Aus der Amazon.de-Redaktion
Auf Grund von Forschungsergebnissen der 80er Jahre musste die Entstehung der
Kunst der Fuge, zumindest in ihrer ersten Fassung, auf spätestens 1742 vordatiert werden, wodurch der Zyklus etwas von seiner geheimnisvollen, direkt mit Bachs Tod in Verbindung stehenden Aura verloren hat. Zahlreiche offene Fragen bleiben dennoch ungeklärt: Zweifellos ist das Werk im Zusammenhang mit einer Reihe exemplarischer Kompositionen zu betrachten, die Bach gegen Ende seines Lebens vermächtnishaft zusammenstellte und für den Druck vorbereitete. Der über die bloße musikalische Substanz hinausgehende Gehalt besonders dieser Musterkompositionen ist schon immer Gegenstand unterschiedlichster Untersuchungen bis hin zu wildesten Spekulationen gewesen. Auf einen theologischen Hintergrund deutet vor allem die Einführung des B-a-c-h-Themas in den letzten, erst sehr spät begonnenen und daher unvollendet gebliebenen letzten Kontrapunkt. Das Setzen des eigenen Namens meint bei Bach niemals Verewigung des eigenen Genies, sondern bescheidene Einordnung in einen letztlich auf Gott verweisenden, musikalisch abgebildeten Zusammenhang. Die Verwandtschaft des dem Zyklus zu Grunde liegenden Themas mit dem Choral "Aus tiefer Not schrei ich zu dir", den es bei seiner Umkehrung im dritten und vierten Kontrapunkt hörbar werden lässt, weist in die selbe Richtung.
Den langen Weg von der ersten monothematischen Fuge bis zum unvollendeten, kurz nach der Einführung des B-a-c-h-Themas eindrucksvoll abbrechenden letzten Satz gestalten Ton Koopman und Tini Mathot an zwei wohlklingenden, sehr direkt aufgenommenen Cembali ausgesprochen abwechslungsreich und spannungsgeladen. Die Partiturnotation der Erstausgabe lässt ja die Art der Ausführung des Zyklus offen; der Vorteil an der hier eingespielten Version ist (gegenüber der Orgelfassung) die Freiheit der fast immer zweistimmig spielenden Musiker, den Satz reichhaltig zu verzieren, wovon sie zur Freude des Hörers ausgiebig Gebrauch machen. So dargeboten, tritt der akademische Charakter des Werks zu Gunsten seiner prachtvollen Klanggestalt in den Hintergrund, ohne jedoch an Bedeutung zu verlieren: Durch differenziertes, fein artikuliertes Spiel verstehen es Koopman und Mathot, die kunstvolle kontrapunktische Struktur durchsichtig und plastisch zu präsentieren.
Für ein tieferes Verständnis der Kunst der Fuge empfiehlt sich freilich die Hinzunahme einer Partitur sowie einschlägiger Literatur, vor allem Hans Heinrich Eggebrechts Büchlein Bachs Kunst der Fuge. Christoph Wolffs Booklettext verweilt leider sehr im Allgemeinen, ohne auf die vorliegende Interpretation und die teilweise verwirrende, in keiner Ausgabe so zu findende Reihenfolge der Stücke einzugehen. Ein paar Worte von Koopman selbst wären hier hilfreicher. --Michael Wersin