Menschenführung - steckt dahinter die bloße Tatsache, Chef einer bestimmten Anzahl von Menschen zu sein? Oder ist mit diesem Begriff viel mehr angesprochen? Abtprimas Notker Wolf und Schwester Enrica Rosanna tragen in ihrem jeweiligen Dienst große Verantwortung und zeigen in dem Buch "Die Kunst, Menschen zu führen", dass Menschenführung weit über das bloße Chefsein hinausgeht.
Alle Überlegungen des Buches gehen vom christlichen Menschenbild aus wie es der heilige Benedikt von Nursia seiner Regel zugrunde legt: Von Gott selbst geschaffen, trägt der Mensch höchste Würde in sich, hat aber andererseits auch seine Schwächen und Fehler und verliert sich oft auf den Wegen der Verführung (vgl. S. 13).
Das Buch richtet sich vor allem an zwei Gruppen von Lesern: die erste sind Führungskräfte in der Wirtschaft und Personen, die öffentliche Ämter bekleiden, die zweite Eltern, Erzieher und Lehrer.
Beim Thema Führung in Wirtschaft und Öffentlichkeit lenken Abtprimas Notker Wolf und Schwester Enrica Rosanna die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Begriff der Autorität: Autorität ist nicht etwa einzig und allein ein Über- und Unterordnungsverhältnis, sie ist vielmehr "Souveränität" (S. 80), eine Haltung also, die, trotz des Führungsanspruchs, immer auch den Gegenüber im Blick hat, auf ihn Rücksicht und die eigene Person nicht zu wichtig nimmt. Für den Chef geht es also vordringlich darum: er muss die "Mitarbeiter wahrnehmen, erst nehmen und als Individuen behandeln" (S. 35). Bei Konflikten muss er etwaige Kränkungen wegstecken können, bei Kritik an Mitarbeitern hat er im Voraus "Motiv, Notwendigkeit und Wirkung" (S. 94) seiner Worte abzuwägen. Zugleich ist es für den Chef jedoch wichtig, stets entschlossen zu handeln in seinen Entscheidungen.
Lehrer, Erzieher und diejenigen, die für ein Kind als Mutter oder Vater Verantwortung tragen, werden sehen: Behütet man die Kinder zu sehr, hilft dies nicht, ebenso wenig hilft es aber, darauf zu vertrauen, aus ihnen werde ganz von selbst etwas werden. Vielmehr geht es für Eltern darum, den Kindern ein vernünftiges Vorbild zu sein und jederzeit bereit zum Gespräch - Letzteres wird umso wichtiger, je mehr die Welt der Medien Einfluss hat auf die Kinder. Lehrern empfiehlt das Buch eine "wohlwollende Autorität" (S. 180), die stets zum Besten der Schüler ist. Im Blick ist also ein Unterricht, der nicht nur beschult: er soll auch Wissensdurst fördern.
Die Quintessenz dieses Buches liegt also, wie ich meine, in Folgendem - und das gilt für Wirtschaft und Öffentlichkeit genauso wie für Schule und Erziehung: Entstehen muss ein Miteinander in gegenseitigem Respekt, zu dem jeder seinen Teil beiträgt, in dem aber auch klar ist, wer die Richtung vorgibt.
Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Werk für alle, die viel mit Menschen zu tun haben.