Perlentaucher.de
Stefan Weidner empfiehlt dieses Buch "ohne Vorbehalte". Er meint auch, dass es genau zum richtigen Zeitpunkt erscheine, denn mit der Festnahme des PKK-Führers Öcalan sei die "Kurdenfrage" - ein Wort, das er übrigens bei den Autoren als "unschön" kritisiert - einer Lösung näher gerückt. Weidner lobt besonders die "ausgewogene Darstellung", die ohne jede Eiferei auskomme und die zahlreichen Informationen, die in dem Buch enthalten sind. Auch eine Zeittafel gehört dazu. Als kleine Lücke macht er nur die fehlende Darstellung der Kurden in Deutschland aus.
© Perlentaucher Medien GmbH
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Herkunft der Kurden liegt im vorgeschichtlichen Dunkel, weil die meisten Nachrichten über die Kurden vor dem Mittelalter, genauer: vor der Annahme des Islams und der damit einsetzenden Erwähnung in muslimischen Quellen, bruchstückhaft und umstritten sind. Je weniger gesicherte Kenntnisse wir über einen bestimmten Gegenstand, beispielsweise ein historisches Faktum, haben, desto trefflicher lassen sich Spekulationen anstellen. Dies trifft gewiß auf die Behauptung in der türkischen Ausgabe der französischen Enzyklopädie Meydan-Larousse zu, die Kurden seien 'ein türkischstämmiges Volk'. Indes zeigt die Nennung der Kurden zweierlei: Der Name 'Kurden' wird heutzutage in der Türkei keineswegs ignoriert; in dem betreffenden Artikel werden immerhin alternative Theorien zur 'türkischen' Herkunft der Kurden vorgestellt. Noch im 19. Jahrhundert fanden osmanische Autoren wie der albanisch-stämmige Schemseddin Sami, Verfasser eines historisch-geogr aphischen Lexikons mit dem Titel Qamus ul-Alam ('Ozean der Namen'), nichts dabei, die Kurden als Volk zu bezeichnen, das dem iranischen Zweig der arischen Völker angehörte (unter Ariern verstand man im 19. Jahrhundert Angehörige frühgeschichtlicher Völker mit indogermanischer Sprache in Indien und Iran).
Nur soviel ist sicher: Die iranische Hochebene war seit alters ein wichtiger Schnittpunkt zwischen dem Vorderen Orient und Zentralasien bzw. dem indischen Subkontinent sowie Schauplatz von Wanderungsbewegungen von Völkern, die aus dem Osten kamen. Vermutlich sind die Vorfahren der Kurden um die Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend v. Chr. im Zuge von Einwanderungswellen indogermanischer Arier nach West-Iran gekommen und haben sich mit der ansässigen Bevölkerung vermischt. Diese Region war Teil der altorientalischen Reiche der Sumerer, Assyrer, Urartäer und Meder. Im 6. Jahrhundert lösten die Ächämeniden die Meder als Herrscher über weite Teile Irans ab. In den folgenden Jahrhunder ten herrschten Seleukiden, Parther und Sassaniden über diese Gegend, die erst ab dem 12. Jahrhundert als Kurdistan bezeichnet werden sollte.
Die Einordnung der Kurden unter iranische bzw. indo-europäische Völker gründet sich auf linguistische und nicht auf ethnogenetische Belege. Ohnehin lassen sich Herkunft und Abstammung von Völkern kaum ermitteln, weil sich über lange Zeiträume hinweg Vermischungen mit anderen Völkern ergeben haben. So auch im Fall der Kurden, die Kontakte mit semitischen und türkischen Völkerschaften gehabt haben. Die These von der Abstammung der Kurden von den Medern ist ebensowenig bewiesen wie die Verwandtschaft der kurdischen Sprache mit dem Medischen (dabei wird der Name des kurdischen Dialektes Kurmandsch aufgespalten in die Bestandteile Kur für Kurd und Mandsch für Medisch, Meder). Eine andere These geht davon aus, daß die Kurden von den Skythen, einem nordiranischen Volk, abstammen. In den einschlägigen Quellen, v.a. Inschriften, werden Namen erwähnt, d ie auf eine gewisse Nähe zu dem Begriff 'Kurden' verweisen (bes. die Konsonanten 'k', 'r' und 'd'). Ob Kardu, Karduchen (erwähnt in der Anabasis Xenophons um 400 v. Chr.) oder Kyrtii (bei Strabo) - all diese Namen haben spitzfindige philologische Spekulationen ausgelöst, aber bis heute. keine wissenschaftliche Klarheit geschaffen.
