In den letzten Jahren hat es dank zahlreicher Pioniertaten eine wahre Renaissance der Werke Joseph Haydns gegeben. Das ist gut so, indes der Kapellmeister von Gut Esterházy viel mehr war als der dröge "Papa Haydn". Es ist aber auffällig, dass eine Werkgruppe der Instrumentalmusik des Österreichers nach wie vor kaum Beachtung findet, namentlich die sämtlichen Instrumentalkonzerte, die insbesondere in seiner frühen Schaffensphase entstanden sind. Dass das eigentlich nicht zulässig ist, beweist die vorliegende Box von Naxos, die alle erhaltenen Konzerte des Komponisten zusammenstellt, auch diejenigen, deren Urheberschaft als unsicher gilt. Abgerundet wird das Programm durch eine enorme Textbeigabe.
Haydn komponierte zahlreiche Instrumente für Tasteninstrument. Oftmals ist jedoch nicht überliefert, für welche Art Tasteninstrument sie jeweils gesetzt sind. Die Konzerte Hob.XVIII:1, 8 und 10 sind auf der Orgel dargeboten, Hob.XVIII:2, 5 und 7 sind hier mit Cembalo eingespielt und die Konzerte Hob.XVIII:3, 4, 9 und 11 auf dem modernen Konzertflügel. Freilich soll diese Entscheidung keinerlei demonstrativem Nutzen Rechnung tragen; dennoch aber macht es beim Hören Freude, zu hören, wie die jeweiligen Instrumente es vermögen, Haydns individuelle, humoristische Tonsprache zu Gehör zu bringen. Besonderes Augenmerk verdient Haydns schier endloser Ideenreichtum vor allem in den zahlreichen wundervollen, espritvollen Rondi.
Die drei überlieferten Violinkonzerte Haydns (Hob.VIIa:1, 3 und 4) erinnern in ihrer Konzeption und ihrem musikalischen Gehalt sehr stark an barocke Vorbilder. Besonders originell ist das erste Konzert in C-Dur, dessen klassischer Zuschnitt geradezu modern und revolutionär wirkt. Es ist nicht alleine der Lyrik des langsamen Satzes geschuldet, dass es sich dabei auch um Haydns beliebtestes Violinkonzert handelt.
Zudem schrieb Haydn auch ein Doppelkonzert für Klavier, hier Fortepiano, Violine und Orchester in F-Dur Hob.XVIII:6, ein pittoreskes Stück, in dessen langsamem Satz die Solisten über dem sanften Klangteppich zu schweben scheinen.
Besondere Beliebtheit genießen Haydns insgesamt drei erhaltene Cellokonzerte Hob.VIIb:1, 2 und 4. Alle drei gehören zur Standardliteratur eines jeden Cellisten. Bei dieser Kantabilität und diesem edlen Klang kann das freilich kaum wundernehmen.
Von den Hornkonzerten des Meisters ist nur eines in D-Dur Hob.VIId:3 überliefert, dessen Kantabilität und pastorale Idylle überzeugen. Es ist aber besonders das berühmte Trompetenkonzert Es-Dur Hob.VIIe:1, das dafür gesorgt hat, dass Haydns Konzertoeuvre nicht vollständig in Vergessenheit geraten ist. Es ist überhaupt eines der wenigen Bläserkonzerte, die bis heute festen Bestand in den Konzertsälen der Welt halten können. Besonders das hehre Andante lassen schnell einsehen warum.
Die letzte der insgesamt sechs CDs vereint die fünf erhaltenen von sechs Konzerten für Lire organizzate und Orchester Hob.VIIh:1 bis 5. Dabei handelt es sich um eine zeitgenössische Kammerorgel. Diese Konzerte liegen hier in einem Arrangement für zwei Blockflöten (Konzerte 1, 3 und 5) beziehungsweise Flöte und Oboe (Konzerte 2 und 4) vor. Auch diese Stücke genügen höchsten ästhetischen Ansprüchen und überraschen durch ihre unerwarteten dynamischen Modulationen.
Der besseren Übersicht halber sollen die einzelnen Solisten, die durchweg vom Kölner Kammerorchester unter der Leitung Helmut Müller-Brühls begleitet werden, hier aufgelistet werden:
Harald Hoeren, Orgel/ Fortepiano; Ketil Haugsand, Cembalo; Sebastian Knauer, Klavier; Augustin Hadelich/ Ariadne Daskalakis (Doppelkonzert), Violine; Maria Kliegel, Violoncello; Daniel Babanov, Horn; Jürgen Schuster, Trompete; Daniel Rothert/ Philipp Spätling, Blockflöte; Benoît Fromanger (Hob.VIIh:2)/ Ingo Nelken (Hob.VIIh:4), Flöte; Christian Hommel, Oboe
Die Aufnahmen entstanden allesamt zwischen 2000 und 2007, sind teilweise preisgekrönt und erfreuen sich herausragender Aufnahmequalität.
Die hervorragende künstlerische Qualität steht außer Frage. Naxos beweist, dass es nicht namhafter Künstler bedarf, um eine kongeniale Gesamteinspielung dieses vernachlässigten Repertoireteiles abzuliefern. Farbige Nuancen und pointierte Melodieläufe sorgen für passende Akzente, die keines der hier vorliegenden Konzerte in irgendeiner Weise langweilig erscheinen lassen. Das Musizieren im kleinen Ensemble - wenngleich nicht auf historischen Instrumenten - gewährleistet vollkommene Transparenz und Differenziertheit, lässt die Musik organisch erscheinen und atmen. Mögen die Haydn-Konzerte nicht in diesem Maße genial sein wie die eines Bach oder Mozart, so sind sie doch in höchstem Maße authentisch.
Brillante Solisten gestalten die Soloparte flüssig und facettenreich. Besondere Erwähnung verdienen hierbei Maria Kliegel, die die Cellokonzerte zu einem einzigartigen Erlebnis gestaltet, sowie Jürgen Schuster, der eine moderne Referenz des vielgeschundenen Trompetenkonzertes hinlegt.
Fazit: Nicht verpassen! Die Haydn-Konzerte in einer mustergültigen, durch und durch gelungenen Einspielung, die als eine der verdientsreichsten Pioniertaten der vergangenen Jahre betrachtet werden muss.