Dieser sehr persönliche Erlebnisbericht von Alfred Andersch thematisiert in drei Teilen dessen Desertion aus der Hitlerarmee im Jahre 1944. Im ersten Teil, "Der unsichtbare Kurs", arbeitet Andersch mehrere Augenblicke seiner Jugend während der Weimarer Republik heraus, die er im Rückblick als Weichenstellungen ansieht. Teil zwei, "Die Fahnenflucht", beschreibt die näheren Umstände seiner Desertion und hebt dabei drei Themen besonders hervor: Die Kameraden, die Angst und den Eid auf Adolf Hitler, welchen er nahezu durchgängig als "die Kanalratte" bezeichnet. Teil drei, "Die Wildnis", schließt den Bericht mit einer Schilderung von Andersch's Empfindungen in dem kurzen Zeitraum zwischen seiner Desertion und seiner Gefangennahme durch die Alliierten ab, welche er als Zeit "zwischen den Gefängnissen" und als Verwirklichung seines Verständnisses von Freiheit beschreibt.
Man könnte den relativ kurzen Text - auf 95 Seiten bringt es diese handliche Ausgabe - rein vom Volumen her an einem einzigen Abend durchlesen. Dass ich es nicht fertig gebracht habe, ist auf den wirklich großartigen ersten Teil zurück zu führen, der mir bereits nach zehn Seiten mindestens drei jener außergewöhnlichen Lesemomente bescherte, in denen man mit Haut und Haaren mitgerissen wird. Andersch's Schilderung der Weimarer Zeit, seiner Erlebnisse als Nachwuchs-Kommunist und seines schwierien Verhältnisses zu seinem Vater empfand ich als ausgesprochen packend und eindringlich. Es ist dieser erste Teil, der in der Hauptsache meine Fünf-Sterne-Bewertung trägt. An seinem Ende habe ich meine Lektüre unterbrochen, um das Aufgenommene in Ruhe zu verarbeiten.
Der zweite und dritte Teil fielen etwas ab, ohne nebensächlich zu sein. In ihnen nimmt Andersch die äußeren Erlebnisse in den Hintergrund, um stattdessen seine inneren Erlebnisse dem Leser näher zu bringen. Wie tief überzeugt er von seinen daraus gezogenen Lehren ist, wird aus jeder Zeile deutlich. Leider erliegt er stellenweise der Versuchung, diese innere Überzeugung auch auf die äußere Welt zu übertragen. Das geschieht nicht oft, und er macht auch mehrfach deutlich, dass es ihm um die Schilderung seiner privaten Perspektive geht. Nichtsdestotrotz hat es das Buch für mich abgewertet, dass er zum Beispiel seine private Interpretation des Fahneneids nicht nur für seine unmittelbare Umgebung, sondern auch für alle Hitlersoldaten überhaupt für gültig erklärt und sich anmaßt, über die "Mehrheit der deutschen Soldaten" und kurz danach über "alle" zu urteilen (Zitat: "Aus diesem Grunde war die Mehrheit der deutschen Soldaten überhaupt nicht eidesfähig." bzw. "Aber ob Gläubige oder Ungläubige, sie waren alle Verwirrte."). Dabei richtet sich meine Kritik nicht gegen sein Urteil als solches, sondern dagegen, dass er es überhaupt fällt, obwohl er im ersten Teil noch jede Urteilsmöglichkeit über "die Massen" angezweifelt hatte (Zitat: "Indem ich sage: 'die Massen', sehe ich mich schon allein in ihnen, mein Geist überfliegt sie, meine Lippen krümmen sich zu einem Lächeln verächtlichen Erkennens."). Gerade weil ich diese Ansicht mit Überzeugung teile, hätte ich mir gewünscht, dass er sie in diesem relativ kurzen Werk durchgängig umsetzt. Ihre selektive Verwendung ist nicht notwendig und nimmt diesem wirklich lesenswerten Text unnötigerweise ein Stückchen Eindringlichkeit und Überzeugungskraft.
So stand ich nach der Lektüre vor der Frage, was ich denn nun von diesem Werk halten soll. Ich bin zu dem Urteil gekommen, dass ich ihn trotzdem zum Lesen empfehle. Ich glaube, man sollte es unbedingt im Kontext der Zeit verstehen, in der es geschrieben wurde. Wenn man sich klar macht, dass noch im Jahr 2009 ein deutscher Verbandschef Dietrich Bonhoeffer als "ganz gewöhnlichen Vaterlandsverräter" bezeichnete, bekommt man vielleicht eine Vorstellung davon, wie konfliktträchtig das von Andersch besprochene und selbst erlebte Thema im Jahr 1952 gewesen sein mag, als dieses Buch zum ersten Mal erschien. Es ist deshalb nicht nur ein eindringlicher Bericht, sondern auch ein zeitgenössisches Dokument. Ich halte es für unbedingt lesenswert.