Gelungen finde ich an "Die Kunst, seine Berufung zu finden", dass das Buch flüssig und leicht verständlich geschrieben ist, mit vielen Beispielen aus dem Leben der Autorin und berühmten Persönlichkeiten, auch aus vergangenen Epochen, ausgeschmückt. Wir erfahren, wie schwer und wichtig die Selbstfindung in beruflicher Hinsicht für erfolgreiche Menschen immer schon war und bis heute geblieben ist. Dabei mag es für viele tröstlich sein, dass zum Beispiel selbst ein so berühmter und anerkannter Dichter wie Heinrich von Kleist unter Selbstzweifeln zu leiden hatte, aber eine große Neuigkeit ist das nicht. Auch die Tatsache, dass Geld allein nicht glücklich macht, und eine gute berufliche Stellung nicht automatisch zu einem erfüllten Leben führt, ist fast schon ein zu alter Hut.
Ich fühlte mich beim Lesen zurückversetzt in die späten Siebziger, als "Selbstverwirklichung" in aller Munde war, und der Buchmarkt mit Werken wie diesem überschwemmt wurde. Damals war "Aussteigen" aus den eingefahrenen Bahnen das beherrschende Thema,. Heute geht es, folge ich der Autorin, um's Umsteigen. Nur, wie erfahre ich, wenn ich im falschen Zug sitze, wo ich umsteigen kann?
Der Buchtitel verspricht, uns in die Kunst der Berufsfindung einzuweihen, doch genau dieser Aspekt kommt in der Fülle der Ausführungen zu kurz. Dass man Müßiggang betreiben soll, nicht allzu krampfhaft suchen darf, sind Binsenweisheiten, an denen heute niemand mehr zweifelt, die jedoch nicht automatisch zum Erfolg führen. Die äußeren Lebensumstände spielen eine genauso große Rolle wie innere Einsicht und können bei der Verwirklichung der eigenen Träume gehörig im Weg stehen. Die eigentliche Kunst des Findens besteht vielleicht eher in der Überwindung der äußeren Schwierigkeiten (z.B. einen Schulabschluss nachholen, einen Kredit bekommen etc.) als in der Erkenntnis, welcher Beruf der passende ist. Dieser Aspekt wird allerdings von Frau Bock vernachlässigt.
Aus den genannten Gründen finde ich daher den Titel irreführend, denn er gibt ein Versprechen, das der Inhalt schuldig bleibt. Ehrlicher wäre gewesen "Wie ich meine Berufung fand", denn die Autorin geht hauptsächlich von ihren Erfahrungen aus, die sich aber leider nicht auf die Mehrheit der Suchenden übertragen lassen.
Zuammenfassend kann ich sagen, dass es mich immer wieder ärgert, wenn hochpriviligierte Menschen Bücher für andere schreiben, die in der Mehrzahl schlechtere Voraussetzungen für die beruflichen Möglichkeiten mitbringen als sie selbst, und den erwartungsvollen LeseriInnen auch noch versprechen, jeder könne erreichen, was er oder sie sich wünscht. Das ist zwar ein schöner Traum, entspricht aber leider nicht der Realität. Daher: zum Träumen eignet sich das Buch von Frau Bock, aber eine Einweisung in die Kunst, seine Berufung zu finden, ist es nicht.