Wer sich schnelle Hilfe in Sachen "Recht behalten' von Schopenhauers Lektüre erwartet, dem rate ich von dieser Schrift ab. Andererseits handelt es sich um eine urheberrechtsfreie Ausgabe, die als Kindle-Ausgabe nix kostet. Hier gilt wie immer: Versuch macht kluch!
Ich kämpfe mich seit mehr als zwei Monaten durch Schopenhauers Theorien, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Letzteres trifft in der Hauptsache zu, wenn lateinische Begriffe verwendet werden. Es ist dann eine nette Herausforderung nebenbei Suchmaschinen oder Wörterbücher zu bemühen. Auch die Fachbegriffe der Philosophie des 19. Jahrhunderts überfordern meine Kenntnisse bei weitem; obgleich ich sehr gerne in sprachlich veralteten Lektüren stöbere. Hochinteressant ist seine Lehre, vor allem die Kunstgriffe, die, wenn man ich als Philosophie-Laie sie mir verinnerliche durchaus eine gewisse Logik aufweisen. Ich sage "durchaus' weil sich das beim ersten Lesen für mich wie eine fremde Sprache liest und von Sinn und Bedeutung zunächst nicht die Spur für mich erkenntlich ist.
Auch bin ich, Schopenhauers Dialektik und seine Lehren waren mir völlig unbekannt, zunächst dem Irrtum unterlegen, es handle sich hierbei um eine Art Anleitung für Rhetorische Überlegenheit bei Diskussionen. Dem ist nicht so, es geht um die reine Theorie, und es geht darum seine Überlegenheit mit aller Macht durchzusetzen, wohlwissend, dass man nicht Recht hat. Da kann auch mit gemeinen Tricks gearbeitet werden, wie zum Beispiel den Gegner bis aufs Blut zu reizen, damit er Fehler begehe (Kunstriff 8).
Ob das alles ethisch korrekt ist, davon ist nicht die Rede. Es geht ums Recht behalten und da kann man so einiges erfahren vom guten Schopenhauer.
Zu dieser (urheberrechtefreien Kindle-) Ausgabe:
Schopenhauers Eristischer Dialektik ist eine Anmerkung vorangesetzt, die dem Interessenten und Schoppenhauer-Fan vielleicht ein Anhaltspunkt ist.
>Das fast fertige Manuskript fand sich ohne Überschriften in Schopenhauers Nachlaß. Es entstand vermutlich um 1830; der Text wurde unter verschiedenen Titeln wie »Dialektik«, »Eristische Dialektik« oder »Die Kunst, Recht zu behalten« veröffentlicht.<
Die Sprache / Rechtschreibung ist nicht modernisiert, entspricht vermutlich einer Ausgabe die Insel-Verlag erschien:
Die Kunst, Recht zu behalten: In achtunddreißig Kunstgriffen dargestellt (insel taschenbuch)Die Art und Weise wie sich die Schrift (das Buch) auf dem Kindle präsentiert ist etwas abenteuerlich. Ab von der "alten' Sprache", kommen auch Rechtschreibfehler vor (siehe auch meine Zitate unten). Der Text ist gespickt mit Fußnoten. Das Kindle-Wörterbuch ist überfordert mit den Vokabeln.
Der Vorteil der Kindle-Version: Man kann sich Notizen machen, was ich gerne und ausgiebig nutze, bei Büchern wie diesem.
Leseproben - Ich komme nicht umhin einige Stellen zur Veranschaulichung bzw. Verdeutlichung der (meines Erachtens ;-) Umständlichkeit dieses Duktus zu zitieren, weil ich dafür keine beschreibenden Worte finden kann.
>Der Gegner hat eine These aufgestellt (oder wir selbst, das ist gleich). Sie zu widerlegen, gibts zwei Modi und zwei Wege.
1. Die Modi: a) ad rem, b) ad hominem, oder ex concessis: d. h. wir zeigen entweder, daß der Satz nicht übereinstimmt mit der Natur der Dinge, der absoluten objektiven Wahrheit; oder aber nicht mit andern Behauptungen oder Einräumungen des Gegners, d. h. mit der relativen subjektiven Wahrheit: letzteres ist nur eine relative Überführung und macht nichts aus über die objektive Wahrheit.<
>Die Behauptnng welche beziehungsweise, '''' '', relative aufgestellt ist, nehmen, als sei sie allgemein, simpliciter, '''''', absolute aufgestellt, oder wenigstens sie in einer ganz andern Beziehung auffassen, und dann sie in diesem Sinn widerlegen. Des Aristoteles Beispiel ist: der Mohr ist schwarz, hinsichtlich der Zähne aber weiß; also ist er schwarz und nicht schwarz zugleich. ' Das ist ein ersonnenes Beispiel, das Niemand im Ernst täuschen wird: nehmen wir dagegen eines aus der wirklichen Erfahrung.<
Hier noch ein weiterer seiner Kunstgriffe:'
>Kunstgriff 6
Man macht eine versteckte petitio principii, indem man das, was man zu beweisen hätte, postuliert, entweder 1. unter einem andern Namen, z. B. statt Ehre guter Name, statt Jungfrauschaft Tugend usw., auch Wechselbegriffe: ' rotblütige Tiere, statt Wirbeltiere, 2. oder was im Einzelnen streitig ist, im Allgemeinen sich geben läßt, z. B. die Unsicherheit der Medizin behauptet, die Unsicherheit alles menschlichen Wissens postuliert: 3. Wenn vice versa zwei auseinander folgen, das eine zu beweisen ist; man postuliert das andre: 4. Wenn das Allgemeine zu beweisen und man jedes einzelne sich zugeben läßt. (Das umgekehrte von Nr. 2.) (Aristoteles, Topik, VIII, 11.)
Über die Übung zur Dialektik enthält gute Regeln das letzte Kapitel der Topica des Aristoteles.<
Für Otto-Normal-Leser also eine ordentliche Herausforderung. Man wird nicht dümmer dadurch, stelle ich fest, aber ich stoße halt an die Grenzen der Vorstellungskraft, wenn es um Theorien wie diese hier geht. Im schlimmsten Fall kommt man zu der Erkenntnis, dass Recht behalten nicht nur eine Kunst ist, sondern regelrecht anstrengend noch dazu.