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Die Kunst des Romans. Essay. ( Literaturwissenschaft).
 
 
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Die Kunst des Romans. Essay. ( Literaturwissenschaft). [Taschenbuch]

Milan Kundera
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Die sieben Teile von Kunderas Essay kreisen um die Geschichte des europäischen Romans von Cervantes bis Kafka und Broch, wobei der Roman nicht nur als literarische Gattung, sondern emphatisch als eigenständige Zugangsweise zur Welt aufgefaßt wird. Aufgabe des Romans sei es - so lautet Kunderas These -, einen bislang unbekannten Aspekt der menschlichen Existenz zu enthüllen und zu erforschen.. Der Roman konkurriert demnach mit der Philosophie und besitzt ebenso großes kulturelles Gewicht wie diese. Neben scharfsinnigen Beobachtungen zu modernen Romantechnik enthält der Essay lange Passagen der Selbstinterpretation, die sich insbesondere auf Der Scherz und Die uneträgliche Leichtigkeit des Seins beziehen. Deutlich wird dabei, wieviel penible Technik und kompositorisches Können in scheinbar so leichtfüßigen Texten verborgen sein kann. Daneben liefert Kundera überzeugende Argumente gegen den angeblichen Tod des europäischen Romans. - Wohl selten in der Literaturgeschichte hat sich ein Romancier öffentlich so eingehend mit dem eigenen Handwerk befaßt: das "Bekenntnis eines Praktikers".

Der Verlag über das Buch

Kunderas gedankenreicher Essay in sieben Teilen ist kein Exkurs eines Theoretikers, der den modernen Roman vor dem Horizont der Geschichte abhandelt, sondern Summe der Überlegungen und Erfahrungen eines Praktikers, der seine schriftstellerische Arbeit als Spiegel und Fortsetzung einer alten Tradition begreift. Diese Tradition beginnt für Kundera mit Cervantes und Don Quijote und führt über den Roman des 18.Jahrhunderts zu den großen Werken der Moderne. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Autorenporträt

Milan Kundera wurde 1929 in Brünn / Tschechoslowakei geboren. Er studierte zunächst Musik, Filmwissenschaften und Literatur in Prag. 1953 veröffentlichte er sein erstes Buch und trat Mitte der fünfziger Jahre auch als Übersetzer, Essayist und Theaterautor an die Öffentlichkeit. 1975 ging er ins Exil nach Paris, wo er heute noch lebt.

