Das Einzigartige an Schopenhauers "Kunst Recht zu behalten" ist der für seine Zeit innovative Versuch, die Funktionsweise von Rhetorik mittels eines begrenzten Satzes prinzipieller Regeln zu beschreiben. Auf den Erkenntnissen der lateinischen und griechischen Klassiker aufbauend, läutet er den Beginn der modernen Rhetorik ein. Fraglich ist, ob ein begrenzter Satz an Regeln tatsächlich dazu in der Lage sein kann, die gesamte Vielfalt der Kunst der rhetorischen Anwendungen abzubilden. Keineswegs fraglich ist der didaktische und analytische Nutzen seines Versuchs: Es dürfte allgemeine Übereinstimmung in der Ansicht herrschen, dass es bei weitem einfacher ist, sich der Rhetorik über das Studium klarer, prinzipieller Einzelbausteine zu nähern als sein Wissen in der möglicherweise schmerzlichen praktischen Erfahrung der Gesamtvielfalt des Themenkomplexes erwerben zu müssen. Das erstaunliche und bemerkenswerte an diesem Buch ist aber nicht die Schopenhauersche Arbeit, sie macht auch nur knapp die Hälfte des gesamten Werkes aus. Das, was diesem Buch Wert verleiht, ist Gitta Peyn's umfangreiche Weiterführung des schopenhauerschen Ansatzes. Zuerst einmal gelingt ihr eine prägnante Verdichtung der schopenhauerschen Regeln. Nicht ihre Anzahl wird verringert, sondern ihr Inhalt wird auf den Punkt gebracht, was sie entschieden leichter erlernbar und erinnerbar macht. Und dann schafft sie, was schon so vielen Kopfzerbrechen bereitet hat: Sie demonstriert die praktische Anwendung der mitunter schwerverständlichen schopenhauerschen Formalismen in leicht erfassbaren, alltäglichen Beispielen. Darüber hinaus liefert Frau Peyn, in einem dem praktischen Werk vorangestellten Aufsatz, einen Rahmen zum Nachdenken und Diskutieren über die ethischen Aspekte der Anwendung von Kommunikation im Allgemeinen und Rhetorik im Besonderen. Fazit: Ein bemerkenswertes und äußerst lesenswertes Buch, das jedem Rhetorik lernenden und ausübenden, sprachphilosophisch und ethisch Interessierten wichtige Erkenntnisse zugänglich macht.