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Die Kristallwandler
 
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Die Kristallwandler [Broschiert]

Anika Flock
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Elderas lebt in Aeniria, einer Eis- und Schneewelt, in der ewige Dunkelheit herrscht. Nur die Nordlichter am sternenübersäten Himmel Aenirias und einige Bäume und Pflanzen, deren Blätter ein fluoreszierendes Licht ausströmen, spenden Mensch und Tier ein wenig Licht. Seit über siebenhundert Jahren leben die Aeniren streng vegetarisch und arbeiten an der Perfektion der unterschiedlichsten Symbiosen mit anderen Lebewesen. Dabei halten sie sich an die Grundsätze, die ihre Göttin Siadria gelehrt hat, als sie einst unter den Menschen Aenirias lebte und diese zur Vervollkommnung in Demut, Empathie und Vernunft anhielt.

Elderas ist einer der wenigen Aeniren, die von Geburt an über ein magisches Potenzial verfügen. Die Menschen seiner Art sind ständig bemüht, den Nicht-Magiern ihrer Welt zu Diensten zu sein und in vollkommener Gleichberechtigung mit ihnen zusammen zu leben. Leider lässt die Entwicklung von Elderas’ magischen Kräften lange auf sich warten, bis sich in seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr, drei Jahre vor der Volljährigkeit, die Ereignisse überstürzen, und der junge Aenire aus seinem beschaulichen Leben in selbst gewählter Einsamkeit heraus gerissen wird.

Meruna ist eine klassische Anhängerin des Gottes Arkondos, der in ihrer Heimat, in Koldarun, gefürchtet und inbrünstig verehrt wird. Sein Element ist das Feuer, und es spiegelt sich überall in den kargen koldarischen Landstrichen wider: aktive Vulkane, Flüsse aus zäh glühender Lava, undurchdringliche Rauchwolken am Himmel, aschebedeckte Erde, brodelnd heiße Quellen und eine Sonne, die das Land auf ewig auszutrocknen sucht, verleihen Koldarun sein charakteristisches Gesicht.

Meruna eifert ihrem Vater, einem mächtigen Magier, nach, der nach den höchsten Idealen seiner Kaste strebt: dem Erlangen von Reichtum, Macht und dem Gehorsam anderer. Die Magier Koldaruns missbrauchen ihr Geburtsrecht, durch die Gesetze des Gottes Arkondos legitimiert, um ihre Mitmenschen auszubeuten. Der Großteil des koldarischen Volkes lebt daher in Armut und Verzweiflung. Die Nicht-Magier machen Jagd auf Wildtiere, fällen Bäume für Brennholz, errichten prächtige, basaltene Wohnhäuser und verrichten viele weitere Dienste, ohne mehr als das Lebensnotwendigste dafür zu erhalten. Selbstzufrieden arbeitet Meruna derweil an der Vervollkommnung ihrer magischen Kräfte, bis ein grausamer Schicksalsschlag ihre gesamte Familie aus der Bahn wirft.

Der schmale Streifen Land namens Sturmbann, über dessen roter Erde die Naturgewalten aus Koldarun und Aeniria zusammen treffen und für verheerende Stürme und sintflutartige Regenfälle sorgen, trennte die beiden Kulturen jahrhundertelang voneinander. Wird dieses gefährliche Niemandsland die Völker ewig davon abhalten, einander zu begegnen? Was wird geschehen, sollten die egalitär denkenden Vegetarier Aenirias jemals auf die hierarchisch strukturierten Jäger Koldaruns treffen? Welche Rolle spielen dabei die Götter Arkondos und Siadria, die umtriebigen Ältestenräte der beiden Kulturen und nicht zuletzt die beiden jungen Magier Meruna und Elderas? In Sturmbann wird sich ihr aller Schicksal entscheiden ...

Klappentext

Die Koldarin Meruna und der Aenire Elderas wissen nichts von der Existenz des jeweils anderen Volkes, obwohl sie in derselben Welt leben - in Naru.

Ein schmaler, als lebensgefährlich verrufener Streifen Land namens Sturmbann trennt die Koldaren auf der unwirtlichen, vulkanischen Tagseite Narus von den Aeniren, die auf der nicht minder ungemütlichen, eiskalten Nachtseite der Welt leben.

