Musica Antiqua legt hier unter Leitung von Reinhard Goebel eine sehr musikalische und abwechslungsreiche Einspielung vor. Die Ensemblebesetzungen variieren zwischen Streichquartett (mal mit zwei Violinen, mal mit zwei Bratschen), Streichquartett mit Cembalo, Streichtrio mit Cembalo, Cembalo solo und zwei Cembali. Neben den gewohnt souveränen Ensemblemitgliedern von Musica Antiqua (Reinhard Goebel, Hajo Bäß, Andreas Staier...) tritt hier noch Robert Hill am Cembalo in Erscheinung, der 1998 selbst eine nicht ganz unbeachtete Interpretation des Werkes aufgenommen hat.
Unterstützt von den unterschiedlichen Klangfarben der Instrumente gelingt es den Interpreten die Einzelstimmen gut herauszuarbeiten ohne jedoch die Gesamtwirkung aus den Augen zu verlieren. Die einzelnen Contrapuncti werden teilweise sehr unterschiedlich interpretiert, doch fügen sich die einzelnen Teile zu einem Ganzen. Zusammen mit dem klanglichen Gegensatz zwischen den Streichern und den Cembali schafft dies eine Balance zwischen struktureller Klarheit und Strenge einerseits, sowie Klangschönheit und lustvollem Musizieren andererseits (Contrapunctus 13 inversus hat schon fast den Charakter eines Tanzes). Das mag Zuhöreren, die in der "Kunst der Fuge" vornehmlich ein Werk von mathematischer Strenge und musikalischer Apotheose sehen misfallen, doch für mich ist die vorliegende Interpretation eine absolut gleichberechtigte Sichtweise, die das Spektrum der musikalischen Deutungsmöglichkeiten dieses Gipfelwerkes in positiver Hinsicht erweitert und an der der alte Bach sicherlich seine Freude gehabt hätte.