Das bei weitem umfangreichste deutschsprachige Kopfschmerz-Lehrbuch ist 2003 in zweiter Auflage erschienen - natürlich unter Berücksichtigung der aktuellen IHS-Klassifikation: Immerhin war der Buchautor Mitglied des Kommittes zur Erstellung der Klassifikation. Außerdem betreibt er eine der wenigen pezialisierten Kopfschmerzkliniken in Deutschland - also beste Voraussetzungen für ein umfassendes Lehrbuch.
Auf über 800 Seiten finden sich detaillierte Informationen zu praktisch allen Kopfschmerzformen - dennoch nehme ich dieses Buch nur mit erheblichem Widerwillen zur Hand:
Göbel ist der Versuchung erlegen, das komplette Buch selbst zu schreiben - das kann bei einem Werk dieses Umfangs nicht gut gehen, schon gar nicht, wenn strukturierte Aufbereitung von Informationen nicht die stärkste Seite eines Autors ist. Viele Informationen finden sich unübersichtlich und mehrfach dargestellt, seitenweise werden unwichtige Details ausgewälzt, insbesondere die eigenen Ergebnisse ausführlichst präsentiert - extrem fällt dies beispielsweise beim Thema "Kopfschmerz vom Spannungstyp" auf. Zugegeben: Mit diesem Thema über 100 Seiten zu füllen, ist beim momentanen Wissensstand nicht einfach - der KST ist (in Relation zu seiner äufigkeit) ein Stiefkind der Kopfschmerzforschung und man muss es lobend erwähnen, dass Göbel ihm so viel Raum gibt. Aber ist die exterozeptiveSuppression des Temporalis-Reflexes wirklich 15 Seiten wert? Wie kann man die eigenen epidemiologischen Daten auf 10 Seiten auswalzen ("von welchen Fachrichtungen bekommen "von welchen Fachrichtungen bekommen KST-Patienten welche Diagnosen mitgeteilt" u.s.w. ) und dabei die grundlegendsten Zahlen zur Häufigkeit verschweigen, die in jedem 5-Seiten-Übersichtsartikel genannt werden?
Der eigenwillige Schreibstil des Autors rundet das Ärgernis ab: Spätestens, wenn er empfiehlt, Patienten die Wirkweise von Antidepressiva bei Kopfschmerzen mit der Metapher "Bremsflüssigkeit fürs Gehirn" zu erklären, möchte man das Buch eigentlich in die Ecke werfen - geht nur leider schlecht, weil es derzeit kein anderes deutschsprachiges Werk gibt, das den Forschungsstand so umfassend behandelt. Genau das rettet dem Buch auch den dritten Stern.
A propos Forschungsstand: Nach 7 Jahren wird es langsam Zeit für etwa neues. Einige Kopfschmerzspezialisten der "next generation" haben bereits gute Praxislehrbücher über Kopfschmerzen verfasst. Wenn die sich zusammentun und ein wissenschaftliches Standardwerk verfassen, wird mein "Göbel" umgehend auf dem Dachboden landen.