Vorneweg: "Die Kuh ist kein Klima-Killer" ist wichtig, ein "must-have" für jeden, der sich um unsere kritische Situation auf der Erde Gedanken macht und mit seinem Verbraucherverhalten dazu beitragen möchte, sie zu verbessern.
In diesem Buch wird erklärt, weshalb nachhaltige Weidehaltung, die ja auch den Bedürfnissen der Tiere entspricht, global eine effiziente Form der Landwirtschaft zur Verbesserung der "Treibhausgas"-Bilanz - Stichwort "Klimakatastrophe" - darstellen könnte. Aufklärung zu diesem Punkt ist dringend nötig, denn im Kontext mit der industrialisierten Landwirtschaft ist nicht, wie allgemein angenommen, das Rind mit seinem natürlichen Methanausstoß das Klimaproblem - denn weidend ist es unverzichtbar für die (die Atmosphäre entlastende) Bindung von Klimagasen im Boden - , sondern international die Umwandlung von u.a. Graslandschaften in klimaschädigende stickstoffgedüngte Felder. Felder, auf denen dann - "verrückter-weise" - oftmals Mais und Soja als Ingredienzien für Rinderkraftfutter angebaut werden - obwohl doch alle Wiederkäuer (zumindest vor den perversen Zeiten der Hochleistungskuh) auf diese Stoffe der menschlichen Ernährung gar nicht angewiesen wären! Die Weide aber braucht das ('getimte') Grasen von Rindern, um optimal als klimaverbessernde Biomasse wirken zu können.
Es lohnt sich, das Buch ganz durchzulesen, denn in den drei (sich überschneidenden) Bereichen Biologie - Geschichte - Praxis findet sich eine Fülle von Hintergrundinformationen, die die Komplexität des Hauptthemas verdeutlichen und unerwartete Zusammenhänge offenlegen. Von A wie "Acker" oder "Apollo 11" über L wie "Low Stress Stockmanship" bis Z wie "Zitze" oder "Zehntelsekunde" (eines Schusses), das Beleuchtungsspektrum der aktuellen landwirtschaftlichen Situation ist immens, dabei der Größe des Themas angemessen.
Leider wird man als Vegetarier dennoch nicht genügend von dem Buch informiert: Die brennende Frage, ob es möglich ist, im großen Stil auch Milchkühe als Mutterkühe (d.h. als Kühe, die nicht die grausame Trennung von ihren Kälbern erleben müssen) artgerecht auf der Weide zu halten, bleibt offen. Und für den Tierethiker stellt sich die Frage, wie es sein kann, daß so viele (durchaus interessante) Seiten Mikroorganismen im Boden gewidmet sind, dann jedoch nur drei Sätze der entwürdigenden Existenz der Hochleistungskuh. Schlicht wird zwischen einer 5.000 l- und 10.000 l-Kuh unterschieden, aber gravierende Sachverhalte wie Verhaltensstörungen durch Boxen- und Kettenhaltung, Trennungsschmerz, Euterentzündung, Labmagenverlagerung, Stoffwechselstörung, Lahmheit, Stress und nicht zuletzt das entsetzliche Enthornen (die Relevanz des Horns für das Wohlbefinden der Kuh wird verschwiegen) werden nicht oder nur marginal erwähnt. Aufgrund des unnatürlichen Genotyps ist ja bereits durch die Geburt als Hochleistungskuh ein leidvolles Leben sicher, eine Gegebenheit, die im "War früher alles besser?"-Kapitel einfach ausgeklammert wird. Sicher, nach dem Lesen des Praxisteils sei jedem artgerecht gehaltenen "Fleischrind" seine Freiheit gegönnt, aber diese verhindert noch nicht das Leid der zahlreichen gefangen gehaltenen "Milchkühe"!
Doch auch wenn die tierethisch begründeten Schattenseiten der industrialisierten Landwirtschaft m.E. viel zu kurz gekommen sind - die Gegenbeispiele in den Praxis-Kapiteln sind als Aufklärung insbesondere für Leser, die einem Kulturkreis entstammen, in dem Kinder Kühe lila zeichnen, sicher nicht ausreichend - das Buch ist ein, wenn auch für Vegetarier nicht gänzlich befriedigender, Beitrag für eine bessere Welt. Und es wird, hoffentlich, vielen Rindern zu einem schöneren Leben verhelfen. Daher: vierdreiviertel Sterne.