Gleich vorweg: meines Erachtens ist dies ein grossartiges und durch und durch spannendes Hörerlebnis.
Der Inhalt (ich verweise hier mal auf die jeweiligen Klappentexte) ist sicherlich Geschmacksache über die man geteilter Meinung sein darf: zartbesaiteten Naturen wird er zu blutrünstig sein, Gutmenschen werden vielleicht eine tiefere moralische Botschaft vermissen und eventuell braucht man eine gewisse Art von (britischem?) Humor. Doch wer damit umgehen kann, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse zuweilen verschwimmen, dass auch die Helden der Geschichte nicht immer ohne Furcht und Tadel sind und dass sie sich (nicht immer siegreich) mit blutrünstigen Höhlenfurien, dumm-gewalttätigen Trollen, fleischfressenden Bäumen, lebensgefährlichem Getier, heimtückischen Mördern und machtgierigen Intriganten herumschlagen müssen, der bekommt hier ein grossartige und phantasievolle Unterhaltung geboten. Auch wenn hier die untere Skala möglicher Charaktereigenschaften stark thematisiert wird (was ist schon so unterhaltsam wie richtig böse Bösewichter...), so gibt es dennoch wahre Freundschaft, Liebe, Tapferkeit, Ehre und Treue - auch wenn der Umstand, zu den "Guten" zu gehören, so manchen Sympathieträger nicht unbedingt davor schützt, mitten im Abenteuer urplötzlich aus dem Leben zu scheiden.
Auch manches Kind ab Schulalter wird diese Geschichten gebannt verfolgen, wobei auch ich ein gemeinsames (ersten) Hören im Beisein eines Elternteils empfehlen würde - manches ist doch sehr aufregend und manches darf durchaus relativierend kommentiert werden.
Manche Geschichten basieren scheinbar auf einem ganzen Universum, welches der Autor zunächst im Kopf geschaffen hat und das diesen Geschichten eine unerreichte Tiefe verleiht. Bei Stewart und Riddell habe ich eher das Gefühl, sie hätten einfach mit viel Spass und schenkelklopfenderweise drauflosgeschrieben und das die Geschichte tragende "Universum" entwickelt sich nach und nach parallel dazu.Daher bleiben anfänglich manche interessante Charaktere eindimensional, manch toller Einfall zu kurz abgehandelt und manche Geschichte unerzählt. Wirkt die erste Geschichte noch ein wenig wie eine bloße Aneinanderreihung (lebens-)gefährlicher Abenteuer, durch die unser junger Held Twig meist mit mehr Glück als Verstand stolpert, so wird die Geschichte im Verlauf der Hörbuchreihe reicher, tiefer und komplexer, ohne an Spannung einzubüßen. Auch beim zweiten oder dritten Hören ziehen einen die Geschichten wieder in ihren Bann.
Die Reihe folgt keinem strengen chronologischen Ablauf - Band III ist eine Rückblende in der es u.a. um Geschiche und Herkunft einiger Charaktere aus Band I behandelt., Band V macht einen Zeitsprung um 50 Jahre in die Zukunft. Dies erfordert vom Hörer bzw. Leser ein wenig Flexibilität, da liebgewordene Figuren Helden eventuell nicht oder nur als Randfigur vorkommen.
Der Sprecher Volker Niederfahrenhorst ist m.E. gut gewählt. Er versteht es, die Geschichte lebendig werden zu lassen und verleiht den verschiedenen Individuen und Wesenheiten einen unverwechselbaren Charakter. Er schlabbert, raunt, zischelt und krächzt und findet dabei stets (das auf den abstrusen Inhalt dieses Hörbuchs bezogene) das rechte Maß, zumal seine normale Erzählerstimme dem ganzen einen neutralen Rahmen bietet. Bei den unzähligen Individuen und Wesenheiten eine grosse Herausforderung, so hat es eher einen kleinen Schmunzeleffekt, dass die eine oder andere Harpie nach Herbert Grönemeier klingt. Den schon fast inflationär allgegenwärtigen Rufus Beck, der scheinbar immer mal als Vergleichsreferenz herangezogen wird, vermisse ich hier jedenfalls nicht.
Die Sound- bzw. Instrumentaleffekte sind hervorragend und sparsam mit gutem Timing gesetzt. So wirken sie, wie auch stimmliche Effekte des Sprechers als auditive Bezugspunkte und geben zusätzliche Orientierung. Dies zieht sich übrigens mit angenehmer Konstanz duch sie gesamte mir bekannte Hörbuchreihe (Chroniken I-VII).
Und wer könnte diese Hörbucher besser beurteilen, als ein jüngeres Mitglied der vermeintlichen Zielgruppe. Auf die Frage, wo er das Hörbuch auf einer Skala von 1-10 einordnen würde, antwortet mein achtjähriger Sohn
spontan: "neukommadreiviertel". Das kann ich dann guten Gewissens auf 5 Sterne aufrunden.