Wie in einem Rausch habe ich dieses "den Intelligenten und Sensiblen" gewidmete Buch gelesen, und kaum einmal konnte ich davon aufsehen. Das kam, weil ich so viel natürliche Aufrichtigkeit bisher nirgendwo sonst entdeckt habe - ein Armutszeugnis unserer Zeit und unserer "Szene", vielleicht auch mein eigenes.
Jedenfalls ist es einfach göttlich zu erleben, wie in diesem französischen Internat kurz nach der Jahrhundertwende das spielerische und gleichzeitig hochtrabend intellektuelle Verhalten der kleinen Jungs vorgestellt wird, als habe man es direkt vor Augen, ja, sei sogar involviert. Mit unschuldigster Naivität liefern sie sich restlos und mit jeder Faser ihren Emotionen geradezu aus, und das tun sie mit solch einer bewundernswerten Ausschließlichkeit, dass einem bange wird angesichts heutiger Beziehungskrüppel, die Angst vor ihrer eigenen Seele zu haben scheinen, weil sie jeglicher Zugang dahin (auch und besonders der eigene) verletzbar machen würde.
Henry de Montherlant zeichnet dieses Bild so genau, so einfühlsam, dass fast auf den ersten Blick klar ist, wie groß die autobiografischen Einflüsse gewirkt haben müssen. Das Gymnasium bildet einen Staat im Staate, eine Insel der "Unmoral" aus Unwissenheit, ein Paradies ritterlicher Liebe, wie sie vielleicht wirklich nur Unverdorbene empfinden können, wenn sie allein ihrem Herzen folgen, ohne aber dabei den Verstand zu verlieren.
Mich hat dieses Buch vor allem deswegen angerührt, weil ich glaube, dass diese Seelenwelten im Aussterben begriffen sind. Und weil ich gemerkt habe, was uns damit auf immer verloren geht. Das ist kein Weltschmerz eines Verzweifelten, sondern die nüchterne Erkenntnis, wie weit sich das Schrille von der Natur entfernt hat. In diesem Buch hat Schwulsein nicht eine einzige bunte Glasperle nötig. Es ist, weil es ist. Da braucht es keine Erklärungen und Affektiertheiten.
Zwar stört mich der etwas dünkelhafte Stil Montherlants, der manchmal sogar selbstgefällig wirkt in seiner Allwissenheit und ausgestellten Menschenkenntnis, aber zu einem spätromantischen Romancier gehört die köstliche sprachliche Verhüllung als Versuchung eben genauso wie das Greifbarmachen jedes emotionalen Augenblicks. Ja, es sind die tiefen, die echten Gefühle, die mich aufgewühlt haben. Gibt es sie noch?