Auszug aus Die Kunst des Romans von Milan Kundera, Uli Aumüller. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Christian Salmon: Ich möchte mich in dieser Unterhaltung auf die Ästhetik Ihrer Romane konzentrieren. Aber womit wollen wir anfangen?
M.K.: Mit der Versicherung: Meine Romane sind nicht psychologisch. Genauer: Sie befinden sich jenseits der Ästhetik des üblicherweise psychologisch genannten Romans.
C.S.: Sind denn nicht alle Romane zwangsläufig psychologisch? Das heißt, mit dem Rätsel der Psyche beschäftigt?
M.K.: Wir wollen präziser sein: Alle Romane aller Zeiten sind mit dem Rätsel des Ich beschäftigt. Sobald man ein imaginäres Wesen, eine Figur erschafft, steht man automatisch vor der Frage: Was ist das Ich? Womit kann das Ich erfaßt werden? Das ist eine der Grundfragen, auf denen der Roman als solcher beruht. Anhand der verschiedenen Antworten auf diese Frage könnten Sie, wenn Sie wollen, verschiedene Tendenzen und vielleicht verschiedene Perioden in der Geschich te des Romans unterscheiden. Die ersten europäischen Erzähler kennen den psychologischen Ansatz gar nicht. Boccaccio erzählt uns einfach Handlungen und Abenteuer. Allerdings erkennt man hinter diesen amüsanten Geschichten eine Überzeugung: Indem der Mensch handelt, tritt er aus der immergleichen Welt des Alltags heraus, wo jeder jedem ähnlich ist, als Handelnder unterscheidet er sich von den anderen und wird Individuum. Schon Dante sagte: »Bei jeder Handlung ist die Hauptabsicht des Handelnden, sein eigenes Bild zu enthüllen.« Anfangs wird Handlung als Selbstporträt des Handelnden verstanden. Vier Jahrhunderte nach Boccaccio ist Diderot da skeptischer: sein Jacques der Fatalist verführt die Braut seines Freundes, vor Freude betrinkt er sich, sein Vater verpaßt ihm eine Tracht Prügel, ein Regiment zieht vorbei, aus Ärger darüber läßt er sich anwerben, in der ersten Schlacht wird er am Knie verwundet und hinkt bis an sein Lebensende. Er glaubte ein Liebesabenteuer einzugehen, während er in Wirklichkeit auf seine Invalidität lossteuerte. Er kann sich nie in seiner Tat wiedererkennen. Zwischen seiner Tat und ihm selbst klafft ein Riß. Der Mensch will sein eigenes Bild enthüllen, indem er handelt, aber dieses Bild ist ihm nicht ähnlich. Das Paradoxe der Handlung ist eine der großen Entdeckungen des Romans. Aber wenn das Ich durch sein Handeln nicht erfaßbar ist, wo und wie kann man es dann erfassen? Es trat der Moment ein, in dem der Roman sich auf seiner Suche nach dem Ich von der sichtbaren Welt der Handlung abwenden und sich auf das Unsichtbare des Innenlebens einlassen mußte. Mitte des 18.Jahrhunderts entdeckt Richardson die Form des Briefromans, in dem die Figuren ihre Gedanken und Gefühle bekennen.
C.S.: Die Geburt des psychologischen Romans?
M.K.: Der Ausdruck ist natürlich ungenau und nicht ganz zutreffend. Vermeiden wir ihn und umschreiben wir es so: Richardson hat dem Roman den Weg zur Erforschung des menschlichen Innenlebens gewiesen. Die großen Namen, die das weiterführten, sind bekannt: der Goethe des Werther, Laclos, Benjamin Constant, dann Stendhal und die Schriftsteller seines Jahrhunderts. Diese Entwicklung ist meiner Meinung nach bei Proust und bei Joyce auf ihrem Höhepunkt. Joyce analysiert etwas noch Ungreifbareres als Prousts »ver lorene Zeit«: den gegenwärtigen Augenblick. Es gibt scheinbar nichts Offensichtlicheres, nichts Greifbareres, Spürbareres als den gegenwärtigen Augenblick. Und doch entzieht er sich uns völlig. Das ist das Allertraurigste am Leben. In einer einzigen Sekunde nehmen unser Sehen, unser Hören, unser Riechen (bewußt oder unbewußt) eine Unmenge von Ereignissen wahr, und durch unseren Kopf zieht ein Schwarm von Empfindungen und Ideen. Jeder Augenblick stellt ein kleines Universum dar, das im nächsten Augenblick unwiderruflich vergessen ist. Joyce' großes Mikroskop vermag diesen flüchtigen Augenblick festzuhalten, zu erfassen und ihn uns zu zeigen. Doch die Suche nach dem Ich läuft wieder einmal auf ein Paradoxon hinaus: Je größer die das Ich beobachtende Optik des Mikroskops ist, um so mehr entgehen uns das Ich und seine Einmaligkeit: Unter Joyce' großer Linse, die die Seele in Atome zerlegt, sind wir alle gleich. Doch wenn das Ich und seine Einmaligkeit im Innenleben des Menschen nicht erfaßbar sind, wo und wie kann man sie dann erfassen?
C.S.: Kann man sie überhaupt erfassen?
M.K.: Natürlich nicht. Die Suche nach dem Ich hat immer mit einem unbefriedigenden Paradoxon geendet und wird immer so enden. Ich rede nicht von einem Scheitern. Denn der Roman kann die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten nicht überschreiten, und das Aufzeigen dieser Grenzen ist schon eine immense Entdeckung, eine immense kognitive Leistung. Trotzdem haben die großen Romanciers, nachdem sie den Grund einer ins einzelne gehenden Erforschung des Innenlebens des Ich ausgelotet hatten, bewußt oder unbewußt eine neue Richtung gesucht. Man spricht oft von der heiligen Dreifaltigkeit des modernen Romans: Proust, Joyce, Kafka. Meiner Ansicht nach gibt es diese Dreifaltigkeit gar nicht. In meiner persön lichen Geschichte des Romans schlägt Kafka die neue Richtung ein. Die nach-Proustsche Richtung. Seine Art und Weise, das Ich aufzufassen, ist ganz und gar unerwartet. Wodurch wird K. als einzigartiges Wesen definiert? Weder durch seine äußere Erscheinung (wir erfahren nichts darüber) noch durch seine Biographie (wir kennen sie nicht), noch durch seinen Namen (er hat keinen), noch durch seine Erinnerungen, seine Neigungen, seine Komplexe. Durch sein Verhalten? Der Freiraum für seine Handlungen ist kläglich eingeschränkt. Durch sein Denken? Ja, Kafka geht K.s Reflexionen unentwegt nach, doch die sind ausschließlich auf die gegenwärtige Situation bezogen: Was muß man da jetzt tun? Der Vorladung nachkommen oder sich drücken? Dem Ruf des Priesters folgen oder nicht? K.s gesamtes Innenleben wird von der Situation absorbiert, in der er wie in einer Falle gefangen ist, und was diese Situation überschreiten könnte (K.s Erinnerungen, seine metaphysischen Überlegungen, seine Meinung über die anderen), wird uns nicht mitgeteilt. Für Proust stellte das innere Universum des Menschen ein Wunder dar, ein Unendliches, das uns immer wieder in Staunen versetzte. Aber bei Kafka ist das Staunen woanders. Er fragt nicht nach den inneren Motivationen, die das Verhalten des Menschen bestimmen. Er stellt eine radikal andere Frage: Welche Möglichkeiten bleiben dem Menschen noch in einer Welt, in der die äußere Determiniertheit so übermächtig geworden ist, daß innere Beweggründe nicht mehr ins Gewicht fallen? Tatsächlich, was hätte es an K.s Schicksal und Haltung ändern können, wenn er homosexuelle Neigungen oder eine schmerzliche Liebesgeschichte hinter sich gehabt hätte? Nichts. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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