Doch dann mischen sich das Wetter, die Götter und zu allem Überfluss auch noch die Politiker - die Räte der Ältesten - in das Leben der Menschen ein. Beide Völker sehen sich gezwungen, das gefährliche Sturmbann, das sie mehr als alles andere fürchten, endlich zu erkunden. Meruna und Elderas stecken unfreiwillig mittendrin, als das Weltbild ihrer beiden Völker unwiderruflich erschüttert wird, und alle Geschichtsbücher von Grund auf umgeschrieben werden müssen.

Auszug aus Die Kristallwandler von Anika Flock. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Kapitel I - Die Herausforderung

Auf Zehenspitzen schlich Elderas durch sein Elternhaus und hoffte, niemanden aufzuwecken. Unbemerkt ins Freie gelangt, nahm er einen tiefen Atemzug, bis eiskalte, aenirische Nachtluft seine gesamte Lunge ausfüllte. Dass die Nacht noch nicht dem anbrechenden Tag gewichen war, erkannte Elderas nicht an der Dunkelheit – denn in Aeniria war es immer dunkel. Am schwach violetten Schimmer des untergehenden Mondes, der die winterlichen Himmelslichter widerspiegelte, las er ab, dass der Tagesanbruch noch knapp eine Stunde auf sich warten ließe. Ein starker Wind fegte durch die Gassen von Elderas’ Heimatdorf Tarulkka, die sich völlig menschenleer vor ihm erstreckten.
"Sehr gut", dachte Elderas bei sich, während er in seine grauen Winterstiefel glitt. "Wird ja auch Zeit, dass ich einmal Glück habe."
Vier Versuche hatte er in den letzten Tagen unternommen, sich heimlich davon zu schleichen, bevor die anderen Dorfbewohner erwachten. Immer war er irgendeinem in die Arme gelaufen, der ihn dann gnadenlos in die Schule geschleift hatte. Und genau dort mochte Elderas nicht sein. Der sternenklare Himmel über Tarulkka, den heute violette Himmelslichter zierten, verhieß einen wolkenlosen, klirrend kalten Wintertag. Die hohen Schneeverwehungen auf dem meterdicken Eis glitzerten bereits in Erahnung der bei Tagesanbruch zunehmenden Leuchtkraft der Himmelslichter. Der große, schlanke Sohn der Heilerin Tarulkkas hatte seine Freundin Sirko seit über drei Tagen nicht gesehen. Elderas wusste, dass sie irgendwo in der Wildnis vor Tarulkka auf ihn wartete. Er traf sie auf jeder seiner Wanderungen – sofern er es einrichten konnte, sich auf einen der verbotenen Ausflüge zu begeben. Elderas war kein Drückeberger wie sein älterer Bruder Daremal, der die Schule immer geschwänzt hatte, um sich mit seinen Freunden zu amüsieren. Für ihn gab es triftigere Gründe, nicht sonderlich erpicht auf den Unterricht zu sein. Zum einen vermochten ihm die greisen Lehrer Tarulkkas nichts Neues mehr beizubringen. Elderas schlug die Tattergreise mühelos, wenn es um das Herunterbeten der Geschichte und Gesellschaftsstrukturen Aenirias, der Gebote ihrer Göttin Siadria und unzählige weitere, altbekannte Tatsachen ging.
"Und weshalb", warf Elderas laut ein, als sein Gehirn einen Versuch wagte, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, "soll ich die letzten drei Jahre bis zur Volljährigkeit damit verschwenden, nichts Neues zu lernen? Lieber bringe ich mir nützliche Dinge selbst bei – zum Beispiel, in der Wildnis zu überleben!"
"Faul mit Sirko herum zu lungern nennst du also Überlebenstraining?" stichelte das humorlose Gehirn des Enras. Elderas ignorierte es, wie so oft.
Ein weiterer Grund, weshalb er die Schule mied, war sein ungewöhnliches Äußeres, das ihm bisher zu wenige Freunde und zu viele Hänseleien eingebracht hatte. Kein wahrhaft vernünftiger Bewohner Tarulkkas sollte von ihm verlangen, sich freiwillig den fiesen Gemeinheiten der anderen Jugendlichen auszusetzen. Allerdings hatte bisher niemand, der ihn abgefangen und in die Schule befördert hatte, auch nur ansatzweise Verständnis für seine Situation gezeigt. Die Erwachsenen zwangen ihn geradezu, sich selbst zu helfen – heimlich, geräuschlos und fast unsichtbar durch die Gassen Tarulkkas zu schleichen.
