Martin Timm vermittelt in seinem Buch Die Kunst der Architekturfotografie auf knapp 270 Seiten ein sehr guten Einblick darüber, was es bedeutet Architektur zu fotografieren. Das Buch ist etwas kleiner als das A4 Format, hat einen hochwertigen Einband und eine ordentliche Bindung. Er fängt dabei nicht mit nüchterner Ausrüstungsschwärmerei, trockenen Gestaltungsregeln oder Weisungen, wie etwas zu fotografieren sei an. Nein, er fragt sich und den Leser was ein Gebäude ausmacht und wieso man es fotografieren soll. Das Buch ist durch und durch leicht philosophisch angehaucht und locker geschrieben. Das Buch "Die Kunst der Architekturfotografie" hinterlässt nach dem Lesen ein gutes Gefühl.
Inhalt
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Das Wesen der Architekturfotografie:
Timm beginnt mit der Frage was ein Gebäude ist, was es ausmacht, wozu es dient, wie man es betrachten muss. Wie erkennt man das Wesen eines Gebäudes. Musik ist Kunst, Architektur ist auch Kunst. Er fragt: was will ich mit meiner Aufnahme aussagen? Gebäude können schön sein, müssen es aber nicht - fotografiert man sachlich oder schön? Was ist der Zweck der Architekturfotografie? Eigenes Interesse, Liebe zur Architektur, oder schlicht ein Auftrag? Man muss sich mit dem Gebäude auseinandersetzen.
Bildaussage
Gestalt sehen und Gestalt geben. Wie erkenne ich Formen und ihre Bedeutung. Wie Reduziert man ein Motiv auf eine einfache Forum - und damit auch Aussage. Der Autor scheint es einem selber zu überlassen, ob man das ganze Gebäude oder nur Details ins Bild holt.
Bildgestaltung
Dieser Abschnitt ist sehr ausführlich. Was ist Perspektive, wie wichtig ist der Standort. Timm erklärt sehr gut Perspektiven, Fluchtpunkte und Projektion. Was sind Stürzende Linien und wie begradigt, oder rettet, man sie? Was ist der Bildwinkel und welche Wirkung haben verschiedene Bildwinkel am Bauwerk? Timm geht auf Licht, Kontraste, Farben und Farbwirkung ein. Hoch- oder Querformat: Wie kann man die Wirkung durch die Formatausrichtung beeinflussen? Abschließend spielt der Autor mit Linienführung, Symmetrien und Asymmetrien.
Diese Themen scheinen sich mit jedem anderen guten Buch zu fotografischer Gestaltung zu schneiden, doch geht Timm auf Bedeutung für die Architekturfotografie im speziellen ein.
Technik
Der Abschnitt zur Technik ist nicht tief gehend, Grundlagenwissen muss man mitbringen. Das ist aber sehr erfrischend, man wird nicht mit der Xten Wiederholung gelangweilt. Timm geht auf wichtige Bildwinkel und Brennweiten ein und vergleicht Zoomobjektive und Festbrennweiten und gibt Tipps zur (Schnell-)Bewertung von Objektiven. Er erklärt sehr anschaulich die Begriffe Blende, Schärfentiefe und Zerstreuungskreis. Wie geht man mit Licht um, wie kann man ein Gebäude ins richtige Licht setzen? Der Abschnitt endet mit einer kleinen Checkliste welches Zubehör für die Architekturfotografie nützlich ist.
Wofür ist HD (HDR) wirklich gut?
Erstmal erklärt Timm: was bedeutet HDR? Daran schließen sich fototechnische Grundlagen zu Lichtwerten und Konstrastumfang an. Timm erwähnt auch, dass HDR selbst mit Analogen mitteln möglich ist. Er schließt damit ab welche Motive sich für HDR eignen und wie man sie erstellen kann.
Auch rechtliches kommt in dem Buch vor: der Abschnitt ist jedoch sehr kurz - viel gibt es zu dem Thema aber auch meiner Meinung nach nicht zu sagen.
Das Buch schließt mit ein paar Genres ab
Timm geht nicht tief auf jedes Bild oder jede Frage ein und lässt Fragen offen. Hier wird klar: man muss seinen eigenen Stil finden. Er scheint in diesem Abschnitt immer schneller zu "erzählen". Das ist nicht falsch zu verstehen, denn letztendlich endet er mit vielen, sehr abstrakten Bildern und fragt: was ist eigentlich Architektur, darf ich das noch?
