Doris Lessing, die mir bis zur Vergabe des Nobelpreises nur durch ihre (wohlgemerkt: grossartigen) Bücher "Afrikanische Tragödie" und "Memoiren einer Überlebenden" bekannt war, hat mit "Die Kluft" einen visionären Roman geschrieben.
Ein römischer Senator (zur Zeit Neros) beginnt mit der Zusammenfassung eines historischen Berichts, der auf verschiedenen Berichten und Überlieferungen beruht. Dabei geht es um ein Volk der "Spalten" (eine reine Frauen-Gesellschaft, in der alle Schwangerschaften nur durch den Mondzyklus bedingte Befruchtungen enstehen). Doch auf einmal kommen auch "Zapfen" oder "Ungeheuer" (also männliche Wesen) auf die Welt. Alle Versuche, diese "Zapfen" loszuwerden, scheitern und die "Spalten" lernen mit den "Zapfen" zu leben. Soweit kurz zur Story.
Spannend, wie Doris Lessing diesen Roman (mit wechselnden Erzählperspektiven, z.T. mit dem Senator als fast essayistisch berichtendem Erzähler, dessen Bericht immer wieder unmerklich in die Erzählperspektiven der Protagonisten übergeht) leben lässt. Wunderbar auch, wie sie die Verteilung und Entstehung der Geschlechterrollen beschreibt.
Fazit: ein grossartiger Roman, eine überzeugende Parabel, wunderbar. Endlich wieder eine Schriftstellerin, die den Nobelpreis wirklich verdient hat. Beglückend in diesem Fall auch, dass die aus unseren Buchhandlungen verschwundenen Bücher von Doris Lessing wieder zugänglich werden (und z.T. neu aufgelegt werden), da es in ihrem Werk noch sehr viel zu entdecken gibt.