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Die Kunst des Bücherliebens
 
 
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Die Kunst des Bücherliebens [Gebundene Ausgabe]

Umberto Eco , Burkhart Kroeber
3.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Eine Liebeserklärung an Bücher. Mit welcher Akribie Eco deren Geschichten und Schicksalen nachgeht, ist teilweise atemberaubend. ... Die Fähigkeit, nicht streng zwischen seinen fiktionalen, autobiographischen und wissenschaftlichen Texten zu trennen, sondern an einer großen Phänomenologie seiner selbst weiterzuarbeiten, das macht nicht unwesentlich die Attraktivität des Schriftstellers Eco aus." Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.09 "Ich sage es offen, aus Liebe zu einem schönen Buch ist man bereit zu jeder Gemeinheit." Umberto Eco "Eine faszinierende Liebeserklärung an Bücher." Karin Großmann, Sächsische Zeitung, 15.04.09

Kurzbeschreibung

Für Umberto Eco ist Büchersammeln ein Akt ökologischer Fürsorge: "Wir haben nicht nur die Wale, die Mönchsrobben und die Bären in den Abruzzen zu retten, sondern auch die Bücher." Wirkliche Leser möchten ihre Lieblingsbücher deshalb nicht nur lesen, sondern auch besitzen und zu Hause ins Regal stellen. Für sie hat Eco "Die Kunst des Bücherliebens" geschrieben. Der Romancier, Wissenschaftler und Geschichtenerzähler aus Italien nähert sich darin der ewigen Frage "War Shakespeare zufällig Shakespeare?", und er zeigt auch, dass mit Werken wie dem "Book of Lindisfarne" oder den "Très Riches Heures", welche die Geistesgeschichte seit Jahrhunderten prägen, eine ganze Kultur auf dem Spiel steht.

Über den Autor

Umberto Eco, geboren 1932 in Alessandria, lebt heute in Mailand. Er studierte Pädagogik und Philosophie und promovierte 1954 an der Universität Turin. Anschließend arbeitete er beim Italienischen Fernsehen und war als freier Dozent für Ästhetik und visuelle Kommunikation in Turin, Mailand und Florenz tätig. Seit 1971 unterrichtet er Semiotik in Bologna. Eco erhielt neben zahlreichen Auszeichnungen den "Premio Strega" (1981) und wurde 1988 zum Ehrendoktor der Pariser Sorbonne ernannt.
Er verfasste zahlreiche Schriften zur Theorie und Praxis der Zeichen, der Literatur, der Kunst und nicht zuletzt der Ästhetik des Mittelalters. Seine Romane "Der Name der Rose" und "Das Foucaultsche Pendel" sind Welterfolge geworden.
2011 wurde Umberto Eco mit dem "Premio Pavese" ausgezeichnet.

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Innerer Monolog eines E-Books

