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Essays und New Yorker Impressionen von Paul Auster
In der ersten Hälfte der siebziger Jahre lebte Paul Auster als unbekannter junger Schriftsteller in Frankreich. Er schrieb Gedichte, den Lebensunterhalt verdiente er sich mit Auftragsarbeiten. Es entstanden Lexikonbeiträge, Vorworte, Buchbesprechungen, miserabelst bezahlt alles: Seine Übersetzung der nordvietnamesischen Verfassung ins Englische etwa wurde mit einem billigen Abendessen honoriert, natürlich beim Vietnamesen. 1974, im Alter von achtundzwanzig Jahren, kehrte Auster in die Staaten zurück, ein Gescheiterter, in heroischer Unverdrossenheit an seiner lyrischen Produktion weiterhin festhaltend mit dem zu erwartenden Erfolg.
«Mein Leben lang war ich dem Thema Geld aus dem Weg gegangen, und jetzt konnte ich plötzlich an nichts anderes mehr denken», heisst es dazu in der Chronik früher Fehlschläge, die vor zwei Jahren unter dem Titel «Von der Hand in den Mund» auch auf Deutsch erschienen ist. Als Produkt einer rigiden Schubladenplünderung nimmt sich der Band aus; es durfte dabei nicht bleiben. Nie wieder arm! scheint die Devise des mittlerweile weltweit gelesenen Schriftstellers zu sein; sie sieht sich bekräftigt in Austers jüngsten Textsammlungen. Der bereits im Frühjahr erschienene Essayband «Die Kunst des Hungers» ebenso wie der dieser Tage aufgelegte Reader «Mein New York» gehören wohl beide in die Sparte der Selbstverwertung; doch sie haben ihre Bedeutung nicht nur als Geschenke für die Fans.
Ein Aufsatz über Knut Hamsuns ersten Roman, «Hunger», bildet den programmatischen Anfang des Essaybandes, gefolgt von einer Hommage an Kafka. Bei beiden sieht Auster eine «Ästhetik des Hungers» am Werk, eine Kunst der Not und des Verlangens. Der darbende Künstler ist für Auster der Künstler schlechthin, der in gleichsam masochistischer Askese eine intime Verzweiflung weniger zu entwirren denn zu entfalten sucht. Selbstauszehrung wird umgesetzt in eine Kunst, die auf die Misere des Daseins antworten möchte im «Wissen, dass es keine richtigen Antworten gibt». Die Bemühung, «sich selbst auszudrücken», soll ihre Ziele gerade da am ehesten erreichen, wo dieses Selbst als blinder Fleck in die opake Vielfalt der Welt eingeschrieben wird. Dass in deren Zentrum ein gleichsam babylonisches Vakuum der Worte steht, scheint die genuine Mangelerfahrung der Dichter zu sein; diese Leerstelle durch Duplizierung zum Sprechen zu bringen, sieht Auster als den aporetischen, häufig sehr real selbstmörderischen Auftrag der Literatur.
Dass dichterische Kompetenz nicht nur in allerlei seelischen Defiziten, sondern und nicht zuletzt auch in der Gefährdung durch missliche äussere Umstände zu höchsten Resultaten gelangen kann, ist der Schluss, den Auster aus seiner Lektüre zieht. Was den Essays des Amerikaners einen ganz eigenen Reiz verleiht, könnte darin zu finden sein, dass es (fast) ausschliesslich europäische Autoren sind, denen er seine Aufmerksamkeit widmet. Etliche der Texte wurden ursprünglich für amerikanische Zeitschriften geschrieben. So eignet denn Austers Ausführungen etwa zum Werk von Edmond Jabès, zu Mallarmés Anatole-Fragmenten wie auch zu Becketts Französisch ein deutlich pragmatischer Zug. Auster will seine Autoren nicht feiern, sondern vermitteln; dass er auf der Höhe der Theorien von Strukturalismus und Dekonstruktion ist, lässt die elegante Sprache zwischen den Zeilen stets ahnen.
Instruktiv zu lesen sind die den Band beschliessenden Interviews, in denen Auster auf die eigene schriftstellerische Produktion eingeht. «Schreiben ist für mich längst kein Akt des freien Willens mehr, es ist eine Sache des Überlebens», lautet hier die zentrale Aussage, die abermals auf das Motiv des in Existenzangst gründenden literarischen Unternehmens verweist. Ein Ausruhen auf dem Erreichten gibt es offenbar auch für den Erfolgsautor Auster nicht. Jedes Buch ist für ihn ein weiterer «Beweis meiner Unwissenheit», Koinzidenzen, Zufallserinnerungen, Dubiositäten aller Art spielen dabei eine entscheidende Rolle. Dass «ein Buch nur es selbst werden kann, insoweit der Autor es nicht versteht», bezeugt noch einmal Austers Verankerung in der europäisch-hermetischen Schule.
Die zunehmende Redundanz in Austers Werk erscheint als Programm eines Autors, der «im Grunde stets dasselbe Buch» schreibt. Als Modell dieses einen und einzigen Buches darf der Band «Mein New York» gelesen werden. Längere und kürzere Passagen aus den Romanen bilden einen neuen Textkörper, der sich nicht mehr auf die Machinationen von Plot und Figurenentwicklung einlassen muss. Die Stadt selbst wird zu einem Roman der Fragmente, konfiguriert im spezifischen Blick des Autors Paul Auster. «Es geht um Leben und Sterben und um den Versuch, zu begreifen, was wir hier eigentlich machen», heisst es dazu im Essayband. Dieses Hier ist für Auster vor allem einmal sein Lebensort New York. Es ist das ihm bestimmte, ihn bestimmende Babel, gebaut aus Kontingenz und Verlorenheit.
Bruno Steiger
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