Hamlet: Was gibt es Neues?
Rosenkranz: Nichts, mein Prinz, außer dass die Welt ehrlich geworden ist.
Hamlet: So steht der jüngste Tag bevor; aber eure Neuigkeit ist nicht wahr.
Das Lesen sei die Stärkung des Selbst. So Harold Bloom und er wartet auf mit den Genien dieser Welt, sei es mit dem Blick auf die Kurzgeschichte (z.B. Tschechow, Maupassant, Hemmingway), mit Blick auf Lyrik (z.B. Shakespeares Sonette, Miltons verlorenes Paradies oder Shelley und Keats, die Hochromantiker Englands), mit Blick auf die großen Romane (Cervantes, Dostojewski, Proust, Mann, Melville), mit Blick auf die Stücke (Shakespears Hamlet, Ibsen, Wilde). Wie und Warum wir lesen sollten? So die Frage des Untertitels des sehr interessanten und anregenden Buches. Bloom, Literaturwissenschaftler und Verfechter der habtilen Lesefreuden jenseits der Invasion von elektronischen Medien, stellt sich dem Untergang des Lesens von Büchern entgegen. Doch diese Gegendarstellung zum Aktuellen ist nicht eine rein Bloomsche. Vielmehr nimmt er seine Helden und Genien in den Ring und ficht mit ihnen gegen eine Welt, die sich den Einsichten großer Literatur entzogen hat.
Richtiges Lesen ist wie Umgraben seiner selbst, wie wir bei Martin Walser lesen konnten. Für Bloom ist es ein Schritt auf einen Spiegel zu, der uns, den Leser, in dem was wir lesen neu positionieren kann. Lernen durch Lesen heißt, sich einem neuen Bewusstsein zuzuwenden, die Einbildungskraft zu erweitern, sich seiner Phantasie anheimzugeben. Lesen ist somit eine Distanz zur Umwelt, um diese neu zu sehen. Es gibt keinen theoretischen Leitfaden. Es gilt, Erfahrung durch Lesen zu erweitern, Handlungsmodelle vor dem Handeln mental zu erleben und mit neuer Selbsterkenntnis neue Sozialkompetenz zu erwerben. Die großen Charaktere aus den dargestellten Beispielen erzeugen eine Vertrautheit über das erfahrene Leben hinaus, wenn man es als Leser zulässt. Sie zeigen aber auch die Herkunft des Gegebenen und beraten indirekt, sich den Schwierigkeiten entgegenzustellen, dem Leben in seiner Vielfalt zu trotzen oder es mit ihnen zu lieben.
Aus Hamlet kennen wir die Szene, in der Hamlets Lob auf Horatio diesen zum besten aller Menschen macht. Und doch, so muss man meinen, ist es Shakespears geliebtes Publikum, und damit der Leser, den, wie Horatio, die Leidenschaft nicht zum Sklaven machen soll, sondern er in des Künstlers Herzens Herzen gehegt wird. Nicht mehr sagt Shakespeare, als dass das Publikum ein stoisch weises ist, weil es zwischen Leben und Schauspiel, Leben und Roman zu unterscheiden weiß.
Hier noch im Lob, später in der Prophezeiung unserer Beschränkungen. 400 Jahre später erkennen wir, dass auch riesiges Wissen über unser Bewusstsein nur wenig dazu beiträgt zu erkennen, was nicht bewusst ist. Jenes Geheimnis, was den Willen durchkreuzt, jene Entschliessung durch des "Gedankens Blässe angekränkelt". Hamlets Tod ist ein Ende, welches Hoffnung auf Mut im Angesicht des Endes vorbildet.
"Nicht dir obliegt es, das Werk zu vollenden, du bist aber auch nicht frei, dich ihm zu entziehen." (Rabbi Tarphon) Also, warum lesen? Warum schreiben? Ist es die Macht des Geistes über das Universum des Todes, die in den großen Literaten sich offenbart? Im Widerspruch zu Tarphon nun Shakespears endgültig letzte Zeilen von "Die beiden edlen Vettern": "Und lasst und dankbar sein für das, was ist / Und hadern nicht mit Euch, den über uns / Allmächtig Waltenden. Kommt jetzt mit mir, / Und was die Zeit verlangt, dass lasst uns tun!" In dieser Ambivalenz liegt vielleicht die Kunst der Lektüre, in diesem Balanceakt der Grund für die Fragen: Wie und Warum wir lesen sollten?
~~