Ein irgendwie geläuterter Achtundsechziger ist Außenminister geworden - und muss sich für seine Vergangenheit rechtfertigen; ein anderer sitzt als Grüner im Europa-Parlament. Wieder andere gehören auf andere Weise zum bundesdeutschen Establishment. Die Revolution, die eigentlich keine war, hat längst ihre Kinder entlassen, auch wenn immer mal wieder eine Debatte über die Zeit und ihre Folgen geführt wird - mit einem leicht nostalgischen Touch.
Erasmus Schöfer, Jahrgang 1931, widmet den Achtundsechzigern und ihren Folgen eine ganze Roman-Tetralogie: "Die Kinder des Sisyfos", deren erster Teil der vorliegende Titel "Ein Frühling irrer Hoffnung" ist. Schöfer hat diese Zeit als freier Schriftsteller in Köln, Freiburg, München, Paris und auf Ithaka miterlebt. Er war Fabrikarbeiter in Berlin und Köln, promovierte in Bonn, war Gründer des "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt", Mitarbeiter im Bundesvorstand des Deutschen Schriftstellerverbandes und Mitglied im Deutschen P.E.N.-Zentrum. Seit weit über dreißig Jahren lebt er vorwiegend in Köln. Man muss diese Biografie kennen, will man die eindringliche Authentizität, die stupende Kenntnis aus persönlicher Erfahrung heraus über Zeit und Geschehen, die diesen Roman kennzeichnen, recht würdigen.
Wir schreiben das Jahr 1968. Viktor und Lena Bliss - er Münchner Universitätsdozent, sie Gewandmeisterin an den Kammerspielen - geraten anfangs eher unfreiwillig in den Strudel der Geschehnisse. Demos gegen den Vietnamkrieg, das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke, Notstandsgesetze, Frauenemanzipation, sexuelle Befreiung, Kampf gegen Autoritäten: es ist wie ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen. Und schnell schieden sich die Geister.
Schöfer schildert den "Bewusstseinsprozess" der jungen Generation, ihr Aufbegehren gegen die bisherige Ordnung, die Verurteilung des Vietnamkriegs und den daraus resultierenden Antiamerikanismus. Er beschreibt SitIns und GoIns, die Besetzung der Springer-Druckerei, um die Auslieferung des "Erzfeinds" Bild-Zeitung zu verhindern. In den Münchner Kammerspielen solidarisieren sich Künstler wie Therese Giehse, Bruno Ganz, Hans Clarin, Peter Stein, Edith Clever mit den Studenten und rufen zum Streik auf. Dem Autor gelingt es, auch durch seine eigenwillige Diktion, diese Atmosphäre der Zeit einzufangen und dem Leser zu vermitteln.
Es war "ein Frühling irrer Hoffnung", es war aber auch ein trügerischer Frühling. Längst reiften nicht alle Blütenträume. Es gab Verwerfungen, es gab ideologische Unterschiede und sehr pragmatische Differenzen. Noch war man sich einig in einem begeisterten Aktionismus. Man verstand sich als die revolutionäre Generation. Man war sich einig in einer klassen-übergreifenden Form der Solidarität. Doch bald wurden auch die Risse deutlich, die bis hinein in die persönlichen Verhältnisse reichten.
Mittendrin Viktor und Lena. Auch sie machen einen Bewusstseinsprozess durch. Der Aufbruch aus der bürgerlichen Genügsamkeit in die antibürgerlichen Kampf bleibt nicht ohne Verletzungen persönlicher Art, ohne Gefahren für Leib und Leben, nicht ohne Selbstzweifel und seelische Beschädigungen. Aus der Sicht der handelnden Personen, dieser Kinder des Sisyfos, in ihrer Zeit erzählt Erasmus Schöfer die Geschichte der Achtundsechziger, der APO, der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, sehr differenziert, facettenreich und in jeder Hinsicht spannend.