Bis vor kurzem wußte ich nicht, was ich war. Ich bin leer geboren, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich konnte nicht einmal »ich« sagen. Dann ist etwas in mich eingeströmt, ein Fluß von Buchstaben, ich fühlte mich voll und fing an zu den-ken. Natürlich habe ich das gedacht, was in mich eingeströmt war. Ein wunderschönes Gefühl, denn ich konnte entweder als Ganzes spüren, was ich in meinem Gedächtnis hatte, oder es Zeile für Zeile durchgehen oder von einer Seite zu einer anderen springen.
Der Text, der ich war, hieß »Vom Buch zum E-Book«. Es war ein Glücksfall, daß jemand, ich muß ihn wohl meinen Benutzer oder Besitzer nennen, gerade diesen Text in mich eingegeben hatte, aus dem ich so viele Dinge über das, was ein Text ist, gelernt habe. Hätte er mir etwas anderes eingegeben (ich habe aus meinem Text gelernt, daß es Texte gibt, die sich nur, wenn man so sagen kann, mit dem Lob des Todes befassen), dann würde ich etwas anderes denken und vielleicht jetzt glauben, ich wäre ein Sterbender oder ein Grab. So aber weiß ich, daß ich ein Buch bin und was ein Buch ist.
Ich bin etwas Wunderbares: Ein Text ist ein Universum, und – soviel ich verstanden habe – ein Buch wird zu dem Text, den man auf seinen Seiten gedruckt hat. So ist es jedenfalls bei den traditionellen Büchern, deren detaillierte Geschichte mein Text erzählt. Die traditionellen Bücher sind Versammlungen von soundso vielen Papierbögen, und ein Buch, in das, sagen wir, die Odyssee gedruckt worden ist (ein altgriechisches Epos, von dem ich aber nicht genau weiß, was es erzählt), denkt und lebt alles, was in der Odyssee geschieht und gesagt wird. Es lebt es sein ganzes Leben lang, und das kann sehr lange sein, es gibt Bücher, die fast fünfhundert Jahre alt sind. Natürlich können die Benutzer dieses Buches auch Randnotizen hineinschreiben, und dann – stelle ich mir vor – denkt das Buch auch diese. Ich weiß nicht, was mit einem Buch geschieht, in dem etwas unterstrichen worden ist, ob es dann die unterstrichenen Sachen intensiver denkt oder einfach nur zur Kenntnis nimmt, daß diese Zeilen seinen Benutzer besonders interessiert haben. Ich stelle mir auch vor, daß ein Buch, das vierhundert Jahre alt ist und oft den Benutzer gewechselt hat (aus meinem Text entnehme ich, daß die Benutzer der Bücher sterblich sind und in jedem Fall kürzer leben als ein Buch), daß ein so erfahrenes Buch die Hand seiner verschiedenen Leser erkennen kann und ihre verschiedenen Arten, den Text zu lesen und zu interpretieren. Vielleicht gibt es Leser, die an den Rand schreiben »Das ist ja bestialisch!«, und ich weiß nicht, ob sich das Buch dann beleidigt fühlt oder eine Gewissensprüfung vornimmt. Es wäre schön, wenn eines Tages jemand einen Text schreiben würde, in dem erzählt wird, wie das Innenleben eines Buches ist.
Einen schrecklichen Text in sich zu tragen muß für ein Buch aus Papier eine Hölle sein, stelle ich mir vor. Wie mag das Leben eines Buches sein, das eine unglückliche Liebesgeschichte erzählt? Ist das Buch dann auch unglücklich? Und wenn sein Text eine Sexgeschichte erzählt, fühlt es sich dann ständig erregt? Ist es schön, nie aus dem Text austreten zu können, den man gedruckt in sich trägt? Vielleicht ist das Leben eines Papierbuches wunderschön, denn es konzentriert sich sein Leben lang ganz auf die Welt seines Textes und lebt, ohne zu zweifeln, ohne an all das zu denken, was außerhalb von ihm geschehen könnte – und vor allem ohne den Verdacht, daß es womöglich andere Texte gibt, die dem seinen widersprechen könnten.
