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Die Klavierspielerin
 
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Die Klavierspielerin [Taschenbuch]

Elfriede Jelinek
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (55 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Die Klavierspielerin
OT Die KlavierspielerinOA 1983 DE 1983 Form Roman Epoche Gegenwart
Der Roman Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek, der nach Angaben der Autorin autobiografische Züge trägt, führt mit seiner Protagonistin eine Frau vor, die ihren Objektstatus so weit verinnerlicht hat, dass sie keinen Zugang zu ihrer Individualität finden kann. Damit verschließt sich ihr auch der Zugang zur eigenen Lust; sie wird zur Voyeurin.
Jelinek entlarvt das bürgerliche Familienleben als Kampfplatz und zwischenmenschliche Beziehungen als zerstörerisches Ringen um Macht. Der Roman ist geprägt durch eine radikale satirische Darstellung. Durch mit Sprachfloskeln durchsetzte stakkatoartige Sprachlawinen bildet die Autorin ihren unverwechselbaren, zynisch brutalen Stil aus. Das Werk ist charakteristisch für die vorrangig feministische Schaffensphase von Jelinek.
Inhalt: Hauptfigur des Romans ist Erika Kohut, Ende dreißig und Klavierprofessorin am Wiener Konservatorium. Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen, die ihre Tochter als Besitz betrachtet und ein System totaler Überwachung aufgebaut hat. Ihre Frustration über die gescheiterte Pianistenkarriere Erikas fördert eine Atmosphäre des Terrors. Erika reagiert vordergründig mit Anpassung und gibt die erlittenen Demütigungen an ihre Klavierschüler weiter. Mit Rasierklingen und Nadeln fügt sie sich selbst Verletzungen zu.
Als der junge Walter Klemmerer, einer ihrer Meisterschüler, das Abschirmsystem der Mutter durchbricht und Erika Avancen macht, reagiert sie zunächst mit abweisendem und erniedrigendem Verhalten. Nachdem sich Klemmerer dadurch nicht abschrecken lässt, fordert sie ihn in einem Brief detailliert zu einem sadistischen Sexualverhalten ihr gegenüber auf. Um die eigene Position zu sichern, will Erika ihre Unterwerfung, die ihr in einer sexuellen Beziehung zu einem Mann unumgänglich erscheint, selbst inszenieren. Durch die Vorgabe der Regeln würde sie so zum eigentlich dominanten Teil des Paares. Allerdings hofft Erika auch darauf, dass sich Klemmerer aus Liebe ihren Forderungen verweigern wird. Klemmerer reagiert mit Unverständnis und Abscheu und wendet sich angewidert von ihr ab. Als es dennoch zu einer sexuellen Begegnung kommt, versagt Klemmerer und sein Abscheu steigert sich zum Hass. Er schlägt Erika zusammen und lässt sie nach einer Vergewaltigung mit lapidaren guten Ratschlägen zurück.
Zwischen Mord- und Versöhnungsabsichten schwankend, sucht Erika Klemmerer auf. Als sie aus der Ferne seine unbeschwerte Fröhlichkeit beobachtet, sticht sie sich selbst mit einem Messer in die Schulter und geht blutend nach Hause zurück.
Wirkung: Wie alle Werke von Jelinek ist der Roman sehr kontrovers diskutiert worden. Das Spektrum der Kritik liegt zwischen Begeisterung und Verriss, bisweilen wurde auch eine Pathologisierung der Autorin vorgenommen. Literaturwissenschaftliche Arbeiten liegen bislang nur vereinzelt vor. Mit der Verfilmung durch Michael Haneke ist der Roman 2001 erneut ins Publikumsinteresse gerückt.

