Woran erkennt man ein gutes Buch? Unter anderem daran, dass man nach 200 Seiten noch Lust hat, die nächsten 100 zu lesen. So ein Buch ist Barbara Demicks "Nothing to Envy" über Nordkorea (der deutsche Titel geht etwas am Inhalt vorbei).
Wie kann man das Leben von Menschen beschreiben, die in einem völlig abgeschlossenen Land leben, die nicht frei ausdrücken dürfen, was sie denken, die in vielen Fällen auch nur denken, was sie denken sollen? Die Autorin interviewt "defectors", Nordkoreaner, die "abgehauen" sind, sei es nach China oder nach Südkorea. Natürlich fragt man sich, inwieweit diese spezielle Gruppe nun ein objektives Bild über ihre Heimat abgibt, aber der Ansatz ist legitim (Demick vergleicht die Interviews und versucht die Inhalte durch andere Informationsquellen zu verifizieren, außerdem hat sie selbst mehrere Male das Land besucht, wenn auch mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit). Und letztlich gibt es keine Alternative: Kein Ausländer kann eben nach Pjöngjang fahren und mit seinem Gegenüber bei einem Kaffee ein offenens Gespräch führen.
Die Autorin erzählt die Geschichte von Männern und Frauen aus Nordkorea: von ihrem täglichen Leben, ihrem Liebesglück und ihren Liebesproblemen, schließlich von ihrer Kritik an den elenden Bedingungen ihres Lebens (vielmehr als an der Politik von Partei und ihrem Führer)und ihrer Flucht aus diesem Paradies der Werktätigen. Das Interessanteste ist die innere Dialektik von Widerstand und Transformation der Gesellschaft. Die Gesellschaft wird nicht durch Kritik an den politischen Verhältnissen verändert: Demonstrationen, kritische Presse etc. - all das ist verboten und existiert praktisch nicht, sondern am dauernden Unvermögen der Kommunisten, das Grundlegendste sicherzustellen, was der Mensch braucht: Essen. Um das Essen dreht sich das ganze Buch, fast obsessiv, weil sich das Leben (fast) aller Nordkoreaner darum dreht. Es ist manchmal nervig für den Leser, immer wieder dieses Thema "aufgetischt" zu bekommen: Das Wichtigste für die meisten Nordkoreaner am Morgen ist es, bis zum Abend irgendetwas zu essen aufzutreiben (Mittagessen fällt aus). Und so geht es über lange Seiten: Gras und Maishülsen machen die Suppe aus, mit gemahlener Baumrinde wird sie gestreckt.
Hier setzt aber eben auch praktische Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung an: Da der Staat nicht einmal das Minimum einer Lebensgrundlage sicherstellen kann, werden die Menschen gezwungen, ihr Leben, nein vorerst allein: ihre Ernährungssicherung in die eigene Hand zu nehmen. Es entstehen kleine, dann größere Märkte, meist illegale, aber auch die kontrollierenden Staatsorgane haben Hunger und lassen sich mit Reis und Nudeln "überzeugen"...Grenzüberschreitender Handel vor allem mit China wird immer wichtiger (zu deutsch: Schmuggel), nun tauchen auch Kleider, DVDs und Mobiltelefone auf dem Markt auf. Die vom Staat aufgestellten Regeln und Vorschriften werden teilweise de facto ausgehebelt. Das Verbot, ohne Erlaubnis im Lande zu reisen, wurde bisher eingehalten, weil man nur in seiner Heimatstadt vom Staat Lebensmittel bekam. Aber wenn es nun diese nicht mehr gibt, warum sollte man dann sich seine Bewegungsfreiheit nehmen lassen?
Und umgekehrt sieht die nordkoreanische Bevölkerung in einem offiziellen Film die ausgebeutete südkoreanische Arbeiterklasse, wie sie streikt, um ihre Rechte durchzusetzen. Nur: der Arbeiter aus dem Süden trägt selbst an der Streikfront eine schicke Jacke, für die man im Norden viel geben würde. Ausbeutung auf der einen und Glück im Sozialismus auf der anderen Seite scheinen doch sehr relativ zu sein...
Schon der alte Karl Marx hat geschrieben, dass jede historische Gesellschaftsordnung ihre eigenes Grab schaufelt. Er bezog das allerdings auf den Kapitalismus, der heute immer noch quicklebendig ist. Und es ist die sozialistische Gesellschaftsordnung, die schon nach weniger als einem Jahrhundert zu grunde geht. (Irgendwie muss Marx da etwas durcheinander gebracht haben.) Aber die nordkoreanische Variante der kommunistisch-feudalen Gesellschaft ist besonders zählebig. Und die bisherige Brise der oben beschriebenen Dialektik der Befreiung ist noch kein "wind of change".