Während er damit beschäftigt war, genau dies zu tun, nahm Elderas die Eiseskälte zufrieden wahr. Im Winter präsentierte sich Mittelaeniria als eine unwirtliche Gegend, in der nur die Stärksten überlebten. Erst vor etwa sechshundert Jahren war es den ersten Enras überhaupt gelungen, den Winter in diesen Landstrichen zu ertragen. Später ließen sie einige der Riduna, die im Allgemeinen sehr viel empfindlicher auf Kälte reagierten als Enras, nachkommen, und sorgten dafür, dass diese den grausamen winterlichen Eisstürmen standhielten. Elderas befreite eine Hand aus den tiefen Falten seines blauen Gewandes, um den Kragen des langen Enra-Mantels zum Schutz gegen den schneidenden Wind hoch zu schlagen. Mitten in der Bewegung hielt er inne und warf einen missbilligenden Blick auf seinen Handrücken. Unverkennbar, die Zeichen seiner Andersartigkeit: Dünne, rein weiße Haut, die sich straff an die Knochen der Finger schmiegte. Dicke, blaue Adern wanden sich unter der Haut wie winzige, erstarrte Schlangen.
"Heute ist mein Tag!", murmelte Elderas. Tapfer, wenn auch erfolglos, versuchte er, einen schwermütigen Seufzer zu unterdrücken.
Tatsächlich schien ihm das Glück dieses Mal hold zu sein, denn er erreichte den Rand des Dorfes, ohne dass ihn irgendjemand aufhielt. Erleichtert saugte er die klirrend kalte Luft tief in seine Lunge, blieb stehen und zog sich die silbern glitzernde Kapuze seines Mantels tiefer ins Gesicht. Geübt kniff er seine weißen Augen zusammen, die nur durch winzige, schwachblaue Sternabzeichen um die grauen Pupillen etwas Farbe erhielten, beschattete sie trotz der violett schimmernden Dunkelheit mit der flachen Hand und konzentrierte sich. Rasch entdeckte er die schemenhaften Umrisse der Eisberge, die den Bewohnern Tarulkkas trotzig den Weg nach Neodria, der legendären Hauptstadt, die genau im Zentrum Aenirias – und am eisigsten Ort der Welt – lag, versperrten. Wie lange er an diesem Tag wohl wandern würde, bis er Sirko traf? Er vermochte es nie genau zu sagen; manchmal wartete sie gleich hinter der ersten Schneeverwehung, die er nach Verlassen des zugefrorenen mittelaenirischen Eismeeres, auf dem Tarulkka erbaut wurde, fand; manchmal musste er stundenlang am Fuß des Massivs aus riesigen Eisbergen umher streifen, bis er sie fand.
"Komm, Sirko, gib mir ein Zeichen. Wo steckst du?"
Elderas war sich kurz unschlüssig, doch dann entschied er, einfach los zu wandern. Eile war geboten, denn die Bewohner Tarulkkas würden bald ihr Tagwerk antreten. Während der Mond damit beschäftigt war, unterzugehen, klopfte sich Elderas in Gedanken selbst auf die Schulter, um sich zu seiner gelungenen Flucht zu gratulieren. Entschlossen eilte er über das meterdicke Eis des mittelaenirischen Meeres, um Tarulkka schnell hinter sich zu lassen. Er kam keine zehn Schritte weit.
"Hab' ich dich!"
Zwei starke Arme ließen Elderas’ Brustkorb befürchten, in eine Schraubzwinge geraten zu sein. Der Schwung des Angreifers warf nicht nur das Opfer um, sondern ließ auch ihn selbst straucheln und fallen. Er riss Elderas vor dem Aufprall auf dem harten Eis herum und landete auf seinem eigenen breiten Rücken, den weitaus schwächeren Enra immer noch umklammert haltend. Elderas' Herz raste in seiner Brust, seine Lunge trat einen unangemeldeten Streik an, und er fühlte ein leichtes Schwindelgefühl aufkommen. Hilflos zuckte sein Blick über die nicht nachgeben wollenden Arme: Sie steckten in ganz normaler Ridun-Alltagskleidung: ein graugrünes, wolliges Hemd, das an dem durchschnittlichen Ridun leger herab hing, bei diesem Exemplar jedoch kaum die obszön kräftigen Muskeln verbarg. Elderas’ weiße Gesichtshaut unternahm einen kläglichen Versuch, vor Neid zu erblassen.
