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Berlin, zu Beginn der neunziger Jahre. Georg und Rosalie, beide Ende zwanzig, sind hierhergekommen, um ihrer jungen Liebe im Brodeln der Wiedervereinigung die richtige Kulisse zu geben. Kennen gelernt haben sie sich im rheinischen Köln: Georg hatte Rosalie einfach in der S-Bahn angesprochen. Jetzt tanzen sie sich durch das leben, balancieren über Bahnbrücken und füllen das Vakuum Berlins mit Liebe. „Sie begriffen ihr Leben hier und jetzt“, heißt es im Roman. Sie „zählten die Sterne, die ins Meer fielen, und erwarteten die Kinder wie den Regen“. Und über allem kreist der russische Kosmonaut Sergej Krikaljow, mit dem das Buch beginnt. Mit über 22.000 Stundenkilometern saust er über die Welt hinweg, und sieht nicht, wie zwei Menschen ihre große Chance auf Gemeinsamkeit zunichte machen...
Einem breiten Publikum wurde der Schriftsteller Richard David Precht bekannt, als die damals überaus populäre Fernseh-Literaturkritikerin Elke Heidenreich in ihrer Literaturtipp-Sendung „Lesen!“ sein philosophisches Einführungs- und „Reisebuch“ Wer bin ich – und wenn ja wie viele? in den höchsten Tönen lobte. Wie der Nachfolger Liebe. Ein unordentliches Gefühl, so verkaufte sich auch Wer bin ich anschließend mehrere hunderttausend Mal. Zuvor aber hatte sich Precht als Autor belletristischer Romane versucht. In diese Reihe der Frühwerke gehört auch Die Kosmonauten, ein Roman, der 2003 zum ersten Mal erschien und jetzt, auf der Woge des Erfolgs, wieder nach oben geschwemmt worden ist.
Das hat auf den ersten Blick durchaus seine Berechtigung. Denn der Gedanke, eine Liebesgeschichte von sich findenden und wieder verlierenden Menschen auf ein Berlin im Umbruch zu projizieren, das seine alte Ikonografie gerade abgestreift und seinen neuen Mythos noch nicht erfunden hat, hat etwas Bestechendes. Precht aber nutzt die Chance nicht, oder doch zu wenig. In ihrer ausgesprochenen Schwerelosigkeit bleiben seine Figuren doch steinschwer, das Epische eines Mythos klingt über Strecken geschwätzig. „Die Sonne sank, die Menschen wurden blasser“, heißt es am Ende – als seien sie zuvor farbiger gewesen. Und rasend, die Geschichte überblickend sind Die Kosmonauten ebenfalls nicht. -- Thomas Köster
Pressestimmen
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003
Interessant findet Ijoma Mangold diesen Roman allein schon, weil er es versuchsweise mit dem neuen Berlin und der Nationalgeschichte aufnimmt. Ein frisches Liebespaar zieht nach Berlin-Mitte, um dort am Puls der Zeit zu fühlen und die Liebe naturgemäß scheitern zu lassen. Precht, Jahrgang 1964 und wie seine Protagonisten aus Köln stammend, schreibt ein hübsches Deutsch, das aber diesem großen Thema nicht Genüge trägt, meint Mangold. So einfach lasse sich eben eine private Biografie nicht in die Weltgeschichte einfügen, die Beziehungsgeschichte dümpele "wie ein toter Appendix" neben der großen Geschichte. Die beiden Hauptfiguren bleiben schematisch, während Precht die Nebenfiguren recht gut gelingen, bemerkt Mangold. Auch die Position des allwissenden Erzählers hält er für einen Missgriff des Autors: er deute viel zu viel aus, was den Roman eher langatmig werden lasse. Möglicherweise wäre eine Novelle die geeignetere Form für den Stoff gewesen, überlegt Mangold.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2003
Im Grunde genommen keine schlechte Idee, meint Georg Diez, wenn man denn schon unbedingt einen Berlin-Roman schreiben muss, diesen in die Zeit vor dem großen Berlin-Hype zu verlegen. Im Grunde genommen, so Diez weiter, hat Richard David Precht auch gar keinen schlechten Berlin-Roman geschrieben, wenn, ja wenn das Wörtchen wenn nicht wäre. Wenn sich der Autor nicht zu viel vorgenommen hätte. Wenn der Roman kürzer, straffer, zielbewusster ausgefallen wäre. Wenn Prechts Sprache weniger selbstgefällig wäre. Erzählt wird die Geschichte von Georg und Rosalie, die sich verlieben und von Köln nach Berlin ziehen, wo sie, was sonst, eine Berliner Boheme-Existenz führen. Der Roman kommt Diez vor wie eine große leere Wohnung, in der jede einzelne Gegenstand großes Gewicht erhält, betastet und zurückgestellt wird, eine "Benennungs- und Befindlichkeitsprosa", die manchmal wie Herbert Grönemeyer klingt ("Sie begriffen ihr Leben hier und jetzt, zählten die Sterne, die ins Meer fielen, und erwarteten die Kinder wie den Regen", zitiert Diez zur Illustration seines Grönemeyer-Feelings) und ab und zu auch ein paar Treffer landet. Vielleicht war ja genau diese Gefühligkeit, dieses Ungefähre und In-der-Schwebe-halten das Ziel des Autors, gibt Diez zu bedenken; doch ändert dieser Einwand für ihn nichts an der Tatsache, dass der Autor seine Geschichte, seine Figuren und letztlich sogar Berlin aus den Augen verloren hat.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.