In seinen bisherigen Kriminalromanen um den Athener Kommissar Kostas Charitos hat sich dessen Schöpfer, Petros Markaris, einer der bedeutendsten Autoren des gegenwärtigen Griechenlands, schon des Öfteren mit aktuellen und auch historischen politischen Fragen befasst. Diese Bücher haben Petros Markaris nicht nur einen Kultstatus unter einer gewissen Schicht der Krimileser verschafft, sondern auch das Bild Griechenlands bei ihnen geprägt. Ähnlich wie manche italienischen Autoren wie Camilleri ("Petros Markaris gefällt mit außerordentlich") und auch zuletzt immer stärker Gianrico Carofiglio, kritisiert Markaris mit viel Witz und hintergründigem Humor die Verhältnisse. Seine Analyse ist zuweilen scharf und beißend, und dennoch scheint er die griechischen Verhältnisse auch zu lieben und wirbt zwischendurch immer wieder um Verständnis beim Leser.
In seinem neuen Roman geht es nicht nur wie immer um Charitos' Verhältnis zu seiner Tochter und seiner starken und selbstbewussten Frau Adriani, sondern hauptsächlich um die bewegte Geschichte und das gespannte Verhältnis zwischen Griechen und Türken.
Nachdem Charitos' Tochter Katarina nur standesamtlich geheiratet hat und damit nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Eltern ihres Mannes brüskiert hat, sucht Kostas zusammen mit Adriani mit einer Städtereise nach Istanbul Abstand zu gewinnen von diesem familiären Stress. Ein echter Genuss ist die Reise nicht, denn die anderen Mitglieder der Reisegruppe sind fast ausnahmslos schwierige Personen, in ihrer Art kaum zu ertragen, doch in der Schilderung durch Markaris ein geradezu köstlicher Lesegenuss.
Nach kurzer Zeit schon wird Kostas von einem Reisenden aus einer anderen Gruppe angesprochen und um Hilfe gebeten. Vassiliadis, so heißt der Mann, ist auf der Suche nach seiner früheren, mittlerweile 90 Jahre alten Kinderfrau namens Maria Chambou, eine Frau, die am Schwarzen Meer geboren wurde, also eine Pontusgriechin ist, die viele Jahre in Istanbul gelebt hat, wo sie wieder hin wollte, dort aber wahrscheinlich nie angekommen st.
Als sich kurze Zeit später herausstellt, dass Maria Chambou vor ihrer Abreise nach Istanbul ihren Bruder, mit dem sie zusammenlebte, mittels einer mit E 605 vergifteten Käsepitta, die sie herstellen konnte, wie keine zweite, vergiftet hat, bekommt Charitos von seinem Chef Gikas den Auftrag von griechischer Seite her zu ermitteln.
Als in Istanbul kurze Zeit später eine Angehörige der aussterbenden griechischen Minderheit auch mit einer durch E 605 angereicherten Käsepitta vergiftet aufgefunden wird, zeigt sich auch die türkische Polizei interessiert. Die Zusammenarbeit mit seinem türkischen Kollegen Murat Saglam gestaltet sich zunächst normal, was bedeutet, dass sie tiefstes, historisch begründetes Misstrauen gegeneinander hegen.
Doch zwei Dinge, die Markaris sensibel und eindrucksvoll beschreibt, verändern ihr Verhältnis ins Positive. Zum einen ermittelt Kostas wie gewohnt auch auf eigene Faust und Murat zeigt sich beeindruckt . Zum anderen entwickelt Murat durch die Reflexion seiner eigenen Geschichte als fremder Gastarbeiter in Deutschland ein Gespür und ein Verständnis für das Schicksal der griechischen Minderheit in der Türkei, die Kostas beeindrucken und die beide schließlich fast so etwas wie Freunde werden lässt.
Die Handlung des Buches ist spannend, auch wenn die Mörderin von Anfang an feststeht. Markaris greift mit diesem Roman die geschichtlichen und die aktuellen Konflikte zwischen Griechen und Türken auf, benennt die Tatsachen historischen Unrechtes, bedient aber keine Vorurteile, sondern versucht sie abzubauen. Niemals überdecken die historischen Informationen aber die Handlung des Romans, sodass man ihn zügig mit großem Genuss lesen kann, und am Ende dennoch etwa gelernt hat nicht nur über die Geschichte des Verhältnisses zwischen Griechen und Türken, sondern über die Situation von Minderheiten in verschiedenen Ländern überhaupt.
Das Buch ist, wie auch die anderen der Charitos -Reihe, nur zu empfehlen. Man greife auch zu seinem letzten Essayband "Wiederholungstäter" der leider wenig bekannt ist.