Dieses Buch kenne ich seit 1979 und habe es damals in einem Rutsch verschlungen. Die Abenteuergeschichte um die Sager-Kinder hat einen wahren Kern: Sie verloren ihre Eltern auf tragische Weise auf dem Treck nach Oregon und kamen nach einem mehrmonatigen Höllentrip quer durch die Rockies 1845 in der Siedlung des Pioniers und Arztes Marcus Whitman an, der sie adoptierte.
Der Rest der "Kinderkarawane" ist nicht wahr, aber gut erfunden: Dass sie sich allein auf den beschwerlichen Weg nach Oregon machen. Dass sie nur knapp einem Präriebrand entgehen. Dass sie fast von einer Büffelherde zerstampft werden. Dass sie, um zu überleben, eine winzige Menge Milch von der mitgebrachten Kuh mit dem Blut eines selbst geschossenen Bären vermischen, damit das Baby satt wird. (Es ist eine Art Fleischbrühe, sagt sich John, der Älteste und Anführer). Dass John seine erschöpften Geschwister wieder und wieder antreibt weiterzumarschieren. Dass er zum Schluss Whitman in die Arme sinkt und sagt: "Ich habe meine Geschwister hierher geführt, ich habe sie beschimpft, ich habe sie geschlagen. Ich möchte wieder mit ihnen...spielen." All das ist eine Geschichte, die einem an die Nieren und ans Herz geht.
Sicherlich wurden verschiedene Vorfälle auf der Wanderung der Sager-Kinder aus Siedlertagebüchern entnommen. Man muss sich klar machen, dass auch die Trecks durch eine völlig unerschlossene Landschaft zogen und es weder Karten gab, noch dass die Siedler halbwegs auf das vorbereitet waren, was sie erwartete. Wunden und Krankheiten wurden mit Gewehröl oder mit Whisky behandelt, Indianer wurden mal mit Schüssen abgewehrt, ein andermal mit Schnaps, Pferden oder anderen Materialien besänftigt, was die Siedler jedesmal eine Menge kostete. Ein Treck war verwundbar, schwerfällig und ungefähr 30 - 40 % der Mitreisenden kamen nicht lebend am Zielort an.
Die Sager-Kinder zogen tatsächlich nach Oregon, aber nach dem Tod der Eltern weiterhin gemeinsam mit ihrem Treck. Der Treckarzt, Dr. Dagon, der Treckführer Shaw und mehrere Frauen nahmen sich ihrer an - übrigens kam das Baby, das in Wirklichkeit Rosanna hieß, nur mit Hilfe der Milch dieser selbst sehr kinderreichen Frauen lebend nach Oregon.
Unterwegs musste der Sager'sche Planwagen, nachdem einer der Zugochsen gestorben war, von vier auf zwei Räder umgebaut werden und sie mussten, nachdem sie schon die Eltern verloren hatten, auch noch fast alle ihre Besitztümer in der Wildnis zurücklassen. Bei den Whitmans wurden ihre noch vorhandenen bzw. benutzbaren Habseligkeiten aufgelistet: 1 Zugochse, 1 Kuh, 1 Joch, 1 Deichsel, 2 Räder, 1 Drehplatte, im Gesamtwert von 168 Dollar. Ansonsten nur das, was sie auf dem Leib trugen bzw. das, was davon übrig war.
Nach etwa drei Jahren in der Siedlung kamen die Sager-Jungs wie auch ihr Adoptivvater Marcus Whitman bei einem Indianer-Massaker ums Leben. Jemand hatte den Indianern erzählt, Whitman, der sie während einer Masern-Epidemie ohne Erfolg zu behandeln versuchte, würde sie absichtlich mit Masern infizieren.
Aufgezeichnet wurde die Geschichte der Familie von Catherine, einer der mittleren Schwestern, um 1865.
An Rutgers ist eine großartige Erzählerin, die Geschichte kommt glaubhaft und sehr anrührend rüber und man legt das Buch nicht aus der Hand, bevor man es ausgelesen hat.