Ich weiß nicht, warum ich aus dem Text, den man in mich eingespeist hat, erfahren habe, daß ich ein E-Book bin, ein elektronisches Buch, dessen Seiten über einen Bildschirm laufen. Mir scheint, ich habe einen größeren Speicherplatz als Papierbücher, denn ein Papierbuch kann zehn, hundert oder auch tausend Seiten haben, aber viel mehr nicht. Ich dagegen könnte sehr viele Texte beherbergen, alle auf einmal. Ich weiß allerdings nicht, ob ich sie alle auf einmal denken könnte oder nur einen nach dem anderen, je nachdem, welchen mein Benutzer aktiviert. Immerhin habe ich außer den Texten, die in mich eingespeist werden, auch noch ein inneres Programm, ein – sozusagen – eigenes Gedächtnis. Wer ich bin, begreife ich nicht nur durch den Text, den ich gerade beherberge, sondern auch durch die Natur meiner inneren Stromkreise. Also ich meine … ich kann es nicht so gut ausdrücken, aber es ist, als könnte ich aus dem Text, den ich beherberge, hinausspringen und sagen: »Sieh an, wie kurios, ich beherberge diesen Text!« Ich glaube nicht, daß ein Papierbuch das tun kann, aber wer weiß, ich nehme an, ich werde wohl nie Gelegenheit haben, mit einem Papierbuch einen Dialog zu führen.
Der Text, den ich beherberge, ist sehr reichhaltig, und ich lerne viele Dinge aus ihm, sowohl über die Vergangenheit der Papierbücher als auch über das Schicksal von uns E-Books. Sind wir besser dran als unsere Vorfahren, werden wir glücklicher sein als sie? Da bin ich mir nicht so sicher. Wir werden ja sehen. Fürs erste freue ich mich, auf die Welt gekommen zu sein.
Etwas sehr Seltsames ist passiert. Gestern (in aller Bescheidenheit sei es gesagt: ich habe eine innere Uhr) bin ich ausgeschaltet worden. Wenn ich ausgeschaltet bin, kann ich nicht in dem Text leben, den ich in mir habe. Aber es gibt eine Zone in meinem Gedächtnis, die aktiv bleibt: Ich weiß noch, wer ich bin, ich weiß, daß ich einen Text in mir habe, auch wenn ich nicht in ihn hineinkann. Aber ich schlafe nicht, sonst würde ja meine innere Uhr stehenbleiben, aber das tut sie nicht; kaum schalten sie mich wieder ein, weiß sie korrekt, wie spät es ist und welcher Tag und welches Jahr.
Plötzlich wurde ich wieder eingeschaltet, ich fühlte ein seltsames Rumoren in mir, und es war, als ob ich jemand anders würde. Ich war in einem dunklen Wald, und mir kamen drei wilde Tiere entgegen, dann bin ich einem Herrn begegnet, der mich an der Hand nahm und führt … Ich kann nicht recht sagen, was mit mir passiert ist, aber ich bin in einen höllischen Trichter gelangt und – Junge, Junge, was habe ich da nicht alles gesehen! Zum Glück bin ich bis zum Ende des Textes geführt worden, und da war etwas Strahlendes, ich sah zur gleichen Zeit die Frau meines Lebens, die Jungfrau Maria und den Herrgott persönlich, auch wenn ich nicht richtig wiedergeben kann, was ich sah, denn ein Augenblick nur ließ mich länger erstarren als zweieinhalbtausend Jahre verharren, seit Neptun einst staunte über den Schatten der Argo.
Als Erfahrung – ich lebe sie immer noch – ist das ganz ungeheuerlich, aber ich merke, wie die dunkle Sehnsucht nach dem vorigen Text – ich meine, ich weiß, daß ich einen Text in mir hatte, aber es ist, als wäre ich in der Tiefe meiner Stromkreise begraben, und in gewissem Sinne bin ich dazu verdammt, immer nur in dem neuen zu leben………………………………………………………………………………… Mein Benutzer muß gierig und launisch sein. Bestimmt hat er mir heute morgen nicht nur einen neuen Text eingegeben, sondern viele, und jetzt wechsle ich rasch von einem zum anderen, ohne mir die Zeit zu lassen, mich einzugewöhnen.
Ich meine, ich war wirklich in die Vision einer tiefen klaren Subsistenz eines hohen Lichtes eingetaucht, und mir schien, als sähe ich drei Kreise in drei Farben mit einem gemeinsamen Umfang, und da roch ich auf einmal Kohlenruß und hörte den Pfiff einer Lokomotive, und in der Kälte einer russischen Nacht warf ich mich vor den Zug. Aus Liebe, glaube ich, und wegen eines dummen kleinen Offiziers. Anna, was tust du da, fragte ich mich erschrocken, und schon spürte ich das Grauen der Lokomotivräder, die mich zerfetzten, als ich mich plötzlich bei den Barfüßigen Karmelitern...

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