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Überhaupt ist für Schopenhauer "Dialektik" ohnehin schon nichts anderes, als eben eine Methode, die dazu dient, Recht zu behalten, auch wenn man gar nicht Recht hat, dafür aber um jeden Preis. Somit ist „eristische Dialektik" beinahe als Tautologie zu fassen. Scharf trennt er damit seinen Begriff der Dialektik von denen der anderen Philosophen wie Aristoteles, Kant und Hegel und natürlich auch Marx. (Hier muss ich aber Schopenhauer Abbitte tun, indem ich den ihm verhassten Hegel einen „Philosophen" nenne - gewiss würde er sich mit einem gewaltigen Rumpeln im Grabe umdrehen, könnte er dies lesen...)
In seinem Werk „Die Kunst, Recht zu behalten" eröffnet uns Schopenhauer eine ganz eigene Welt des Disputierens - des Rechthabens auf Teufel komm raus, wie wir heute sagen würden. Dieser eigenwillige Gedankenkünstler, oft zu Unrecht als greiser Polterer unter den Philosophen abgetan, führt uns in aller Kürze eine Fülle von Techniken vor Augen, mit denen der Kontrahent eines Streitgesprächs zunächst gnadenlos als Gegner ausgemacht, als solcher unerbittlich in die Enge getrieben und schließlich (in jedem - ausgenommen dem physischen Sinn) „vernichtet" wird. Mit seinem scharfen Urteil kategorisiert er diese Kniffe und belegt sie teilweise mit Beispielen aus eigenen Streitgesprächen.
Dies alles klingt ziemlich militant; hätte Schopenhauer aber auch nur im Entferntesten ahnen können, in welchem Übermaß diese 38 Kunstgriffe in unserer heutigen medienlastigen Zeit bewusst oder unbewusst bis zum Erbrechen Anwendung finden, dann bin ich mir nicht sicher, ob er sich darüber gefreut hätte, in wie weit er selbst (mal wieder) Recht hatte, oder ob er sich eher darüber ereifert hätte, dass auch jeder andere immer nur selbst Recht haben will. Wahrscheinlich beides.
Schopenhauer will uns aber insofern etwas beruhigen (vielleicht auch sich selbst), indem er die Rechthaberei in den Bereich „zur menschlichen Natur gehörig" rückt und dabei das Hobbes-Zitat anführt: „Alle Herzensfreude und alle Heiterkeit beruht darauf, dass man Menschen habe, im Vergleich zu welchen man hoch von sich denken kann." Also können wir gar nicht anders? Vielleicht - aber Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich die Grundvoraussetzung zur Besserung...
Grund genug also, alle falsche Rücksichten einmal gründlich fallen zu lassen und uns ganz dem Dienst an der Wahrheit zu verschreiben. In 38 Kunstgriffen instruiert uns Schopenhauer über das 'Grundgerüst der Rhetorik', das heißt das, was unabhängig von jeweiliger Gesprächsthematik und -situation, das Gemeinsame der Redekunst ausmacht. Zu jeder Argumentationsfigur fügt er dazu ein Beispiel an. Trotz allem Bestreben zur Systematik sind dabei die einzelnen Kunstgriffe nicht immer fein säuberlich trennbar, einige Kniffe bilden bei eingehender Betrachtung vielmehr doch kleinere Familien. Insgesamt lassen sich aber drei große Ansätze unterscheiden: Ad rem, die Auseinandersetzung mit der objektiven Sache; ex concessis, die Auseinandersetzung mit den subjektiven Behauptungen
des Gesprächsgegners und ad hominem, der persönliche Angriff auf den Gesprächsgegner, wobei das ganze durchweg mit Schopenhauers unverwüstlichem Realismus -manche würden es auch Pessimismus nennen- garniert ist.
Überhaupt ist Schopenhauer gerade dann am Genüßlichsten zu lesen, wenn er anläßlich der Besprechung seiner Rhetorik-Kniffe sozusagen im Vorbeigehen seine Lieblingsthemen von der natürlichen Schlechtigkeit des Menschengeschlechts, der Relativität aller menschlichen Moral und seinen Geistesaristokratismus abhandelt - schließlich gehört alles untrennbar zusammen.
Enttäuscht sein wird, besser gesagt muß, derjenige sein, der sich übermäßige Wunder von dem Buch verhofft. Niemand wird nach der Lektüre zum Erstaunen aller Umstehenden plötzlich Rhetorikkunstgriffe wie Kaninchen aus dem Hut zaubern können, genauso wenig wie niemand nach dem Studium der formalen Logik Schlüsse ziehen kann, die den Mitmenschen in Angst und Staunen versetzen. Die Rhetorik ebenso wie die Kunst des logischen Schließens ist ihrer Natur nach intuitiv und wird bereits von Kindern ohne jegliche formale Kenntnisse fehlerfrei angewendet. Bei Schopenhauers 'Die Kunst, Recht zu behalten' handelt es sich vielmehr um einen systematischen und (leicht) formalisierenden Ordnungsversuch der Kunst der Rhetorik, der seine relative Praxisferne nicht ganz verhehlen kann (implizit gesteht dies auch Schopi ein, indem er auf die Künstlichkeit aller seiner Beispiele verweist). Mit andern Worten: Das Buch liefert das theoretische (aber keineswegs trockene!) Rüstzeug und das auf wirklich angenehme und unterhaltsame Weise. Die praktische Anwendung & Übung auf Kosten unserer lieben Mitmenschen erfolgt jedoch erst im Büro!
Nur RELATIV praxisfern ist der Schopenhauer, insofern als daß derjenige, der es verschmäht, nicht unter 10 New-Age Blubberbüchlein von fönfrisierten Verpackungsverkäufern abgestraft wird!
4 Sterne, weil einer solchen Abhandlung immer etwas Gestelltes, Theoretisches anhaften muß; und weil auch wirklich empfindliche Gemüter sich erstmal flüchtig mit Schopenhauers Geisteshaltung vertraut machen sollten.
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