Der Roman "Die Lüneburg-Variante" des Italieners Paolo Maurensig setzt ein wie eine gewöhnliche Kriminalgeschichte. Dr. Dieter Frisch, erfolgreicher Geschäftsmann mit dunkler Vergangenheit, wird im Park seiner Villa erschossen aufgefunden. Selbstmord? Mord? Täter? Motiv? Bald stellt sich heraus, daß der Autor nur einige Elemente des Kriminalgenres nutzt, um eine Parabel vom abgrundtiefen Bösen im Menschen auf eine schreckliche Pointe zusteuern zu können.
Wenige Tage vor seinem Tod fährt Frisch wie jeden Freitag mit dem Zug von München nach Wien. Er spielt mit einem Begleiter Schach. Frisch ist ehemaliger Großmeister, internationaler Schiedsrichter und Herausgeber der Schachzeitschrift "Der Turm". Ein junger Mann betritt das Abteil. Auch er ist ein Schachmeister. Er erzählt seine Lebensgeschichte, vor allem aber die seines Lehrmeisters Tabori, Sohn eines jüdischen Kunsthändlers. Frisch und Tabori haben vor vielen Jahren auf Turnieren gegeneinander gespielt, wobei sich Tabori als der Begabtere erwies. Im KZ Bergen-Belsen treffen sie sich wieder - Dr. Frisch als Lagerkommandant, Tabori als Häftling. Der SS-Mann fordert seinen früheren Konkurrenten zu einer Schachserie heraus, für die er einen diabolischen Preis aussetzt... Eine gnadenlose Schachschlacht bricht aus, bei der es Tabori zunächst gelingt, seinen teuflischen Gegner mit der von ihm entdeckten "Lüneburg-Variante" zu verwirren ...
Paolo Maurensig verbindet das Schachspiel als in Regeln gebannter intellektueller Wettkampf mit der Bestialität des Menschen, die alle Vorstellungskraft sprengt und doch tagtäglich belegt wird. Ob man mit dieser leider realistischen Selbstaufhebung des Menschen als humanem Wesen auch in der Literatur konfrontiert sein will, muß jeder Leser für sich entscheiden.