Die siebziger Jahre sind in Schöfers "Zeitroman" gut aufgehoben. Das Buch ist ein Archiv der Kämpfe und Zitterpartien dieser Jahre. Geschrieben von einem Archivar, der offenbar abgetaucht ist in die Zettelkästen, Flugblattsammlungen und Gesprächsprotokolle dieser Zeit. Der all das verwertet, was die Apo-Opas und Omas auf den Dachboden verbannt haben.
Das Buch ist (dennoch!) lesbar, weil es Geschichten erzählt.
Da ist Armin Kolenda, die Hauptfigur des Romans, mit linker Normkarriere: Sozialarbeiter in einem katholischen Jugendzentrum, gefeuert, weil er angeblich Straftaten der Klienten gedeckt hat. Schließlich bestraft, weil zwei Drogentürken sich auf seine Kosten freikaufen.
Er gerät ans Schreiben für ein linkes Blatt. Damit hat der Roman genug Möglichkeiten, Tagesereignisse zu schildern. Im Buch ist es die Glashütte Süßmuth, Hessen 1971. Der Schreibende, Mitleidende und Mithoffende berichtet, wie es war, was gelang, was schiefging. Schöfer macht das unsentimental, dokumentarisch. Wohlwollend und abgeklärt. Die minutiöse Wiedergabe einer Betriebsversammlung aber ist nicht jedermanns Sache, fürchte ich. Das hören sich - auch im Buch - nur Beteiligte und Begeisterte gern an. Schöfer ist jedoch mit Kolenda eine Figur gelungen, der man zuhören mag, mit der man leidet und sich freut. Da ist vor allem die schlichte und fast schon tragische Liebesgeschichte, die durchs Buch trägt: Von der Glashütte nach Wyhl, wo es gilt, Straßentheater gegen Atomkraft zu machen. Kolenda, getrennt lebender Vater zweier Buben, verliebt sich in Rosalie, engelhafte Bauerntochter. Es ist eine Liebe, wie sie im Buche steht. Woran sie scheitert, sei hier nicht verraten. Der Journalist unterstützt nicht nur basisdemokratische Zellen, er fördert auch den Werrkreis "Literatur der Arbeitswelt" - Sie erinnern sich?
Ein Buchmessemitschnitt wird geboten, mit allem Drum & Dran, auch nach Messeschluss dürfen wir dabei sein und Eitelkeiten goutieren. Oder weiterblättern.
Vieles wirkt an diesem Buch montiert. Nervig und den Lesfluss immer wieder hemmend sind die furchtbar originellen Schreibweisen, an denen dem Autor etwas liegen muss. Was nur? Ist es nur "fysische Emfase"? "Kannstu nachlesen."
Vielleicht haben Sie Spaß daran, Berühmtheiten noch einmal vorgeführt zu bekommen? Oder gar ein Livemitschnitt eines "Intervjus" mit Schöfer selbst? <
Schöfer macht weiter. Zwielicht ist erst der zweite von vier geplanten Zeitromanen. Ob aus dem Autor ein westdeutscher Balzac wird?
Sie wissen also jetzt, worauf Sie sich einlassen. Wenn Sie Ihre (wahrscheinlich ziemlich verdrängte) linke Vergangenheit interessiert, werden Sie diesem Buch viel abgewinnen. Den Schülern wage ich es nicht zu empfehlen, es sei denn, sie fragen nach dem Leben ihrer Großväter und -mütter.