Die Kirchen im Dritten Reich sind ein zentrales Thema jener Zeit. Die Nationalsozialisten empfanden die Kirchen, namentlich die katholische, als Störung oder Fremdkörper im totalen Staat. Nach dem gewonnen Krieg sollte das Christentum "liquidiert" werden. Die katholischen Milieus waren denn auch die wohl immunsten gegen die nationalsozialistische Versuchung. Die Protestanten dagegen waren mehrheitlich unkritisch und offen für nationalsozialistische Einflüsse, bis sich auch dort Widerstand oder zumindest nonkonformes Verhalten entwickeln oder verstärken sollte.
Im Spannungsfeld dieser grundsätzlichen Tendenzen bewegt sich das Buch von Christoph Strohm sicher und umsichtig. Die Überblicksdarstellung auf nur 128 Seiten verlangt Prägnanz und Konzentration, die Strohm auch gelingt, ohne das Gefühl von Lücken oder Defiziten aufkommen zu lassen. Alle wichtigen Namen, Begriffe und Ereignisse haben ihren Platz, die Grundlinien sind ausgezogen. Strohm erzählt dabei nicht karg, sondern spannend und anschaulich.
Das Buch ist sinnvoll strukturiert in einen chronologischen und einen thematischen Teil.
Ausgehend von der Rolle von Kirche und Religion in der Weimarer Republik, ohne die die spätere Entwicklung nicht verständlich wäre, legt Strohm zunächst chronlogisch Schwerpunkte auf die Jahre 1933 und 1934. 1933 überschreibt er mit "Hoffnung und Ernüchterung", denn schnell zeigte sich - teilweise brutal - der grundsätzlich kirchenfeindliche Kurs der neuen Machthaber, der anfangs im Sog allgemeiner Begeisterung nur zu bereitwillig übersehen worden war.
Die nationalsozialistischen "Deutschen Christen" drängten in die evangelischen Kirche und wollten sie gleichschalten, sie gewannen auch die erste Kirchenwahl. Da sie ihren Anspruch im Laufe des Jahres überzogen, zum Beispiel in ihrer Verunglimpfung des Alte Testaments als "Viehhändler- und Zuhältergeschichten", regte sich schnell Protest.
Im Reichskonkordat versuchte die katholische Kirche unterdessen leidlich erfolgreich ihre Eigenständigkeit zu sichern. Sie hatte ja das Problem, vor 1933 den Nationalsozialismus verurteilt zu haben und seine Anhänger exkommuniziert (ausgeschlossen). In strittigen Fragen, wie hier zum Hintergrund des Reichskonkordats, urteilt Strohm sachlich, mit Abstand und abgeklärt. Man spürt auch sonst, dass die jetzige Historikergeneration es nicht mehr nötig hat, hitzige weltanschauliche Moral-Debatten zu führen oder mit den Erkenntnissen von Heute über geschichtliche Akteure zu Gericht zu sitzen. Die Spekulation "Was wäre gewesen, wenn ..." hatte lange Konjunktur, ist für die Geschichtsschreibung aber obsolet geworden.
"Was klug oder unklug ist, wissen wir in dieser Lage alle nicht", schrieb etwa der Oppositionelle Dietrich Bohnhoeffer 1938 (Zitat S. 79). Genau das ist der Unterschied zur Situation für uns als Zurückblickende. Wir betrachten die Vergangenheit aus der Distanz und mit dem Wissen, was sich wie entwickelt hat. Dies reflektiert Strohm durchgehend.
1934 ist geprägt von "Gleichschaltung und Widerstand". Die evangelische Kirche steht hier um Fokus. Hitler wurde allmählich ungeduldig, er zielte auf einen schnellen Erfolg der Gleichschaltung. Letztlich ist es bezeichnend für den Eigensinn der kirchlichen Milieus wie für die völlige Unkenntnis kirchlicher Verhältnisse aufseiten Hitlers, dass ihm die Eroberung oder gar Eliminierung der Kirchen nie zufriedenstellend gelungen ist. Er musste das auf die Zeit nach dem "Endsieg" vertagen (siehe unten).
Die Jahre 1935 bis 1939 fasst Strohm in ein Kapitel: "Ausgrenzung und Repression". Der Konflikt verfestigt sich, die Übergriffe des Staates nehmen zu. Strohm ist ein guter Erzähler, der durch konkrete, einzelne Geschichten das Ganze deutlich werden lässt. Vielleicht wäre der mentalitätsgeschichtliche Hinweis auf die Euphorie nach Olympia und nach dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes noch erhellend gewesen. Diese Euphorie machte es unendlich schwer, zu opponieren oder nur einen klaren Blick zu behalten auf die Schattenseiten des Regimes, wie das zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer gelang. Oder auch, gut dass Strohm sie erwähnt, der lange vergessenen Lehrerin Elisabeth Schmitz (vgl.
Mir aber zerriss es das Herz: Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz). Aber in dieser Zeit standen solche Stimmen ziemlich allein.
