Die Gesamtheit der 27 Klavierkonzerte Wolfgang Amadeus Mozarts steckt voller unermesslicher Kostbarkeiten. In keiner anderen Gattung der Instrumentalmusik gelangte der Wiener Klassiker zu einem größeren Maß an kompositionstechnischer Meisterschaft. Zudem handelt es sich beim Klavierkonzert um ein Genre, in dem Mozart seine individuelle Tonsprache am ehesten fand.
Dementsprechend viele Gesamteinspielungen gibt es. Lange habe ich nach einer nahezu perfekten Darbietung gesucht. Für mich ist die Suche mit der vorliegenden Einspielung durch den Pianisten Géza Anda mit der Camerata Academica des Salzburger Mozarteums beendet. Die Aufnahme stammt aus den 60er Jahren, braucht sich aber - was die Tonqualität anbelangt - nicht hinter moderneren Aufnahmen zu verstecken. Mit Ausnahme der Konzertrondi und der Konzerte für zwei und drei Klaviere sind alle Konzerte dargeboten.
Und darunter sind eben auch die selten gehörten frühen fünf Konzerte, die sogenannten "Pasticci", enthalten. Diese Jugendwerke sind Adaptionen fremder Klaviersonaten und beweisen Mozarts Geschick zu orchestralem Arrangement.
Die ersten eigenständigen Konzerte entstanden einige Jahre später. Bereits hier ist Mozarts wundervoll harmonischer Stil unverkennbar. Eigentümlich ist ihm, dass er weniger darauf setzt, wenige Themen mannigfach auszuschmücken, sondern mehrere Themen zu entwickeln und diese zu einem unvergleichlichen Klangteppich zu verweben. So ist beispielsweise das neunte Konzert Es Dur KV 271 mit dem Beinamen "Jeunehomme" schon ein wahres Meisterwerk, das sich bis heute ungebrochener Popularität erfreut.
Anda und die Camerata, die er gleichzeitig noch dirigiert, ist es in keiner Weise daran gelegen, den jugendlichen Charme und Esprit dieser Perlen zu verleugnen. Das Musizieren im kleinen Ensemble mit einem modernen Konzertflügel erweist sich als gelungener Mittelweg zwischen einer romantisch überzogenen Herangehensweise und der authentischen, die sich an einigen Stellen als etwas zu bieder erweist wie zum Beispiel die Einspielung von Bilson mit den English Baroque Soloists unter Gardiner.
Die folgenden mittleren Konzerte, die nur schwer von den späteren, sogenannten "Meisterkonzerten" zu scheiden sind, zeichnen sich insbesondere durch die größere Annäherung zwischen Solist und Tutti aus. In der Regel liegt das größte Gewicht eines jeden Stückes auf dem Kopfsatz. Doch in den herrlichen langsamen Sätzen kommt Mozart seinem Bedürfnis nach, größeren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Finali verrauschen schnell.
Auch Géza Anda, der legendäre ungarische Pianist, gibt sich der Lyrik hin. Sein gewohnt warmer, sanfter Anschlag und sein singendes, phantasierendes Spiel erlauben es ihm, sich genügend Freiräume - vor allem innerhalb einiger selbst improvisierter Kadenzen - zu schaffen, um individuelle Akzente zu setzen. Dabei entfernt er sich jedoch nie allzu weit von der Partitur, sondern steht völlig in ihrem Dienste. Seine lebenslange Verbundenheit zu Mozart stellt diese Box eindrucksvoll zur Schau. Anda wusste, dass sich kein Pianist hinter den Noten von Mozarts Klavierkompositionen verstecken kann - auch wenn er das nicht nötig hatte -, dass sie jeden noch so kleinen Patzer offenbaren.
Die späten Konzerte zählen zum Besten, was uns die klassische Musik zu bieten hat. Sie stecken voller Kontrast und Spannung. In einigen Konzerten wird der Hörer regelrecht dadurch überrascht, als wie tiefsinnig und schlicht sich die langsamen Sätze zwischen zwei feurigen, teils voluminösen Ecksätzen offenbaren. Hier befinden sich auch die zwei einzigen Mozart Konzerte in einer Molltonart, die gleichzeitig zu den gelungensten und beliebtesten zählen. Es ist mit Worten kaum greifbar, welche Lyrik, welche Wärme und welche Farbenfülle der Wiener Klassiker hier produziert.
Die Orchesterleistung der Camerata ist famos, vom Geiste beseelt und stets leidenschaftlich. Ihre Darbietung ist stets ebenso farbenfroh, warm und lyrisch wie die Konzerte selbst. Besonders hervorgehoben werden sollten die vollkommene Transparenz und die Differenziertheit des Vortrags, die die fein gewobenen Melodiebögen der Partitur offenlegt. Hinzu kommen dezent gesetzte Akzente und fließende Nuancen. Von romantischer Verklärung keine Spur: Die Akteure zeigen uns Mozart, wie er wirklich ist. Dafür wählen sie teilweise recht flotte Tempi - etwas, wovor sich viele andere Interpreten zu Unrecht scheuen.
Fazit: In meinen Augen die beste, homogenste und am meisten mitreißende Einspielung dieser Repertoireklassiker - zum Vergleich empfehle ich Bilson/ Gardiner und Gulda/ Abbado.