"Was ist los mit dir?", dröhnte eine tiefe Stimme. "Hat es dir die Sprache verschlagen?"
"Lass' mich los!", krächzte Elderas unter Aufwendung des letzten Fitzelchens Atemluft, das sich noch tapfer an einige seiner Lungenbläschen krallte. Die Umklammerung löste sich, aenirische Morgenluft strömte zurück in Elderas' applaudierende Lunge, und er versuchte, so elegant wie möglich auf die Beine zu springen. Todesmutig fuhr er herum und warf sich seinem Angreifer entgegen. Der Ridun riss einen Arm zur Verteidigung nach oben, packte Elderas mit der freien Hand am Kragen seines Mantels und schleuderte ihn zu Boden, als sei er ein Sack randaenirisches Dämmergras. Diese Demütigung mochte Elderas nicht noch ein weiteres Mal erleben, und so gab er allen körperlichen Widerstand auf.
"Was hast du hier zu suchen, Daremal?", fragte er mit erzwungener Gelassenheit, während seine reinweiße, rechte Augenbraue schwungvoll ein gutes Stück näher zu den Haarwurzeln rückte und sein linker Mundwinkel lässig nach unten fiel. "Kannst du in Tarulkka kein Opfer finden, dessen Muskel- und Gehirnmasse in einem besseren Verhältnis zu deiner stehen, als meine?"
Die tiefblauen Augen des Ridun blitzten vergnügt auf, und er strich sich eine lange, blonde Haarsträhne aus der Stirn, bevor er entgegnete: "Sollte ich nicht besser dich fragen, was du hier zu suchen hast? Der Unterricht für die Kleinen fängt in einer halben Stunde an, und als ich dich heute morgen aus dem Haus schleichen sah, dachte ich mir schon, dass du ohne meine Hilfe nicht pünktlich dort erscheinen würdest."
Jedes Mal, wenn Daremal ihn "den Kleinen" nannte, wollten sich Elderas' Hände selbständig machen, seinen älteren Bruder an dessen muskulösem Hals packen und ihn so lange schütteln, bis sein kantiges Gesicht rot anlief. Was nahm sich Daremal heraus, ihn so zu nennen, wo er mit seinen zweiunddreißig Jahren selbst gerade erst erwachsen war? Elderas sah ein, dass ihn eine weitere Prügelei seinen Zielen kein bisschen näher bringen konnte. Und die standen in riesigen, glänzenden Lettern am dunklen, violett schimmernden Himmel über Tarulkka:
"Daremal entschlüpfen, Schule vermeiden, Sirko finden!"
Er wusste aus Erfahrung, dass "verständnisvoll" und "nachgiebig" ganz unten auf der Liste der Attribute standen, die zur Beschreibung seines Bruders taugten. Wer bei Daremal etwas erreichen wollte, musste hart verhandeln. Elderas’ Ausgangsposition war nicht gerade die beste – auf dem kalten Eis liegend, den hämisch grinsenden Bruder über sich, der ihn immer noch mit einer Hand fest am Kragen gepackt hielt. Tapfer eröffnete er die erste Runde: "Na schön, Daremal. Was muss ich tun, damit du mich gehen lässt und niemandem erzählst, wo ich bin?"
"Du musst aufhören, ein jämmerlicher Drückeberger zu sein und anfangen, dich dem Leben zu stellen wie ein richtiger Mann", antwortete der Bruder, während er ihm einen unangenehmen Knuff in die Seite versetzte.
Elderas schickte den Schmerzenslaut, der kurz davor war, seiner Kehle zu entweichen, zurück in seine Eingeweide. Dann atmete er langsam und hörbar aus, fasste sich an die Stirn, als hätte er Kopfschmerzen, und entgegnete: "Ich erkläre es dir ganz langsam. Streng' dich an und hör' gut zu. Es gibt etwas, das ich von dir möchte. Ich möchte, dass du dich zurück nach Tarulkka verziehst und die Klappe hältst. Wir beide wissen, dass du keiner von der Sorte bist, der seinen Mitmenschen umsonst einen Gefallen tut, schon gar nicht mir. Also biete ich dafür im Tausch etwas an, und du darfst sogar sagen, was es sein soll. Also, was wäre dir am liebsten? Soll ich dir helfen, dein unappetitliches Hemd zu waschen, die unbeschreiblichen Löcher in deiner Hose zu flicken und deine Schuhe zu putzen? Oder sollen wir versuchen, dir ein bisschen von dem Wissen näher zu bringen, das du eigentlich in deiner eigenen Schulzeit hättest erwerben sollen? Oder wäre es dir vielleicht lieber ..."
