Als der Rezensent vor einigen Monaten zufällig auf die Ankündigung eines neuen Buches von Horst-Eberhard Richter stieß unter dem Titel "Die Krise der Männlichkeit", da waren meine Erwartungen groß. Als ich das Buch zur Besprechung bestellte, erwartete ich eine für Richter gewohnte, psychoanalytisch und sozialpsychologisch fundierte, ausführliche Auseinandersetzung mit dem Feminismus aus seiner Sicht, eine Analyse des Seelenlebens der modernen Männer in unserer Gesellschaft und vielleicht einige Hinweise, Vorschläge und Perspektiven für eine meiner Meinung nach dringend notwendige Männerbefreiung, also die Entwicklung hin zu einem eigenen, den Frauen ebenbürtigen Männerbild und auch einer entsprechenden
gesellschaftlichen Praxis. Ebenso erwartete ich eine Auseinandersetzung mit der Renaissance eines Männerbildes in unserem Land und auch in anderen Teile West- und Osteuropas, das nicht unwesentlich geprägt wird von der islamischen Kultur, ihrem ihr innewohnenden Machismus und dem Frauenbild, das sie transportiert und generiert. Besonders in Westeuropa hat man den Eindruck, daß, bedingt durch eine starke Migration aus Ländern des islamischen Kulturkreises nach Europa hinein, in bestimmten Schichten und von dort ausgehend auch in den Grundschulen und erst recht in den weiterführenden Schulen ein Männlichkeitskult fröhliche Urständ feiert, gegenüber dem der Wilhelminismus ein braves Waisenkind war.
Geschichten männlicher Gewalt in Familien mit sogenanntem Migrationshintergrund, Berichte aus Grundschulen (!), wo Lehrerinnen bei entsprechenden Schülern nichts mehr zu sagen haben und von ihnen beschimpft und gar bedroht und von ihren Eltern, damit konfrontiert, dabei auch noch unterstützt werden, erschrecken nicht nur mich in zunehmenden Maße, besonders wenn ich daran denke, daß mein eigener Sohn in einigen Jahren sich mit dieser brutalen und von einer rückständigen Kultur geprägten Form der Männlichkeit auseinandersetzen muß.
Das, was an Bildern und Images von Männlichkeit aus Osteuropa und den ehemaligen Ländern der Sowjetunion hauptsächlich durch Migration zu uns kommt, oft mafiös verschachtelt, ist auch nicht ermutigender.
Während man hier jedoch vielleicht noch auf entsprechende Integrations- und Bildungsmaßnahmen setzen könnte ( allein mir fehlt der Glaube an solches Gelingen), bin ich auf einem ganz anderen Feld ratlos und hatte mir von dem vielversprechenden Buchtitel Richters Einsichten und Analysen erhofft. Ich spreche von einer Form der unerwachsenen Männlichkeit, die ich in meinem Lebens- und Bekanntenumfeld immer stärker wahrnehme. Junge Männer, gebildet und in ihrem Beruf durchaus erfolgreich, trauen sich nicht mehr in ihre(r) Rolle. Wenn sie in Partnerschaften leben, übernehmen sie nur selten oder nicht genug wirkliche - männliche- Verantwortung für sie; sie haben Angst, eine Familie zu gründen und eine noch größere vor der Vaterschaft. Es sind alles liebe Kerle, aber keine wirklichen Männer. Sie sind so soft geworden, daß sich die Frauen an ihnen die Zähne ausbeißen.
Erleichtert über Männer, die auf den ersten Blick so anders sind als ihre Väter und Großväter, stellen immer mehr Frauen aber fest, daß sie lebendige Phantome zum Partner haben. Männer, die sich entziehen sowohl der Frau als auch der Verantwortung für die Partnerschaft; Männer, die lieb, aber nicht mehr leidenschaftlich sind.
In Frankreich macht gerade ein Roman Furore, der genau dieses traurige Thema genial beschreibt: Nicolas Fargues, Nicht so schlimm,Rowohlt 2007.
Dabei wäre doch eine entsprechende Befreiungsbewegung auf Männerseite so von Nöten, eine Bewegung, die nicht nur anpasserisch dem Feminismus und der Entwicklung der Frauen hinterher kriecht, sondern aufrecht und selbstbewusst Männerinteressen vertritt und gegenüber manchem Auswuchs der Vergangenheit eine Partnerschaft der Geschlechter auf Augenhöhe fordert und bereit ist, dafür auch zu kämpfen und sich angreifen zu lassen.
Ich hatte von Richter weiters Einblicke und Einsichten darüber erwartet, wie eine Sozialisation unserer männlichen Kinder sich auswirkt, in der manche Jungen erst im Gymnasium ihre erste männliche Bezugsperson erleben, die aber oft schon so alt ist, daß die typische und für eine männliche Reifung und Identitätsbildung so nötige Vater-Sohn-Dynamik gar nicht mehr greifen kann.
