Kurzbeschreibung
Die 32jährige Clea Koff gehört zu den Gerichtsmedizinern, die im Auftrag des UN-Kriegsverbrechertribunals die sterblichen Überreste exhumieren und analysieren. Was sie bei ihrer Arbeit gesehen hat und sie bis in ihre Träume verfolgt, die unbeschreiblichen Szenen, die die junge Frau mit den Hinterbliebenen erlebte, sie kann nicht anders als zu erzählen: »Ohne unsere Erkenntnisse könnten die Gerichte nicht arbeiten, ohne Gerichte gäbe es kein Urteil, ohne Urteil keine Strafe, ohne Strafe keine Gerechtigkeit.«
Über den Autor
Auszug aus Die Knochenfrau von Clea Koff. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Jeder in der Schlange hatte eine andere Geschichte. Der erste Mann erzählte mir, daß seine Großeltern im Holocaust getötet worden seien und seiner Ansicht nach auch in einem Massengrab lägen, wie viele der Leichen, die ich untersucht hatte. Ein anderer gab mir seine Visitenkarte und sagte, er kenne »interessierte« Menschen bei den Vereinten Nationen, die sich gern einmal mit mir unterhalten würden. Eine Frau erklärte, sie habe mich auf dem Bildschirm gesehen, der für alle, die im Saal keinen Platz mehr gefunden hatten, eine Etage höher aufgestellt worden war; sie wollte mir nur sagen, daß ich sie zu Tränen gerührt hätte. Eine andere wollte eine Stiftung gründen die Clea Koff Foundation , sie sei sich noch nicht ganz im klaren über den Tätigkeitsbereich, aber wir sollten auf jeden Fall schon einmal ein Arbeitsfrühstück verabreden. Ein Mann machte mir sogar einen Heiratsantrag und bot mir ein Haus in den Hamptons an, aber er war die Ausnahme.
Die Clea Koff Foundation kam nie zustande, und ich habe den Mann aus den Hamptons nicht geheiratet, aber die starken und so völlig unterschiedlichen Reaktionen dieser Menschen haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Viel später erst wurde mir klar, daß sie über die Orte, an denen ich gewesen bin, und über die Dinge, die ich gesehen habe, reden wollten, weil ich eine direkte Verbindung zu den Ereignissen darstellte, für die sie sich aus den unterschiedlichsten Gründen interessierten. Und darüber hinaus muß etwas an der Art, wie ich von diesen Ereignissen gesprochen habe, ihnen eine Verbindung zu ihrem eigenen Leben aufgezeigt haben, über die sie mit mir sprechen wollten. Ich glaube, dieses »Etwas« muß meine mitzvah gewesen sein.
Zwei Jahre vor diesem Erlebnis hatte mir Les Light, ein alter Freund meiner Familie, gesagt: »Du weißt, daß das jetzt deine mitzvah ist.« Ich war dreiundzwanzig Jahre alt und gerade aus Ruanda zurückgekehrt, wo unser forensisches Team die Überreste von fast fünfhundert Menschen exhumiert hatte, die alle bei einem einzigen Übergriff während des Völkermords von 1994 getötet worden waren, und ich war mir gar nicht ganz sicher, was genau mitzvah hieß. Wie ich später herausfand, bedeutet das Wort ursprünglich »Gebot«, und dabei schwingt stark die Vorstellung »verdienstvolle Tat oder Pflicht« mit. Im Grunde wollte Les mir sagen, daß ich nach meinen Erfahrungen in Ruanda jetzt die Pflicht hatte, dieses Wissen mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen. Sein ernster Tonfall gab mir das Gefühl, einen Befehl entgegenzunehmen. Als forensische Anthropologin hatte ich gegenüber den Toten immer die Verpflichtung gespürt, sie zum Sprechen zu bringen, aber mir war nicht klar gewesen, daß sich daraus auch eine noch weitergehende Pflicht ergab.
