Spurensuche eines neuen Bewusstseins
Kosha Joubert ist ein kleines, beinahe weises Gemeinschafts-Buch, mit einem weiten Blick gelungen: Der mögliche Weg zur kollektiven Weisheit wird darin erkennbar. Ihr persönlicher Weg führte von der Isolation als Jugendliche im südafrikanischen Apartheidsregime zur globalen Vernetzerin der Gemeinschaftsbewegung. Dieser Weg bildet auch den Rahmen des vorliegenden Buches. Es erhält dadurch den roten Faden einer intimen Erzählung, welche die verschiedenen Bewusstseinsetappen der Autorin nachvollziehbar macht und Brücken bildet zu weitergehenden Reflektionen. Überhaupt ist das Buch in einer verständlichen Sprache geschrieben, mal in poetischen, mal in wissenschaftlichen Tönen, aber immer erfahrungsbezogen und menschlich.
Der große Verdienst dieses Buches ist es, endlich die Reflektionen einer Praktikerin auf gemeinschaftliche Prozesse zu bieten, die gleichzeitig einen großen evolutionären Blick auf das menschliche Bewusstsein wirft. Kosha Jouberts Denken bezieht sich nicht nur auf einzelne Erfahrungen und Gemeinschaften, sondern denkt gemeinschaftlich bezogen auf die ganze Gesellschaft. 'Die Evolution zieht uns jetzt in Richtung Verbundenheit.' - dieser Gedanke ist Ausgangspunkt des Buches und wird von Denkern wie Ken Wilber, Teilhard de Chardin, Thich Nhat Han, Peter Russel, Thomas Hübl, David Bohm, Paul Hawkens u.a. untermauert. Hintergrund dieser Sichtweise bietet das Modell der 'Spiral Dynamics' von Clare W. Graves und Don Beck. Es beschreibt eine Landkarte von Bewusstseinwellen, den sog. Memen, die unsere gesamte Menschheitsgeschichte wiedergibt und ständig zwischen den Polen 'Ich' und 'Wir' pendelt. Demnach befinden wir uns heute, nach einer Zeit der wissenschaftlich-rationalen Ich-Bildung, im Übergang zum grünen Meme, mit dem sich wahrscheinlich auch viele Oya-Leser identifizieren können. Es hat das gemeinschaftliche Wohl zum Mittelpunkt: Frieden, Empathie und Ökologie. Wie jedes Meme, erschafft auch das Grüne in sich Spannungen, die zu Weiterentwicklung und Wachstum führen. Im darauffolgenden gelben Meme möchte wieder mehr Individualität in einem größeren gesellschaftlichen Spielfeld zugelassen werden. 'Persönliche Freiheit im Denken wird zusammen gebracht mit einer Wertschätzung für die Vielfältigkeit des Gesamtsystems.' Dies ist auch die Geburtsstunde und das Experimentierfeld für Kollektive Weisheit, welche uns wiederum in das holistische, türkisene Meme eines 'neuen Wir' führen kann. Da sich die Bewusstseinswellen natürlich ständig durchdringen, ist diese Aufwärtsentwicklung weder linear noch widerspruchfrei.
Die Autorin scheut sich nicht, neben die mögliche kollektive Weisheit auch die Gefahr kollektiver Dummheit zu stellen. Dabei bezieht sie sich hauptsächlich auf den Nationalsozialismus und die heutige Konsumgesellschaft. An dieser Stelle fehlt mir der selbstkritische Blick auf revolutionäre Bewegungen und Gemeinschaften (z.B. Osho oder Otto Mühl), die sich von ersten emanzipatorischen Impulsen zu totalitären Strukturen entwickelten. 'Was sind die Bedingungen kollektiver Dummheit?'- eine systematische Erforschung dieser Frage wird hier nur begonnen. Im Sinne eines Frühwarnsystems wäre es sinnvoll, die hier angerissenen gefährdende Bedingungen kollektiver Prozesse weiter zu kristallisieren.
Im Zentrum des Buches stehenden die 7 Schritte zu kollektiver Weisheit. Kosha Joubert hat 7 förderliche Bedingungen ihrer Entstehung herausgearbeitet: gemeinsame Ausrichtung, individuelle Autonomie, Vielfalt einladen , Nichtwissen zulassen, intime Verbundenheit, gemeinsame Praxis und Reflektion. Diese Mustersprache soll Gemeinschaften ermöglichen nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern das größte gemeinsame Vielfache zu entdecken. Das dafür erforderliche Handwerkszeug bietet der anschließende Methodenteil, den es als nützliche Sammlung erfolgreichen Gemeinschaftswissens bisher noch nicht veröffentlicht gibt. Es folgen konkrete Ausblicke in die gesellschaftlichen Bewegungen, in denen Ansätze kollektiver Weisheit wirksam sind.
In diesem Kontext wird auch der notwendigen Diskussion um Führung im Rahmen gemeinschaftlicher Prozesse nicht ausgewichen. Der indianische Älteste Manitonquat meint dazu: 'Letztendlich bedeutet das Einsteigen in Leitung nichts anderes als die Übernahme von Verantwortung. Wenn es in einem Kreis keine Leitung gibt, bedeutet es, dass letztendlich keiner die Verantwortung trägt.' Auch hier braucht es noch weitere Arbeit, um die Bedingungen integraler und gemeinschaftsfördender Leitung zu erforschen und gesellschaftlich umzusetzen. Das Modell der Holarchie (geschichtete Ordnung) bietet dafür einen ersten Ansatz jenseits von Befehlshierarchie und flacher Basisdemokratie.
Das Buch lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, dass eine neue Einheit nur aus bewusster Vielfalt entstehen kann. 'Die Kreativität der Einzelnen ist das verborgene Gold der Gruppe, der innere Schatz, den es gemeinsam zu heben gilt.' Freundschaft als Grundhaltung ist für Kosha Joubert eine Kraft, welche uns helfen kann, dieses Potenzial gegenseitig zu entfalten. Niemand drückt das in ihrem Buch schöner aus, als ein seit 80 Jahren miteinander glücklich verheiratetes Ehepaar: 'Jeden Tag eine kleine Auseinandersetzung- das hält uns zusammen.'