Abseits aller Metaphysik versucht der amerikanische Philosoph John R. Searle nichts weniger, als die 'Ontologie der gesellschaftlichen Tatsachen' mit den klaren Mitteln der Sprachphilosophie zu beschreiben. Es gelingt und wäre Pflichtlektüre für alle politischen Programmatiker. Searle weist nach, daß politische Institutionen ihre Existenz vor allem performativen Sprechakten in Form von Deklarationen verdanken: 'Wir ernennen X zum Vorsitzenden'; Hiermit ist der Krieg erklärt'; Wir verurteilen Sie zu '' Damit verhält es sich ebenso wie mit der sonstigen 'Wirklichkeit', die für uns erst dadurch besteht, daß wir Objekten und Personen ihre Bedeutung in Sprechakten zuschreiben: 'Geld ist Geld, weil die Teilnehmer an der Institution es als Geld ansehen.'
Gesellschaftliche Tatsachen beruhen nach Searle auf einer 'kollektiven Intentionalität', indem wir uns denkend und sprechend auf Objekte und Vorgänge beziehen, gemäß unserer Absichten und Überzeugungen. Politische Tatsachen werden durch deklarative Sprechakte geschaffen, denen wir 'deontische Macht' beilegen, in der wir uns gesichert meinen. Allerdings sind ohne Sprache derlei Verpflichtungen nicht vorstellbar, während die Sprache selbst in sich eben nicht durch Deklarationen geschaffen ist.
Searle verteidigt den externen Realismus, der immer klarstellt, daß es eine von unseren Repräsentationen unabhängige Wirklichkeit gibt, eine Ansicht, die durch die idealistische Tradition immer wieder bezweifelt wird. Er stellt klar, daß ohne die Realität der uns umgebenden Welt auch die Realität einer sozialen Welt ohne Bestand wäre, da diese letztlich auf physischen Tatsachen beruht. Der Philosoph schließt so die Korrespondenztheorie der Wahrheit an: Wahre Aussagen sind über das, was wir Tatsachen nennen, möglich. Sobald wir sprechen, 'haben wir schon die Existenz der wirklichen Welt vorausgesetzt.'
Dennoch sind unsere zwar für ehern gehaltenen, aber lediglich deklarierten Institutionen sozusagen spirituell aufgeladene Gebilde, denen Geltung und Macht nur zukommt, solange wir den jeweiligen Zuschreibungen trauen. Werden sie unglaubwürdig, endet ihre Funktion und Tauglichkeit. Anhand der US-Hypothekenkrise analysiert Searle, auf welche Weise das System in Frage stehen kann. Politik sollte das wissen, insofern sie vor Unwägbarkeiten steht, mit denen sich Zuschreibungen schnell ändern und im Sprechakt ganz neue Vereinbarungen geschlossen werden.