen wird. Mit diesem schlimmen Erlebnis nimmt jedoch das Schicksal seinen Lauf und Laura verliert beide Elternteile und wird mit ihrem neugeborenen Bruder in ein Waisenhaus gesteckt. Als sie mit ihm fliehen kann, begegnet sie auch Carlo, den schwarzen Sklavenjungen wieder. Er lebt mit Valeria, einer jungen Kinderhure und Antonio, ein Dieb, zusammen. Das Leben dieser vier ist schicksalhaft verbunden und auch als sie erwachsen sind, verlieren sie sich nie aus den Augen.
Charlotte Thomas (auch Eva Völler, Paula Renzi) schrieb nach "Die Madonna von Murano" ihren zweiten historischen Roman.
Wie die Autorin schon in ihrem ersten Roman zeigte, sind auch hier die Figuren sehr plastisch und empathisch dargestellt. Ihr Talent Eindrücke zu vermitteln, erlauben dem Leser in die Welt der Renaissance einzutauchen und in Venedig herum zu spazieren. Laura, ihre Protagonistin ist - wie man vielleicht erwartet - außergewöhnlich schön und klug. Natürlich wird hier ein Klischee benutzt, was aber dem Zauber der Geschichte keinen Abbruch tut. Schon zu Beginn gelingt es Charlotte Thomas Spannung aufzubauen und bis zum Schluss durchzuhalten.
Man erfährt viel über das Leben der damaligen Zeit und bekommt interessante Einblicke in das Handeln und Anwenden von Kräutern und Pflanzen. Antonio, dem Laura schon als Kind begegnet, wird ihre große Liebe und er schafft es, vom einstigen dreisten Dieb durch die Hilfe eines jüdischen Kaufmanns, den richtigen und ehrbaren Weg im Leben einzuschlagen. Mitunter erscheinen all die wunderbaren Fügungen vielleicht etwas zu viel des Guten, aber es ist alles so geschickt in die Geschichte eingewoben, dass einem dies nicht unmöglich erscheint. Einzig etwas gar übertrieben wirken so manche Aussagen Matteos, Lauras kleinen Bruder. Wie schon von einer anderen Rezensentin erwähnt, ist es schwer zu glauben, dass ein Sechsjähriger einen Satz wie: "Solche Dinge zu ersinnen ist Leonardos eigentliche Kunst." von sich gibt.
Die Ähnlichkeit im Aufbau der Geschichte zu "Die Madonna von Murano" ist nicht zu übersehen bzw. zu überlesen. Sind dem Leser noch so manch sprunghafte Wechsel von einem Kapitel in das nächste in Erinnerung, so hat die Autorin es aber in diesem Buch geschafft, die Geschichte flüssig und mitreißend zu erzählen.
Auffallend ist, dass Charlotte Thomas anscheinend bemüht ist, alle in der damaligen Zeit - wie hier in der Hochrenaissance - lebenden Persönlichkeiten in ihren Büchern mit einzubauen. Erscheint das Auftreten Tizians noch passend und sich in die Erzählung einfügend, so ist die Reise ihrer Protagonisten nach London, nur um Henry VIII erwähnen zu können, etwas zu viel des Guten. Ein Faux pas ist der Autorin mit Da Vinci passiert. Da Vinci wurde nicht von den Venezianern gebeten sie mit seinen Ideen im Krieg zu unterstützen. Im Gegenteil. Da Vinci zog nach Venedig in der Hoffnung, seine Ideen dem Rat der Stadt vorzustellen und als Planer für Kriegswaffen angestellt zu werden. Der Rat der Stadt Venedig jedoch konnte mit seinen Ideen nichts anfangen und wies ihn ab.
Fazit:
Ein in wunderschöner Sprache erzählter Roman ohne Längen. Bild- und farbgewaltig nimmt die Autorin den Leser mit nach Venedig und schafft es, den Spannungsbogen von Beginn bis zum Schluss zu halten. Ein empfehlenswerter historischer Schmöker.