Daremal fuchtelte wild mit einer Hand herum, um Elderas zu unterbrechen. "Ich weiß etwas!", brüllte er, unbekümmert grinsend. Elderas verdrehte die Augen und seufzte.
"Wenn ich dich gehen lasse, treffen wir uns morgen früh kurz vor Tagesanbruch am Kapock-Futterplatz. Papa hat mir erzählt, dass dort gerade eine kleine Herde Rast macht, die im Lauf des morgigen Tages nach Neodria aufbrechen wird ..."
Als Elderas das hörte, drohte seine Lunge zum zweiten Mal an diesem Tag mit einem Streik. Er blitzte den Bruder erbost an, und seine Hände flohen in die weiten Falten seiner Ärmel, um unbeobachtet zittern zu können. "Daremal, du weißt genau, dass ich das nicht tun werde!", fuhr er seinen Bruder an, sobald er seine bockigen Körperteile wieder unter Kontrolle hatte.
Der blonde Ridun lachte nur. "Wir werden uns zwei Kapocks schnappen und in einem Rennen gegeneinander antreten!"
Es schien Daremal nicht einmal bewusst zu sein, welche Ungeheuerlichkeit er da vorschlug. "Du hast keine Wahl, Elderas. Entweder, du machst mit, oder ich schleife dich auf der Stelle ins Versammlungshaus."
Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, stand er auf und stapfte entschlossen auf Tarulkka zu, seinen zappelnden, jüngeren Bruder hinter sich her ziehend. Elderas' Gehirn suchte fieberhaft nach einem Ausweg – und streckte kleinlaut die Waffen.
"Bleib stehen!", keuchte er verzweifelt. "Ich werde kommen. Wir handeln uns sicher einen Riesenärger ein, aber ich werde da sein."
Endlich lockerte Daremal seinen Griff um Elderas' Kragen, und der schlanke Enra blieb mit gesenktem Kopf stehen. Seine Arme hingen schlaff an seinem Körper herunter. Der silberfarbene Mantel, das blassblaue Gewand, selbst die kurz geschnittenen weißen Haare, die sonst widerspenstig in alle Richtungen abstanden, zog es schwer in Richtung des zugefrorenen Meeres unter Elderas' Füßen.
"Schwörst du bei Siadria, dass du am Rennen teilnehmen wirst?"
Empört schnaubte Elderas Daremal seine Verachtung entgegen. "Du möchtest, dass ich bei unserer Göttin, deren Gebote du durch die Veranstaltung von Kapockrennen missachtest, schwöre, dabei mitzumachen?"
Daremal grinste höhnisch und nickte nur. Mühsam seine Wut unterdrückend, senkte Elderas abermals den Kopf und leistete den Schwur. Als er wieder aufblickte, hatte ihm der Bruder bereits den breiten Rücken zugekehrt, und seine muskulösen Beine trugen ihn zurück nach Tarulkka.
"Kurz vor Tagesanbruch, nicht vergessen!", rief ihm Daremal zu, ohne sich umzudrehen.
Elderas nickte, und kam sich erst einige Sekunden später ziemlich dumm vor, weil ihn Daremal gar nicht mehr ansah. Er blieb reglos stehen, bis seine Füße ihn mit Nachdruck daran erinnerten, dass es verflucht kalt war. Er sollte sich besser wieder bewegen, um nicht an der meterdicken Eisdecke, die das mittelaenirische Meer bedeckte, festzufrieren.
"Bloß nicht darüber nachdenken", wies sich Elderas an, während er langsam weiter auf das Bergmassiv zu schlurfte, das die violetten Himmelslichter schwach reflektierte. "Wenn ich den ganzen Tag grübele, bringe ich niemals den Mut auf, Daremal morgen am Kapockplatz zu treffen."
Sein überraschtes Gehirn stellte zwei Sekunden lang alle Tätigkeiten ein. Dann beschloss es, Elderas' gute Vorsätze zu ignorieren, und begann, das Wettrennen von allen Seiten zu beleuchten.

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