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Die Lämmer des Herrn.
 
 
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Die Lämmer des Herrn. [Broschiert]

Yasmina Khadra , Mohammed Moulessehoul , Regina Keil-Sagawe , Regina Keil- Sagawe
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Aus genauer Kenntnis beschreibt Khadra die allgegenwärtige Gewalt." (Die Zeit)

Kurzbeschreibung

Yasmina Khadra schreibt über die Tragödie unserer Zeit, Yasmina Khadra, ehemaliger Of?zier der algerischen Armee, schildert den blutigen Abstieg eines jungen Lehrers zum fanatischen Fundamentalisten: Ein algerisches Dorf Anfang der neunziger Jahre, die Menschen sind ohne Perspektive. Drei Freunde lieben dasselbe Mädchen. Als Sarah sich für Allal entscheidet, geht der junge Kada aus Trauer und Enttäuschung zu den Mudschaheddin nach Afghanistan. Als glühender Fundamentalist kehrt er zurück, beseelt von dem Gedanken, dem Islamismus im Dorf zum Durchbruch zu verhelfen und sich für seine verlorene Liebe zu rächen. Der Racheplan nimmt seinen mörderischen Lauf.

Über den Autor

Yasmina Khadra ist der Künstlername des 1955 geborenen Autors Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier der algerischen Armee veröffentlichte er seine ersten Bücher wegen der strengen Zensurbestimmungen unter den beiden Namen seiner Frau. Erst nachdem er im Dezember 2000 mit seiner Familie nach Frankreich ins Exil gegangen war, konnte er dieses Pseudonym lüften. Yasmina Khadra lebt heute in Paris.Regina Keil-Sagawe, geboren 1957 in Bochum, Studium der Romanistik, Germanistik und Orientalistik. Lehre an den Universitäten Heidelberg, Brüssel und Rabat. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur des Maghreb sowie Übersetzungen aus dem Französischen. Die Autorin lebt in Heidelberg.