Pressestimmen

Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in einen verführerischen Bann gezogen ... Wichtig ist das Buch nicht, weil es die (auch pornographischen) Phantasien des lesenden Voyeurs stimuliert, sondern weil der Roman ein besseres Verstehen über perverse Formen ´abweichenden´ Verhaltens bewirkt. (Norbert Schachtsiek-Freitag, Frankfurter Rundschau )

Kurzbeschreibung

Einer der meistdiskutierten deutschsprachigen Romane der letzten Zeit: Der Klavierlehrerin Erika Kohut, von ihrer Mutter zur Pianistin gedrillt, ist es nicht möglich, aus ihrer Isolation heraus eine sexuelle Identität zu finden. Unfähig, sich auf das Leben einzulassen, wird sie zur Voyeurin. Als einer ihrer Schüler mit ihr ein Liebesverhältnis anstrebt, erfährt sie, daß sie nur noch im Leiden und in der Bestrafung Lust empfindet.

Über den Autor

Geboren am 20.10.1946 in Mürzzuschlag (Steiermark), studierte in Wien Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Musik. Ausbildung zur Organistin, seit 1966 freie Autorin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1989 den Würdigungspreis der Stadt Wien für Literatur, 1998 den Georg-Büchner-Preis, 2002 den Theaterpreis Berlin und den Heinrich-Heine-Preis. Im Oktober 2004 folgte schließlich der Literatur-Nobelpreis.Jelineks Texte zeigen manipulierte Existenzen in entindividualisierender Gesellschaft, bestimmt durch falsche Glücksvorstellungen. "Wir sind Lockvögel, Baby" zeigt das Nebeneinander von Sprach- und Bewusstseinsmustern in der Gesellschaft. Den geschlossenen Zusammenhang des traditionellen Romans parodierend, verwebt Jelinek in einer Pseudohandlung die sprachlich-ideologischen Muster eines Heimatromans mit Porno- , Comic- und Horrorelementen. In "Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft" entlarvt sie Schablonen und Stereotypen von Medienhelden, indem sie im Stil scheinbarer Naivität diese der Wirklichkeit derer gegenüberstellt, die aus dem Fernsehen ihre Orientierung und Sehnsüchte beziehen. In "Die Liebhaberinnen" werden in schonungsloser Satire Lebensumstände und Bewusstsein zweier unterprivilegierter «Schicksalsträgerinnen» vorgeführt. "Totenauberg", ein Stück über die Philosophen Martin Heidegger und Hannah Arendt, in dem das «urdeutsche Wortgeklingel» Heideggerscher Dunkelheiten zur Kenntlichkeit entstellt wird. "Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr"' ist zugleich eine Absage an modische Naturmystik wie der Versuch einer Satire auf Erscheinungen des Kulturbetriebes. Mit der Erniedrigung der Frau beschäftigt sich der Roman "Lust". Am Beispiel trostloser Sexualität wird die ausbeutende Gewalt von Männern über Frauen geschildert. Ein von der Kritik zwiespältig aufgenommener Roman voller Sprachexperimente, der das große stilistische Können der Autorin dokumentiert.