Natürlich war ich mir über vieles nicht klar gewesen, als ich 1996 nach Ruanda ging. Damals war ich eine junge Anthropologin, die davon träumte, Beweise für Menschenrechtsverletzungen zu erarbeiten und menschliche Überreste zu identifizieren. Es war mir ernst, wenn ich den Menschen erzählte, daß ich dazu beitragen wollte, solche Menschenrechtsverletzungen zu beenden, indem ich potentiellen Mördern zeigte, daß Knochen sprechen können. Und um das zu tun, sparte ich Geld und reiste während meiner Semesterferien beim Graduiertenprogramm in forensischer Anthropologie in Arizona nach Argentinien, um dort für das Equipo Argentino de Antropologia Forense (EAAF) zu arbeiten. Mit meinem Wissen in menschlicher Osteologie wollte ich die Arbeit dieses Teams von argentinischen Gerichtsanthropologen unterstützen und dabei helfen, die Überreste von Menschen zu identifizieren, die während der Militärjunta in den siebziger und achtziger Jahren dort »verschwunden« waren.
Mein Interesse an forensischer Anthropologie war Jahre zuvor erwacht, als ich das Buch Identität unbekannt Was Gebeine enthüllen von Christopher Joyce und Eric Stover las und darin viel über die EAAF erfuhr. Dieses Buch war der Auslöser dafür gewesen, daß ich an der Universität von der Archäologie zur Anthropologie wechselte.
Erst kürzlich, weil so viele Menschen mich gefragt haben, wie ich denn überhaupt zur forensischen Anthropologie gekommen sei, ist mir klar geworden, wie beständig dieses Interesse war. Schon als Kind habe ich die toten Vögel und Eichhörnchen gesammelt, die mein Bruder und ich in unserem Hof in Los Angeles fanden, und sie dann unter den Oleanderbüschen vergraben. So hatte ich mit sieben Jahren schon einen veritablen Friedhof geschaffen. Zwei Jahre später hielt mich auch das betäubende Geschrei der Affen in den Bäumen des Amboselli-Nationalparks in Kenia nicht davon ab, gebleichte Tierknochen vom Boden aufzusammeln. Ich säuberte sie und legte sie in einer langen Reihe vor meinem Zelt aus, doch in der Nacht wurden sie von Tieren durcheinandergebracht, und am nächsten Morgen brachte ich sie lieber den Affen zurück.
Mit dreizehn Jahren vergrub ich die toten Vögel in Plastiktüten, damit ich sie später wieder herausholen konnte. Ich meine mich zu erinnern, daß ich wissen wollte, wie lange es wohl dauern würde, bis sie nur noch Skelette waren. Die stinkenden Päckchen brachte ich dann meinem überaus leidensfähigen Biologielehrer, und wir führten Untersuchungen durch, die nicht auf dem Lehrplan standen und ganz von unserem ureigenen Interesse ausgingen. In der Highschool-Zeit sah ich einmal zufällig in einer Fernsehdokumentation von National Geographic, wie die Asche des Vesuvs vor fast zweitausend Jahren die Überreste von Menschen konserviert hatte. Ich war fasziniert, als die Frau dort im Fernsehen erklärte, eine bestimmte Ansammlung von Knochen seien die Überreste einer jungen Dienerin, die schwere Lasten tragen mußte das belege die Entwicklung der Muskelansätze an den Armknochen. Ich war hingerissen und machte mir die ganze Sendung über Notizen, vor allem schrieb ich mir den Namen der Anthropologin auf, in der Hoffnung, sie eines Tages kennenzulernen. Später wollte ich ihre Arbeit übernehmen und selbst die sterblichen Überreste der Menschen untersuchen, die vor der Lava aufs Meer flüchten wollten und noch an den Bootshäusern am Ufer starben.