Auszug aus Die Lämmer des Herrn von Yasmina Khadra, Regina Keil-Sagawe, Regina Keil- Sagawe, Mohammed Moulessehoul. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Er weiß nicht, wie viele Stunden er da gelegen hat, mit dem Gesicht auf dem Boden, in der Finsternis dieses Lieferwagens, noch wie er es geschafft hat, mit gefesselten Händen und verbundenen Augen durch den Wald zu laufen, bis zu dieser Hütte, wo sich die Auftraggeber seiner Entführung versteckt halten. Vier Männer mustern ihn mit ernsten Blicken. Kada Hilal sitzt mit undurchdringlicher Miene auf seinem Kissen. Neben ihm streichelt Tej Osmane stumpfsinnig die Klinge einer Machete. Smail lehnt an der Mauer, die Hände über seinem Bauch verschränkt. Der vierte ist ein blasser, schmächtiger Jüngling, fast unsichtbar in seiner allzu weiten Fallschirmspringerjacke. Er hat einen Saum wild sprießender Härchen am Kinn und giftsprühende Pupillen. Es ist Youcef, der Sohn von Haj Boudali. »Setz dich da auf den Hocker.« Doch der Imam zieht die Weidenmatte vor. »Ihr hättet mich bitten können, euch zu folgen. Das hätte ich doch gemacht. Und meine Frau müßte nicht diese Ängste durchstehen. Sie hat Diabetes.« »Sie wird dich vor dem Morgengrauen zurückhaben«, verspricht ihm Kada. Tej wird ungeduldig. »Sag ihm, warum er hier ist.« Mit einer herrischen Geste bringt Kada ihn zum Schweigen. Dann wendet er sich an den Imam: »Haj Salah, du bist ein guter Mann. Deshalb appellieren wir an dich. Stimmt schon, wir haben die Alten nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt. Aber keineswegs aus Mangel an Respekt. Die Welt wandelt sich, und sie sperren sich dagegen ... Seit der Unabhängigkeit ist es mit unserem Land stetig bergab gegangen. Unsere Bodenschätze haben unsere Überzeugungen und unseren Elan ausgehöhlt. Verräter haben sich einen Spaß daraus gemacht, uns Gummiknüppel als Zuckerlutscher zu verkaufen. Sie haben uns chauvinistische Selbstbespiegelung und Volksverhetzung gelehrt. Dreißig Jahre lang haben sie uns an der Nase herumgeführt. Mit dem Resultat, daß das Land zerstört ist, die Jugend kraftlos, die Hoffnung vernichtet. Überall greift Resignation um sich. Schlimmer noch: Nachdem wir unsere Identität verloren haben, sind wir jetzt dabei, auch noch unsere Seele preiszugeben.« Kada verstummt. So wie Cheikh Abbas immer verstummte, abrupt, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. »Und jetzt sagen wir: Es reicht!« Smail nickt: »Es reicht!« »So ist die Bewegung entstanden. Gott selbst hat die Front inspiriert. Er hatte Mitleid mit diesem aus der Bahn geworfenen Land, das ein Haufen von Betrügern durch permanenten Autoritäts- und Vertrauensmißbrauch, hemmungslose Vetternwirtschaft, skandalöse Inkompetenz und moralische Verkommenheit zu vernichten droht. Wir hatten das schönste Land der Welt, sie haben daraus einen Schweinestall gemacht. Wir hatten eine gewisse historische Legitimation vorzuweisen, sie haben daraus eine widerrechtliche Okkupation gemacht. Und uns den Horizont in jeder Richtung verstellt ... Deshalb sagen wir: Es reicht!« »Es reicht!« wiederholt Smail gedankenverloren. »Wir, die Partisanen der FIS, haben uns korrekt verhalten. Wir haben hart gearbeitet und gezeigt, wozu wir in der Lage sind. Das Volk hat für unsere Prinzipien und unsere Ideologie gestimmt. Aber diese Mafiokraten von der Regierung wollen sich dem, was ganz klar auf der Hand liegt, nicht fügen. Dieses Regime hat sich wissentlich für das Spiel mit dem Feuer entschieden. Deshalb bieten wir ihnen heute das Höllenfeuer.« Haj Salah hebt den Kopf mitten in dieses Schweigen hinein, das plötzlich die Hütte erfüllt. Tej hat sich unterdessen mit der Machete in den Finger geschnitten. Youcef hat zwei glühende Kohlen dort, wo man seine Augen sucht. Nur Smail nickt noch immer vor sich hin. »Und jetzt herrscht also Krieg«, schließt Kada. »Krieg«, echot Smail. Haj Salah ist erschöpft. Die Müdigkeit ist übermächtig, doch der stechende Schmerz in seinen Gelenken läßt ihn noch einmal hochfahren. »Was erwartest du eigentlich von mir, Sohn der Hilals?« »Eine Fatwa.