Dieses Werk von Kierkegaard betrifft alle, ob sie nun wollen oder nicht. Es handelt von der Verzweiflung als Grundgegebenheit im menschlichen Leben, von ihren Ursachen und Erscheinungsformen sowie möglichen Auswegen daraus. Kierkegaard bestimmt den verzweifelten Menschen als Person, die entweder verzweifelt sie selbst oder jemand anders sein will. In einer Gesellschaft, in der Religion zur kalten Konvention geronnen ist und in welcher der moderne Mensch (hier spricht ein Zeitgenosse des 19. Jahrhunderts - erstaunlich!) in Selbstgefälligkeit nur noch der Unmittelbarkeit sinnlicher Bedürfnisse sowie der Vergänglichkeit seiner irdischen Belange hinterherjagt, droht Geistlosigkeit (Kierkegaard). Die in dieser verfahrenen Lage sich entwickelnde Verzweiflung liegt in der Natur des Menschen, da dieser ein Wesen ist, das prinzipiell über sich hinaus will. Der Zustand der Verzweiflung kann oft lange latent bzw. unbewußt bleiben, bevor er dem Betreffenden in einer beliebigen Lebenssituation, z.B. bei schwerer Erkrankung, dem Verlust eines geliebten Menschen oder materieller Not schlagartig zu Bewußtsein kommt. Einen Ausweg sieht Kierkegaard ausschließlich in der bewußten Entscheidung jedes Einzelnen für eine Neubesinnung, in deren Verlauf er sich als Geistwesen erkennt und lernt, aus der Kraft dessen zu leben, der sein "Selbst" in die Welt gesetzt hat. Nur in dem Maße, in welchem der Mensch sich darauf besinnt, auf die Beherrschbarkeit von allem durch ratio zu verzichten um stattdessen das scheinbar umögliche Paradoxon zu glauben: dass Gott als der Zeitlose sich in Christus "selbst gebar" und damit zeitlich wurde um die Menschheit zu erlösen, kann er der Verzweiflung entrinnen. In diesem Horizont geht es vordergründig um ein authentisch gelebtes Christentum, dessen Botschaft dem Verzweifelten zur "Existenzmitteilung" wird, die ihn aus der Erdrückung durch die Sünde befreit. Der sich seiner wahren Bestimmung als geistiges Wesen bewußt gewordene Mensch weiß sich als in "dem Ganzen" in letzter Konsequenz aufgehoben und muss nicht mehr verzweifeln. Er erkennt sich aus den Abgründen des Daseins durch die Gnade desjenigen herausgehoben und geborgen, der ihn in die Welt gestellt hat.-
Das zweifellos hellste Kapitel der gesamten Existenzphilosophie. An Kierkegaard kommt kein philosophisch Interessierter vorbei.