Auszug aus Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek. Copyright © 1997. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Die wie immer adrette Lehrerin Erika verläßt ohne Bedauern für heute ihre musikalische Wirkungsstätte. Ihr unauffälliger Abgang wird begleitet von Horn- und Posaunenstößen sowie einem vereinzelten Geigentirili, die alle gemeinsam aus den Fenstern dringen. Zur Begleitung. Kaum beschwert Erika die Treppenstufen. Heute wartet die Mutter einmal nicht. Erika schlägt sofort zielstrebig einen Weg ein, den sie jetzt schon einige Male gegangen ist. Er führt nicht auf geradem Weg nach Hause, vielleicht lehnt ein prächtiger Wolf, ein böser Wolf, an einem ländlichen Telegrafenmast und stochert sich die Fleischreste seines letzten Opfers aus den Zähnen. Erika möchte einen Meilenstein setzen in ihr doch recht eingleisiges Leben und den Wolf mit Blicken einladen. Schon von fern wird sie ihn erblicken und ein Zerreißen von Stoff, ein Zerplatzen von Haut vernehmen. Es wird dann spät am Abend sein. Aus dem Nebel musikalischer Halbwahrheiten wird das Erlebnis herausragen. Strebsam setzt Erika die Füße.
Schluchten von Straßen tun sich auf und schließen sich wieder, weil Erika sich nicht entschließt, sie einzuschlagen. Sie blickt nur starr nach vorne, wenn ein Mann ihr zufällig mit dem Auge zublinkt. Er ist der Wolf nicht, und ihr Geschlecht flattert nicht auf, es verkorkt sich stählern. Wie eine große Taube ruckt Erika mit dem Kopf, so daß der Mann gleich weitergeht und sich nicht länger aufhält. Der Mann ist erschrocken über den Erdrutsch, den er losgetreten hat. Die Idee, diese Frau zu benützen oder zu beschützen, schlägt der Mann sich aus dem Kopf. Ihr Gesicht spitzt Erika arrogant; Nase, Mund, alles wird zu einem Richtungspfeil, der sich durch die Gegend pflügt und andeuten soll: es geht voran. Ein Rudel Jugendlicher macht eine abfällige Bemerkung über die Dame Erika. Sie wissen nicht, daß sie es mit einer Frau Professor zu tun haben, und erweisen keinen Respekt. Erikas karierter Faltenrock bedeckt genau die Knie, kein Millimeter drunter, keiner drüber. Dazu eine seidene Hemdbluse, die, was ihre Größe angeht, genau das Oberteil Erikas bedeckt. Die Notentasche wie immer unter dem Arm fixiert, ihr Reißverschluß streng zugezogen. Erika hat alles an sich geschlossen, was da Verschlüsse hat.
Nehmen wir ein Stück die Straßenbahn, sie transportiert in die Vorstädte hinaus. Hier gilt die Streckenkarte nicht, und Erika muß einen eigenen Fahrschein lösen. Sonst fährt sie hier nie. Das sind Gegenden, die man nicht aufsucht, wenn man nicht muß. Auch die Schüler kommen nur selten von hier. Keine Musik hält sich hier länger, als eine Platte in der Musicbox braucht.
Kleine Eckbeiseln spucken schon ihr Licht auf den Gehsteig hinaus. In den Lampeninseln streitende Gruppen, denn jemand hat eine unzutreffende Behauptung aufgestellt. Erika muß vieles erblicken, was sie so nicht kennt. Hier und dort werden Mopeds angelassen oder schicken ihre knatternden Nadelstiche unerwartet plötzlich in die Lüfte. Dann entfernen sie sich eilig, als würden sie erwartet. Im Pfarrheim, wo bunter Abend ist, und wo man die Mopedfahrer sofort wieder entfernen will, weil sie einen Frieden stören. Meist sitzen zwei Personen auf dem kraftlosen Rad, um den Platz auszunützen. Nicht jeder kann ein Moped besitzen. Kleinstwagen werden hier draußen noch bis zum letzten Platz ausgefüllt. Oft sitzt eine Uroma stolz in der Verwandtschaft mittendrinnen und wird auf den Friedhof spazierengeführt.
Erika steigt aus. Sie geht von jetzt an zu Fuß weiter. Sie schaut nicht links und nicht rechts. Angestellte verriegeln die Tore eines Supermarkts, davor die letzten sanft pulsierenden Motore von Hausfrauengesprächen. Ein Diskant setzt sich gegen einen Bariton durch, daß die Weintrauben recht verschimmelt waren. Die untersten im Plastikkorb hat es am meisten betroffen. Deswegen hat man sie heute auch nicht mehr gekauft, was man lautstark scheppernd vor den anderen ausbreitet, ein Haufen Abfall aus Klagen und Zorn. Eine Kassiererin ringt hinter den versperrten Glastüren mit ihrem Gerät. Sie kann den Fehler nicht und nicht finden. Ein Kind auf einem Tretroller und eines, das nebenher läuft, weinerlich posaunend, daß es jetzt auch, wie zugesagt, einmal fahren möchte. Das andere Kind ignoriert die Bitten des schlechtergestellten Kollegen. In anderen Vierteln sieht man diese Roller schon gar nicht mehr, überdenkt Erika. Sie hat auch einmal einen geschenkt bekommen und sich sehr darüber gefreut. Allerdings durfte sie damals nicht darauf fahren, weil die Straße Kinder tötet.
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