Diese Wiederveröffentlichung von Nabokovs Texten über europäische und russische Literatur basiert auf seinen Vorlesungen an der Cornell University in den 1940er und 1950er Jahren. Sie sind also noch vor seinem literarischen Meisterwerk und Welterfolg "Lolita" von 1955 entstanden. Eine erste deutschsprachige Edition der Vorlesungen ist in zwei Teilen 1982 und 1984 erschienen. Seither ist diesen Texten keine größere Aufmerksamkeit mehr zuteil geworden. Umso lobenswerter, dass der Fischer-Verlag Nabokovs feinsinnige und geistreiche Betrachtungen erneut einem größeren Publikum zur Verfügung stellt.
Vladimir Nabokov (1899-1977), amerikanischer Romancier, Essayist und Literaturwissenschaftler mit russischen Wurzeln, hat sich in seinen Vorlesungen großer stilprägender Meisterwerke der europäischen und russischen Literatur angenommen; er berichtet über Jane Austen, Charles Dickens oder Robert Louis Stevenson so engagiert und kenntnisreich wie über Gogol, Dostojewski oder Tolstoi. Scharfsinnig, pointiert, ironisch, doch stets genau beobachtend und bisweilen philologisch sehr akkurat. Nabokov scheut längere Zitate oder Nacherzählungen keineswegs. Sie sind gleichsam Teil seines rezeptionsästhetischen Programms.
Gleichwohl: Die mit über 500 Seiten sehr umfangreiche Sammlung liest sich leicht, vergnüglich und unangestrengt. Jenseits jeder akademischen Akribie lässt Nabokov den Leser lustvoll an seinen Florilegien teilhaben. Seine Interpretationen haben eher den Charakter von Hypothesen, weniger den von literaturwissenschaftlicher Beweisführung. In allem ist ein essayistischer, ein versuchender Geist erkennbar, der die Faszination von Literatur buchstäblich mitteilen will.
Im einleitenden Aufsatz heißt es: "Entstanden ist Literatur nicht an dem Tag, da ein Junge hilferufend aus dem Neandertal gerannt kam, weil ihm ein großer grauer Wolf auf den Fersen war: sie trat in jenem Augenblick ins Leben, als ein Junge gelaufen kam und schrie, ein Wolf verfolge ihn, ohne dass es an dem war. Den armen kleinen Kerl fraß später ein wirklich Untier, weil er zu oft log, doch das ist unerheblich." (S. 15)
Schon diese Passage lässt den Charme und Witz von Nabokovs Literatur über Literatur überdeutlich erkennen. Texte voll intellektueller und sprachlicher Brillanz, sinnreich, wendig, klug und voller Menschenliebe. Wie heute nur noch bei Claudio Magris ist Literatur für Nabokov konkrete Utopie; der Homme de Lettre ein Weltenretter und die Bibliomanie eine erste Bürgerpflicht. Eine unbedingte Empfehlung daher für dieses literarische Brevier, Vademecum, Lexikon.
(Dem Charakter der Reihe "Fischer Klassik" entsprechend, schließt auch dieser Band mit einem lexikalischen Eintrag aus Kindlers Literatur Lexikon ab. Ein wenig informativer, ja entbehrlicher Eintrag. Aber das tut der Qualität des Ganzen keinen Abbruch.)