Das soll nicht heißen, daß ich morbid war. Ich hatte durchaus auch andere Interessen: Ich war immerhin stolze Besitzerin von sechsundzwanzig Barbie-Puppen und spielte jahrelang rechte Außenverteidigerin in der Fußballmannschaft unserer Schule. Ich liebte Popmusik und zog mich an wie Madonna, als sie zum ersten Mal Furore machte. Aus alledem wuchs ich heraus, was jedoch blieb, war mein Interesse für Knochen. Angeregt von der National-Geographic-Sendung begann ich Archäologie zu studieren. Der Haken dabei war nur, daß es hierbei vor allem darum ging, Menschen aus der Erde zu holen, die »ordentlich« bestattet worden waren. Mein Interesse war es jedoch nicht, zu Forschungszwecken alte Friedhöfe freizulegen, ich wollte geheime Gräber aufspüren und Überreste von Verbrechensopfern ans Tageslicht bringen und identifizieren. Aus Identität unbekannt hatte ich erfahren, daß forensische Anthropologen sogar Mörder zur Strecke bringen konnten, und so entschied ich mich schließlich für Anthropologie als Hauptfach.
In der forensischen Anthropologie geht es immer um das Vorher und das Nachher. Forensische Anthropologen nehmen das, was übrig ist, nachdem ein Mensch gestorben ist, und untersuchen den Leichnam, um daraus zu schließen, was vor dem Tod geschah sei es lange zuvor (antemortem) wie auch direkt zuvor oder genau im Moment des Todes (perimortem). Die forensische Anthropologie kann nicht nur den Behörden helfen, die Identität von unbekannten Toten zu bestimmen, sie vermag auf dem Gebiet der Menschenrechtsarbeit Enormes zu leisten, denn sie kann den Leichnam des Opfers, von dem der Täter glaubte, es für immer zum Schweigen gebracht zu haben, zum Sprechen bringen. Und genau dieser Aspekt der forensischen Anthropologie treibt mich an, die Vorstellung, den Bösen das Handwerk zu legen, wenn sie es am wenigsten erwarten.
Ich glaube, das liegt unter anderem daran, weil mir schon in jungen Jahren Vorhandensein und Ursachen von Unterdrückung und Diskriminierung nahegebracht wurden. Ich war noch ein Kind, da drehten meine Eltern David und Msindo Dokumentarfilme zu Themen wie »Kolonialismus und Widerstand in Afrika« oder »Überschneidung von Rasse und sozialer Schicht in Großbritannien«. Und meine Eltern gehörten nicht zu denjenigen, die ihre Kinder ins Bett schickten, wenn sie mit ihren Freunden über Politik redeten: Nein, mein Bruder Kimera und ich saßen immer mit am Eßtisch oder vor dem Bildschirm, und wir kannten Wörter wie »Lumpenproletariat«, bevor wir je von der Sesamstraße gehört hatten. Ich werde nie vergessen, wie mein Bruder mit siebzehn zum ersten Mal meinen Vater anbrüllte und dabei rief: »Ich kann deinen dialektischen Scheiß nicht mehr hören!«
Wir begleiteten unsere Eltern, wenn sie vor Ort drehten, und wenn wir in Afrika waren, machten wir halt bei unseren Großeltern Paul und Gwera in Tansania oder bei Tante Miriam in Uganda. Nur einmal nahmen unsere Eltern uns nicht mit als sie in Boston gegen die Zensur ihres Filmes Blacks Britannica kämpften. Sie waren sechs Monate weg, während Kimera und ich im englischen Norfolk auf der Schweinefarm eines Freundes lebten. Ich erinnere mich, daß ich dort meinen sechsten Geburtstag verbrachte. Kimera und ich versteckten uns zwischen den Heuballen in der Scheune. Wir vermißten unsere Eltern sehr, und in unseren Kinderhirnen hatte sich das Wissen festgesetzt, daß dem Film unserer Eltern großes Unrecht geschehen war, und damit unseren Eltern, und damit uns.
Die gleiche tiefe Empörung fühlte ich ein paar Jahre später am Flughafen von Nairobi, als wir aus Kenia ausreisen wollten: Der Beamte an der Paßkontrolle erklärte uns, er werde meine Mutter nicht passieren lassen, weil er was gegen die Politik des Präsidenten von Tansania habe, Mummys Geburtsland. Wir hätten damals fast das Flugzeug verpaßt, und mir war ganz schwindlig, weil ich so viel geweint hatte. Ich war erst zehn, aber noch heute erinnere ich mich an das fiese Grinsen des Beamten, der so genüßlich seine Macht mißbrauchte.