Schopenhauers Anleitung zur Kunst, Recht zu behalten ist ein Buch des 19. Jahrhundert, das wie geschaffen ist für die Anfordernisse des 21. Jahrhundert. Es geht nicht um Rhetorik, es geht um das Recht des Stärkeren. Oder besser gesagt: Um das Recht des Stärkeren vermittels der Rhetorik, der Allzweckwaffe unserer Tage in Büro, Schule, Uni und Beziehung. Und die gute Nachricht aus Schopenhauers Munde: Wir können unsere Redefertigkeit sogar gutens Gewissens ausspielen, denn man kann zwar einer schlechten Sachen durch eine schlagkräftige Rhetorik dennoch zum Erfolge verhelfen, aber eben auch eine grundsätzlich gute Sache durch eine mangelhafte Rhetorik der unverdienten Niederlage zuführen.
Grund genug also, alle falsche Rücksichten einmal gründlich fallen zu lassen und uns ganz dem Dienst an der Wahrheit zu verschreiben. In 38 Kunstgriffen instruiert uns Schopenhauer über das 'Grundgerüst der Rhetorik', das heißt das, was unabhängig von jeweiliger Gesprächsthematik und -situation, das Gemeinsame der Redekunst ausmacht. Zu jeder Argumentationsfigur fügt er dazu ein Beispiel an. Trotz allem Bestreben zur Systematik sind dabei die einzelnen Kunstgriffe nicht immer fein säuberlich trennbar, einige Kniffe bilden bei eingehender Betrachtung vielmehr doch kleinere Familien. Insgesamt lassen sich aber drei große Ansätze unterscheiden: Ad rem, die Auseinandersetzung mit der objektiven Sache; ex concessis, die Auseinandersetzung mit den subjektiven Behauptungen
des Gesprächsgegners und ad hominem, der persönliche Angriff auf den Gesprächsgegner, wobei das ganze durchweg mit Schopenhauers unverwüstlichem Realismus -manche würden es auch Pessimismus nennen- garniert ist.
Überhaupt ist Schopenhauer gerade dann am Genüßlichsten zu lesen, wenn er anläßlich der Besprechung seiner Rhetorik-Kniffe sozusagen im Vorbeigehen seine Lieblingsthemen von der natürlichen Schlechtigkeit des Menschengeschlechts, der Relativität aller menschlichen Moral und seinen Geistesaristokratismus abhandelt - schließlich gehört alles untrennbar zusammen.
Enttäuscht sein wird, besser gesagt muß, derjenige sein, der sich übermäßige Wunder von dem Buch verhofft. Niemand wird nach der Lektüre zum Erstaunen aller Umstehenden plötzlich Rhetorikkunstgriffe wie Kaninchen aus dem Hut zaubern können, genauso wenig wie niemand nach dem Studium der formalen Logik Schlüsse ziehen kann, die den Mitmenschen in Angst und Staunen versetzen. Die Rhetorik ebenso wie die Kunst des logischen Schließens ist ihrer Natur nach intuitiv und wird bereits von Kindern ohne jegliche formale Kenntnisse fehlerfrei angewendet. Bei Schopenhauers 'Die Kunst, Recht zu behalten' handelt es sich vielmehr um einen systematischen und (leicht) formalisierenden Ordnungsversuch der Kunst der Rhetorik, der seine relative Praxisferne nicht ganz verhehlen kann (implizit gesteht dies auch Schopi ein, indem er auf die Künstlichkeit aller seiner Beispiele verweist). Mit andern Worten: Das Buch liefert das theoretische (aber keineswegs trockene!) Rüstzeug und das auf wirklich angenehme und unterhaltsame Weise. Die praktische Anwendung & Übung auf Kosten unserer lieben Mitmenschen erfolgt jedoch erst im Büro!
Nur RELATIV praxisfern ist der Schopenhauer, insofern als daß derjenige, der es verschmäht, nicht unter 10 New-Age Blubberbüchlein von fönfrisierten Verpackungsverkäufern abgestraft wird!
4 Sterne, weil einer solchen Abhandlung immer etwas Gestelltes, Theoretisches anhaften muß; und weil auch wirklich empfindliche Gemüter sich erstmal flüchtig mit Schopenhauers Geisteshaltung vertraut machen sollten.