Ich finde, der Film bietet eine gute Diskussionsgrundlage, das zeigen schon die recht unterschiedlichen Auffassungen unter den Rezensenten. Aber ich finde auch, dass er ohne begleitende bzw. nachfolgende Diskussion ziemlich in der Luft hängt. Mal ganz davon abgesehen, dass ich es gut und wichtig finde, dass sich ein Regisseur des Themas "Unterricht in einem Bezirk mit hohem Migrantenanteil" annimmt, ist mir die bloße "Bestandsaufnahme" zu wenig. Was diesen Punkt angeht, so erinnere ich mich außerdem an entsprechende Dokus im deutschen Fernsehen, die ich wesentlich authentischer und beeindruckender fand. Mein erster Eindruck hierzu war, dass diese "Klasse" vergleichsweise "lammfromm" daherkam. Wahrscheinlich ist es so, dass in Frankreich doch noch ein anderer Anspruch an Disziplin und Mitarbeit besteht, ich fand die Schüler (vor allem, wenn man ihr "schwieriges" Alter berücksichtigt) durchaus ansprechbar und überraschend kooperativ (dargestellt). Über eine derartige Ruhe wie in manchen gezeigten Szenen würde sich so mancher deutsche Lehrer mit Sicherheit freuen. Insgesamt zeigt mir dieser Film nicht deutlich genug, was eigentlich problematisiert werden soll. Das zeigt sich an so unterschiedlichen Sichtweisen wie "der engagierte Lehrer und die schlimmen, ungebildeten Schüler" oder "der unfähige Lehrer und die unverstandenen Schüler" oder, wenn man sich von diesem vordergründigen Eindruck löst, "irgendwas stimmt nicht an diesem Bildungssystem". (Zum letzten Punkt fehlen mir leider weitere Hintergrundinformationen, um dies detaillierter beurteilen zu können. In diesem Zusammenhang ist auch schade, dass nur der Unterricht eines einzelnen Lehrers gezeigt wurde, so dass mögliche Spielräume unklar bleiben.) Interessant ist, welche Sichtweise des Films hinten auf der DVD-Hülle vertreten wird; dort ist zu lesen: "Er (der Lehrer) trifft auf Schüler, die noch nie ein Buch gelesen haben und sauber gesprochenes Französisch nicht immer verstehen. Trotz aller Widrigkeiten versucht der engagierte Lehrer Francois, den Schülern nicht nur sprachliche Kompetenz, sondern auch Respekt und Toleranz zu vermitteln - auch mit unkonventionellen Methoden." Zum ersten Teil kann ich nur sagen: Willkommen in der Realität, da muss man sich dann als ausgebildeter Pädagoge wohl (allmählich mal) drauf einstellen. Und dass Francois ein engagierter Lehrer ist, will ich ihm gar nicht absprechen. Aber wie man seine Art des Umgangs mit den Schülern als Vermittlung von "Respekt und Toleranz" verstehen kann, ist mir schleierhaft und stimmt mich ein wenig bedenklich. Durchgehend nutzt Francois seine überlegene Position (was seinen Bildungsstand und seine Machtstellung betrifft), um die Ignoranz einzelner Schüler vorzuführen. Diese Bemerkungen klingen vordergründig locker und witzig, sind aber dadurch nicht weniger herabsetzend und respektlos. Die Schüler spüren das, können sich aber nicht direkt dagegen wehren, das ist das Infame daran. Ob dem Lehrer (Francois Begaudeau, der die Buchvorlage schrieb und auch selbst die Hauptrolle spielte) dieser Aspekt seines Verhaltens bewusst war, hat sich mir nicht erschlossen. Insgesamt gesehen bleibt mir die Message des Films angesichts dieses gesellschaftlich überaus wichtigen Themas zu sehr der Interpretation jedes Einzelnen überlassen.