Nicht weniger spekulativ, dafür aber unterhaltender sind die Mythen, die sich um den Ursprung der Kurden ranken. Eine dieser Legenden wird von dem Verfasser des iranischen Nationalepos Schahname, Firdausi, berichtet (diese Legende ist in Varianten bei zahlreichen Autoren persischer und arabischer Zunge erhalten). Danach herrschte einst ein tyrannischer Drachenkönig namens Sohak (auch: Zohak, Dohak) über das Land Schahrazur. Seinen Schultern entwuchsen Schlangen, denen täglich die Gehirne zweier Kinder geopfert werden mußten. Listige Leute (in anderen Quellen war es ein Minister) hatten die Idee, anstatt des einen Kindeo daß jeweils ein Kind mit dem Leben davon kam. Die auf diese Weise geretteten Kinder wurden in die Berge gebracht und avancierten zu Vorfahren der Kurden. Hier ein Ausschnitt in der Übersetzung Friedrich Rückerts:
'Sie (die Reiter, die sich als Köche in den Palast des Tyrannen eingeschlichen hatten) nahmen heraus das Hirn von Schafen, und mischten's dem Hirne jenes Braven.
Dem andern ward frei aus zu gehn erlaubt, gesagt: Nun sieh, wie du birgst dein Haupt!
Laß dich nicht treffen in Stadt und Feld, Wüst' und Berg ist dein Teil auf der Welt.'
Mit schlechtem Tierhaupt an Menschen statt machten sie also die Drachen satt.
Ein dreißig Jünglinge monatlich also durch sie dem Tod entwich.
Als deren zweihundert zusammen kamen, wo keiner wußte des andern Namen,
einige Geißen und Schafe diesen gaben die Köch' und zur Wüste sie wiesen.
Dort sind nun die Kurden erwachsen daraus, denen nicht am Herzen liegt Feld und Haus ..."
Auszug aus Die Kurden. Geschichte, Politik, Kultur. von Martin Strohmeier, Lale Yalcin-Heckmann. Copyright © 0. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Herkunft der Kurden liegt im vorgeschichtlichen Dunkel, weil die meisten Nachrichten über die Kurden vor dem Mittelalter, genauer: vor der Annahme des Islams und der damit einsetzenden Erwähnung in muslimischen Quellen, bruchstückhaft und umstritten sind. Je weniger gesicherte Kenntnisse wir über einen bestimmten Gegenstand, beispielsweise ein historisches Faktum, haben, desto trefflicher lassen sich Spekulationen anstellen. Dies trifft gewiß auf die Behauptung in der türkischen Ausgabe der französischen Enzyklopädie Meydan-Larousse zu, die Kurden seien "ein türkischstämmiges Volk". Indes zeigt die Nennung der Kurden zweierlei: Der Name "Kurden" wird heutzutage in der Türkei keineswegs ignoriert; in dem betreffenden Artikel werden immerhin alternative Theorien zur "türkischen" Herkunft der Kurden vorgestellt. Noch im 19. Jahrhundert fanden osmanische Autoren wie der albanisch-stämmige Schemseddin Sami, Verfasser eines historisch-geographischen Lexikons mit dem Titel Qamus ul-Alam ("Ozean der Namen"), nichts dabei, die Kurden als Volk zu bezeichnen, das dem iranischen Zweig der arischen Völker angehörte (unter Ariern verstand man im 19. Jahrhundert Angehörige frühgeschichtlicher Völker mit indogermanischer Sprache in Indien und Iran). Nur soviel ist sicher: Die iranische Hochebene war seit alters ein wichtiger Schnittpunkt zwischen dem Vorderen Orient und Zentralasien bzw. dem indischen Subkontinent sowie Schauplatz von Wanderungsbewegungen von Völkern, die aus dem Osten kamen. Vermutlich sind die Vorfahren der Kurden um die Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend v. Chr. im Zuge von Einwanderungswellen indogermanischer Arier nach West-Iran gekommen und haben sich mit der ansässigen Bevölkerung vermischt. Diese Region war Teil der altorientalischen Reiche der Sumerer, Assyrer, Urartäer und Meder. Im 6. Jahrhundert lösten die Ächämeniden die Meder als Herrscher über weite Teile Irans ab. In den folgenden Jahrhunderten herrschten Seleukiden, Parther und Sassaniden über diese Gegend, die erst ab dem 12. Jahrhundert als Kurdistan bezeichnet werden sollte. Die Einordnung der Kurden unter iranische bzw. indo-europäische Völker gründet sich auf linguistische und nicht auf ethnogenetische