« »Ich verfüge nicht über die nötige Gelehrsamkeit. Ich bin nur ein einfacher Imam vom Lande, dessen bescheidenes Wissen allmählich erlischt und dessen Gedächtnis zunehmend nachläßt.« »Du bist seit vierzig Jahren der Dorfimam«, mischt Tej sich ein, den Kadas pompöse und völlig überflüssige Weitschweifigkeit nervt. »Du bist gerecht und weise. Wir wollen, daß du den Heiligen Krieg ausrufst.« »Und wer wäre dann der Feind?« »Alle, die eine Dienstmütze tragen: Gendarmen, Polizisten, Soldaten ...« »Bis hin zum Briefträger«, spottet Smai'l und verdirbt mit einem Schlag die Feierlichkeit, mit der Kada den Imam beeindrucken wollte. Haj Salah verschlägt es die Sprache. Stumm, niedergeschmettert, den Kopf in den Händen vergraben, sitzt er da und möchte sich weigern zu glauben, was er soeben gehört hat. Das ist der Augenblick, vor dem er sich immer gefürchtet hat. Wenn das Ungeheuer im Kind erwacht und bewirkt, daß das Verlangen nach Bestrafung das Gebot der Vergebung bezwingt. Und der Dichter hatte doch recht. Jeder Religion, die Gott den Menschen bietet, wohnt unfehlbar etwas Dämonisches inne. Auf den ersten Blick kaum erkennbar, doch mächtig genug, die Frohe Botschaft zu verfälschen und die Achtlosen auf den Irrweg zu leiten und zur Barbarei zu verführen. Jenes dämonische Moment äußert sich in Ignoranz und Selbstgefälligkeit. Sidi Sai'm pflegte zu sagen: »Es wäre widernatürlich, wollte man folgende drei Dinge einem Ignoranten anvertrauen: Vermögen, denn darunter würde er nur leiden; Macht, denn dadurch würde er zum Tyrannen; Religion, denn damit schadete er sich selbst genauso wie allen anderen.« Haj Salah zittert. Am Anfang war das Mitgefühl Gottes, der um die Prüfungen wußte, die die Natur für das vollkommenste, aber auch verwundbarste seiner Geschöpfe bereithält, jene Kreatur, die unter Schmerzen zur Welt kommt und ihr Überleben nur einem erbitterten Kampf verdankt, der von den ersten Zähnen bis zum letzten Willen währt. Doch die Menschen vermögen die göttlichen Zeichen nicht zu lesen. Sie deuten sie, wie es ihrer Gewohnheit entspricht. Sie machen aus Träumen Utopien, aus Licht Scheiterhaufen, sie werden ungerecht und töricht. Nach einer Minute taucht Haj Salah aus seiner Fassungslosigkeit wieder auf. Doch nur sehr mühsam. Ihm fehlt die Kraft, sich mit der Hand über sein schweißnasses Gesicht zu fahren. Er heftet seinen Blick der Reihe nach auf Kada, Tej, Youcef und Smail und sagt: »Wißt ihr, warum Gott Abraham befohlen hat, ihm seinen geliebten Sohn zu opfern?« »Was für eine Frage!« »Also warum?« »Um Abrahams Glauben auf die Probe zu stellen«, antwortet Youcef. »Das ist Gotteslästerung! Wagst du es wirklich zu unterstellen, Gott könne an seinem Propheten gezweifelt haben? Er, der Allwissende ...? Gott wollte den Völkern der Erde damit nur eine Botschaft übermitteln. Indem er von Abraham verlangte, oben auf dem Berg sein eigenes Kind zu opfern, und ihm dann einen Widder anstelle des Kindes schickte, wollte er den Menschen verständlich machen, daß selbst der Glaube seine Grenzen hat, daß er da aufhört, wo ein Menschenleben in Gefahr ist. Denn Gott weiß um den Wert des Lebens. Darauf gründet all seine Größe und Güte.« Der Sack ist mitten auf der Brücke abgestellt, so daß der erste, der des Weges kommt, ihn nicht übersehen kann. Ein Schwarm von summenden Fliegen umhüllt ihn. Sein Gestank hat die Vögel verjagt. Jelloul steht unter Schock. In seinem gemarterten Hirn hat blitzartig etwas aufgezuckt und ihn weit in die Vergangenheit zurückversetzt. Es war an einem Wintermorgen im Jahr 1959. Es regnete. Jelloul wollte seinem Vater, einem Pferdeknecht in Diensten der Xaviers, das Frühstück bringen. Auf der Brücke hatte er einen Sack gefunden, der genauso aussah wie dieser hier, einen Sack, aus dem der Kopf eines Menschen ragte. Weil er nicht recht begriff, weil er weder davonlaufen noch drauflosschreien konnte, ist es Nacht geworden um Jelloul. Auch aus diesem neuerlichen Sack ragt ein Kopf. Er gehört Imam Haj Salah. Jelloul legt beide Hände an die Schläfen und schreit und schreit...
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