Was werden aus unseren Jungen für Männer, wenn keine Männer mehr an ihrer Erziehung und der Ausbildung einer neuen Kultur der Männlichkeit mehr beteiligt sind? Einer Kultur wohlbemerkt, die sich mit der modernen Frauenkultur auseinandersetzt, die fähig macht zu wirklichen, eben auch leidenschaftlichen Partnerschaften und die somit Kinder hervorbringt, die wirklich erwachsen werden können und nicht ein halbes Leben lang am Rockzipfel oder dem Geldbeutel der Mutter oder -wenn vorhanden- des Vaters hängen.
All diese unsere Gesellschaft mehr und mehr prägenden Krisenphänomene der Männlichkeit in einer unerwachsenen Gesellschaft behandelt das neue Buch von Horst-Eberhard Richter leider nicht. Doch wie das manchmal so ist mit den enttäuschten Erwartungen - sie machen Platz für neue Einsichten und Informationen. Richters Buch hat einen ganz anderen Focus, er argumentiert weltumspannend und geschichtsphilosophisch, auch wenn er dabei auf die christlich-abendländische und danach die westlich-industrielle Entwicklung fixiert bleibt.
Sein Buch basiert auf Vorlesungen, die er auf Einladung seines mittlerweile verstorbenen Freundes Sir Peter Ustinov in Wien gehalten hat. Er setzt mit diesem Buch fort, was er in einem seiner Hauptwerke Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dem Gotteskomplex" begonnen hatte.
In einem ersten Teil mit dem Titel "Die Illusion des Stärkekultes" verfolgt er anhand der Lebensgeschichten von Wissenschaftlern und Politikern, wie es einigen gelungen ist (Weizenbaum, Chargaff, Born, Sacharow u.a., aber auch dem Hl. Franziskus) gegen den Gotteskomplex aufzutreten und eine Alternative anzubieten.
Beschränkt sich Richter im ersten Teil im wesentlichen auf die Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, zeigt er im zweiten Teil des Buches "Szenen aus der Entwicklung des Gotteskomplexes" auf, wie sich seit der Antike eine Entwicklung durchsetzt, die das Grundvertrauen, das noch einen Platon erfüllte, ersetzt durch Selbsthaß, ein hurenhaftes Frauenbild, mit der Folge der Installation eines totalen Überwachungs- und Verfolgungssystems in der Inquisition. Er beschreibt die nachlassende Glaubensgewißheit der Menschen (auch und gerade in der Kirche!) und ihre kompensatorische Bewältigung durch einen magischen Allmachtsdrang und die Projektion von Strafängsten (Hexenverfolgung).
Später dann wird die Wissenschaft zum Herrschaftsinstrument, und nicht verstandene Sexualängste wachsen sich, am Beispiel Freuds und Nietzsches gezeigt, zu einer kulturellen Krise nach pubertärem Muster aus.
Eine Analyse neuzeitlicher Strömungen und eine Lobeshymne auf die globalisierungskritische Bewegung beenden das Buch. Dabei fällt für meinen Geschmack die Schilderung dieser Bewegung und die Hoffnungen, die Richter auf dieses neue Subjekt der sozialen und gesellschaftlichen Veränderung setzt, zu positiv aus. Zu heterogen, zu - in manchen Teile jedenfalls- antisemitisch, zu teilweise undemokratisch geben und verhalten sich ihre Vertreter, als daß ich sie als legitime Vertreter meiner Zukunftsinteressen annehmen könnte.
Gegen Ende des Buches zeigt Richter mit folgendem Zitat, in welche Richtung die Entwicklung gehen muß:
"Aber das Siegen-Müssen entspringt ja eben nicht erwachsener Männlichkeit, vielmehr der Überkompensation verdrängter Ohnmachts- und Entmännlichungsangst. Und die Frauen? Der Zustand der Welt erlaubt ihnen nicht länger, sich um die Energien der Männer für deren Bemächtigungsehrgeiz zu sorgen, anstatt die eigene große Power entschieden für eine Kultur fortschreitender Humanisierung einzusetzen, dabei gleichzeitig die Verantwortung der Männer vermehrt auf dieses Ziel umzulenken. Allmählich wird deutlich, daß Freuds Ratschlag von 1930, wonach sich die Männer zugunsten ihrer Kulturarbeit vor Energieausbeutung durch die Frauen schützen sollten, einer regelrechten Umkehr bedarf. Nachdem die Frauen inzwischen alle angeblich männlicher Sublimierung vorbehaltenen Fähigkeiten in Ämtern mit hoher Verantwortung glänzend belegt haben, ist es jetzt an ihnen, die eigene Energie nicht länger in der demütigen Aufopferung für männliche Machtziele zu vergeuden. Erfolgreich im Kampf gegen rechtliche Benachteiligung, Karrierehindernisse und Unterbezahlung steht es ihnen nun zu, mit Selbstbewusstsein den Männern mehr Einsatz für das gemeinsame Kulturziel einer friedlicheren und sozialeren Welt abzufordern - dabei auch mehr politische Standfestigkeit. Waren es doch die Männer, die zu Millionen den Urhordenvätern des 20. Jahrhunderts hinterhergelaufen und dadurch an den Verbrechen der schlimmsten Art mitschuldig geworden sind."
Es sind meiner Meinung nach aber nicht nur die Frauen, die von den Männern etwas fordern müssen, auch an sich selbst müssen die Männer Anforderungen stellen.
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