Der Autor verdeutlicht, dass es verschiedene Gebäude für verschiedene Zwecke gibt, die verschiedene Wirkungen erzielen. Was mach das Interieur aus, wofür eignen sich Panoramen und wie kann man die Blaue Stunde nutzen? Wie kann man sachlichen Aufnahmen etwas die Spannung nehmen und: haben Menschen in der Architekturfotografie etwas verloren? Wie abstrakt oder gar unscheinbar dürfen Architekturfotos sein? Wo endet Architekturfotografie oder bis wo geht sie.
Kritik
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Alle Kapitel empfinde ich als ausgewogen. Man merkt, dass Martin Timm sein Handwerk versteht.
Sehr gut hat mir gefallen, dass sich der Autor nicht an Technikverliebtheit aufhängt, wie sie in vielen anderen Büchern zu finden ist. Oft wird dort an 1000 Stellen (so empfinde ich es) Werbung für Hersteller gemacht - man benötige eine Canon EOS 1D Mark III weil der Vollformatsensor mit 13 Megapixeln einen großformatigen Druck ermöglicht?! Hier nicht.
Timm erwähnt, fast beiläufig, dass das Bild mit einer Fachkamera bei extremen "Shift" aufgenommen wurde und woran man dies erkennt. Oder dass das Einmessen mit Belichtungsmesser und Graukarte nicht mehr möglich war und auf gut Glück belichtet wurde. Es wird nicht zu bestimmten Marken geraten, sondern nur zu Funktionen die man benötigt.
Das Kapitel zu Perspektiven und Projektion ist sehr ausführlich. Schade, dass auf anschauliche Skizzen verzichtet wurde. Sie hätten den Text anschaulicher gemacht und abgerundet.
Timm zeigt vier, fünf Motve mehrmals in verschiedenen Formaten, Ausschnitten und Abstraktionsstufen und unschreibt Jede ein wenig. Er überlässt es dabei mir, dem Leser wie ich mit meinen Motiven umgehen werde. Das ist auch gut so. Schließlich möchte ich nicht Fotos à la Martin Timm machen.
Der Autor ging auf Interieur-Aufnahmen ein, aber nicht tief. Man muss das nicht negativ sehen. Gehört eine Innenaufnahme zwar zur Architektur, hat sie jedoch teilweise mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.
Timm erklärt das manche Aufnahmen nur durch Stitching möglich sind. Hier hätte er etwas detaillierte auch auf Grenzfälle eingehen können wie: wie stitcht man geshiftete Aufnahmen? muss dort etwas beachtet werden?
Den Untertitel "Individualität und Innovation" wurde mir erst langsam klar. Vielleicht liegt er aber im letzten Abschnitt zu "Genres". Auch am Anfang des Buches wird klar, dass Architekturfotografie nur schwer abzugrenzen ist. Und zwischen drin gibt es auch ein paar Aufnahmen die man im ersten Moment nicht unbedingt zu Architekturfotografie einordnen möchte. Wer sich mit diesem Untertitel die Offenbarung erhofft, dürfte mit dem Buch nicht gut bedient sein. Meine Meinung.
Timm bringt zu fast allen Themen kurze Checklisten und prägnante Stichpunkte an.
Den hohen Preis habe ich mittlerweile zu Schätzen gelernt.
4 von 5 Sterne
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Eigentlich habe ich an diesem Buch kaum etwas auszusetzen. Für die, unter Kritik erwähnten, fehlenden Skizzen zu Perspektive und Projektion würde ich allerdings einen halben Stern abziehen. Der Autor ist auf Panoramen und Stitching eingegangen. Mir haben sich gleich die Fragen aufgetan was man beim Stitchen beachten muss, wenn die Perspektive korrigiert wurde. Dafür gibt es auch einen halben Punkt Abzug.
Buch
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Diese Rezension bezieht sich auf
Die Kunst der Architekturfotografie
Individualität und Innovation
von Martin Timm
bei Addison-Wesley
ISBN 978-3-8273-2904-2, 2010