Der chronologische Teil schließt mit den Jahren von "Krieg und Verfolgung", 1939 bis 1945. Die Kirchenfeindschaft wird immer sichtbarer und drückender, auch wenn um des Krieges willen eine offizielle Schonung der Kirchen angeordnet wird (Eindruck im Ausland, Bedarf an motivierten, kirchlich geprägten Soldaten). Zwar war die Kirchenpolitik der NSDAP gescheitert, aber in den eroberten Gebieten wie dem Reichsgau Wartheland wird der totale Staat exemplarisch und als Zukunftsvision für die Zeit nach dem Endsieg verwirklicht. Und das heißt, keine christlichen Einflüsse auf die Gesellschaft mehr und völlige Liquidierung der Kirchen. Gerade in diesem Kapitel zitiert Strohm eindrückliche Originaltexte. Die durchgehend quellenorientierte Darstellung ist im Übrigen grundsätzlich zu loben.
Sofort nach Beginn des Krieges ordnete Hitler eine für das christliche Selbstverständnis unerhörter Maßnahme an: der staatlich verordnete Mord an unheilbar Kranken. Hier war der kirchliche Protest - das sieht Strohm m.E richtig - ausnahmsweise erfolgreich, denn die systematische Tötung Behinderter wurde nach dem Einspruch der Kirchen alsbald eingestellt.
Zwei thematische Querschnittskapitel "Judenverfolgung und Shoa" und "Kirche und Widerstand" beschließen das Buch.
Beim ersten Thema ist das Versagen der Kirchen noch immer schwer verständlich, vor allem, weil es durchaus einzelne mutige Worte gegeben hat. In seiner Beurteilung von Papst Pius XII. wählt Strohm einen Mittelweg, der einerseits den Widerspruch in dessen Handeln herausstreicht, andererseits aber auch hier mit der Sachlichkeit eines Historikers die Dinge bewertet, und versucht, das Handeln von Pius XII. aus seiner Prägung heraus zu verstehen, etwa aus seiner notorischen Angst vor dem Kommunismus stalinistischer Prägung. Die hitzige Kritik von Rolf Hochhuths - fiktivem! - Theaterstück
Der Stellvertreter: Ein christliches Trauerspiel ist längst durch eine Versachlichung abgelöst worden, die akribisch die besser gewordene Quellenlage auswertet und die geschichtlichen Möglichkeiten der Zeit weit reflektierter beurteilen kann.
Interessant hätte ich noch gefunden, die Judenpolitik anderer Nichtregierungsorganisationen vergleichend hinzuzuziehen, etwa das Pius XII. auffällig ähnelnde Vorgehen des Internationalen Roten Kreuzes, Genf. Solche vergleichende Forschung hat in den letzten Jahren interessante Ergebnisse gebracht. Aber der mögliche Umfang des Buchs ist ja begrenzt.
Im letzten Kapitel bietet Strohm zunächst eine Systematik von Formen der Auflehnung. Er wendet sich direkt gegen das Diktum von Günter Grass, beide Kirchen hätten sich nahezu widerstandslos dem Dritten Reich angepasst. Davon kann definitiv nicht die Rede sein, wie Strohm plausibel darlegt.
Dazu differenziert er in sechs Stufen die Auflehnung: von der Bewahrung indoktrinationsfreier Räume bis zum aktiven Widerstand. Dieses Konzept ist zur Beurteilung nonkonformen Verhaltens sehr nützlich und verhindert falsche Pauschalurteile wie die eines Günter Grass. Ferner erläutert Strohm seine Kritik an Grass mit Beispielen, bei denen explizit der christliche Glaube Antriebskraft des Widerstands war. Schade finde ich immer, dass hier die Weiße Rose übersehen wird, deren Mitglieder dezidiert als Christen handelten. Sie wäre genauso einen Satz wert gewesen wie die bemerkenswerte Württembergische Pfarrhauskette, die inzwischen einigermaßen erforscht ist (vgl.
Juden, Christen, Deutsche, 1933 - 1945. Bd. 4/I: 1941 - 1945.Vernichtet, S. 182ff). Diese Untergrundaktion hatte Juden in Pfarrhäusern versteckt.
Gerade Letztere wäre deshalb interessant gewesen, weil hier Christen verschiedenster Prägung zusammengearbeitet haben. Wissenschaftsgeschichtlich berührt das die im Epilog behandelte Frage, wer denn nun vor allem Träger der kirchlichen Opposition gewesen sei. Während nach dem Krieg die von Karl Barth dominierte "Bekenntniskirche" im Vordergrund stand, fast ausschließlich sogar, ist heute der Blick erweitert auf volkskirchliche Auflehnung oder den Beitrag liberaler kirchlicher Kreise. Strohm schlägt einleuchtend vor, hier komplementär zu denken. Beide Milieus hätten sich wechselseitig befruchtet. Auch sonst ist der Epilog mit seinen Analysen ein trefflicher Abschluss des Buches, zum Beispiel mit der Frage, warum der Protestantismus so anfällig war für den Führerkult und wie das mit der Einsicht in eigene Schuld nach dem Krieg gewesen ist.
Das Buch besitzt einen Anhang mit ausführlicher Zeittafel, gut sortiertem Literaturverzeichnis und einem Personenregister. Ein Sachregister fehlt leider, ebenso ein Glossar. Dafür erschließen zwei Karten die katholische und evangelische Kirchenstruktur der Zeit.
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