Spätestens seit dem Jahr 2004, in dem ihr Roman Die chinesische Geliebte" erschien, zählt Hong Ying auch hierzulande zu den bekannteren chinesischen Autoren. Die zwischenzeitlich in England lebende Autorin, die mittlerweile wieder nach China zurückgekehrt ist, schreibt in ihrem Roman Die Konkubine von Shanghai" über eine Frau, die zu einem der mächtigsten Menschen in der Unterwelt Shanghais aufsteigt. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts herrschen in Shanghai die Geheimbünde oder Triaden und leiten die Geschicke der Stadt. Die Gegensätze von Ost und West treffen hier aufeinander und bilden den Boden, auf dem Cassias Erfolg, die so gar nicht dem traditionellen chinesischen Schönheitsideal entspricht, sondern eher dem westlichen, gedeiht. Dass sich der neue Hong-Meister für Cassia interessiert, ist gleichermaßen Glück wie Unglück, denn er konzentriert zwar viel Macht in seiner Person, verbreitet aber auch Angst und Schrecken, denn Huang Peiyu ist nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, jemanden ermorden zu lassen. So muss Cassia ihre Zuneigung zu Yu Qiyang beispielsweise verstecken.
Die Erzählperspektive der Geschichte ist ein wenig verwunderlich, da zu Beginn sowie hin und wieder im Verlauf der Geschichte eine Ich-Erzählerin auftaucht, die man nicht richtig ein- und zuordnen kann. Diese Ich-Erzählerin stellt sich schließlich als Chronistin von Cassias Aufstieg heraus. Dabei erzählt sie nicht konsequent aus Cassias Perspektive, sondern schildert die Ereignisse aus einer eher auktorialen Sicht, was manchmal zu Verwirrung führen kann. Zudem wird erst am Ende wirklich klar, dass es sich bei der Chronistin um die Autorin selbst handelt. In einem Nachwort schreibt sie von ihren Treffen mit dem chinesischen Dramatiker Liu Ji, der ihr von Xiao Yuegui, dem Vorbild für Cassia, erzählt, die die Autorin schließlich ebenfalls trifft.
Die Geschichte selbst ist gut und flüssig zu lesen. Der Leser erfährt einiges über das Shanghai des zwanzigsten Jahrhunderts, die Triaden, die Oper, das Frauenbild und die Bordelle. Hin und wieder wirkt die Geschichte durch den Schreibstil aber doch ein wenig seicht. Nichtsdestotrotz erfährt man hier auf unterhaltsame Weise etwas über einen Teil der chinesischen Geschichte.