Belege. Ohnehin lassen sich Herkunft und Abstammung von Völkern kaum ermitteln, weil sich über lange Zeiträume hinweg Vermischungen mit anderen Völkern ergeben haben. So auch im Fall der Kurden, die Kontakte mit semitischen und türkischen Völkerschaften gehabt haben. Die These von der Abstammung der Kurden von den Medern ist ebensowenig bewiesen wie die Verwandtschaft der kurdischen Sprache mit dem Medischen (dabei wird der Name des kurdischen Dialektes Kurmandsch aufgespalten in die Bestandteile Kur für Kurd und Mandsch für Medisch, Meder). Eine andere These geht davon aus, daß die Kurden von den Skythen, einem nordiranischen Volk, abstammen. In den einschlägigen Quellen, v.a. Inschriften, werden Namen erwähnt, die auf eine gewisse Nähe zu dem Begriff "Kurden" verweisen (bes. die Konsonanten "k", "r" und d"). Ob Kardu, Karduchen (erwähnt in der Anabasis Xenophons um 400 v. Chr.) oder Kyrtii (bei Strabo) - all diese Namen haben spitzfindige philologische Spekulationen ausgelöst, aber bis heute. keine wissenschaftliche Klarheit geschaffen. Nicht weniger spekulativ, dafür aber unterhaltender sind die Mythen, die sich um den Ursprung der Kurden ranken. Eine dieser Legenden wird von dem Verfasser des iranischen Nationalepos Schahname, Firdausi, berichtet (diese Legende ist in Varianten bei zahlreichen Autoren persischer und arabischer Zunge erhalten). Danach herrschte einst ein tyrannischer Drachenkönig namens Sohak (auch: Zohak, Dohak) über das Land Schahrazur. Seinen Schultern entwuchsen Schlangen, denen täglich die Gehirne zweier Kinder geopfert werden mußten. Listige Leute (in anderen Quellen war es ein Minister) hatten die Idee, anstatt des einen Kindes ein Kalbs- oder Lammhirn zu opfern, so daß jeweils ein Kind mit dem Leben davon kam. Die auf diese Weise geretteten Kinder wurden in die Berge gebracht und avancierten zu Vorfahren der Kurden. Hier ein Ausschnitt in der Übersetzung Friedrich Rückerts:
"Sie (die Reiter, die sich als Köche in den Palast des Tyrannen eingeschlichen hatten) nahmen heraus das Hirn von Schafen, und mischten's dem Hirne jenes Braven. Dem andern ward frei aus zu gehn erlaubt, gesagt: Nun sieh, wie du birgst dein Haupt! Laß dich nicht treffen in Stadt und Feld, Wüst' und Berg ist dein Teil auf der Welt.' Mit schlechtem Tierhaupt an Menschen statt machten sie also die Drachen satt. Ein dreißig Jünglinge monatlich also durch sie dem Tod entwich. Als deren zweihundert zusammen kamen, wo keiner wußte des andern Namen, einige Geißen und Schafe diesen gaben die Köch' und zur Wüste sie wiesen. Dort sind nun die Kurden erwachsen daraus, denen nicht am Herzen liegt Feld und Haus. Unter Tuchzelten wohnen sie gern; ihr Herz kennt keine Furcht des Herrn."
Sohak wurde von dem Schmied Kawa mit seinem Hammer erschlagen, nachdem zuvor alle seine anderen Kinder für den Tyrannen getötet worden waren und nun auch das letzte geopfert werden sollte. Der Tyrannenmord wird auf den 21. März 612 v. Chr. datiert. Just an diesem Tag eroberten die Meder die Hauptstadt des Assyrischen Reiches, Ninive, auf dem linken Tigris-Ufer gegenüber Mosul gelegen. Darüber hinaus wird am 21. März der erste Tag des iranischen Sonnenjahres gefeiert. Hier vermischen sich also Mythen mit historischen Fakten und volkstümlichen Bräuchen. Einer anderen Legende zufolge, die in nahöstlichen Literaturen überliefert wird, entsandte König Salomon von ihm beherrschte Dschinnen (arab. dschinn; unsichtbare Wesen, die positiv oder negativ ins Leben der Menschen eingreifen) nach Europa, um von dort die schönsten Jungfrauen für seinen Harem herbeizuschaffen. Bei ihrer Rückkehr fanden die Dschinnen ihren König tot vor und behielten die Mädchen für sich. Aus dieser Verbindung gingen die Kurden hervor. Eine Variante dieser Geschichte überliefert Scharaf ad-Din. Auch ihm müssen Zweifel gekommen sein ob dieser wundersamen Geschichte, denn er fügte seinem Bericht einschränkend hinzu, daß die Wahrheit allein Gott bekannt sei.