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Die Kinder der Schande
 
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Die Kinder der Schande [Gebundene Ausgabe]

Jean-Paul Picaper , Ludwig Norz
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Sechzig Jahre nach Kriegsende gehören sie selbst bereits zur Großelterngeneration: die Kinder der deutschen Besatzer überall in Europa. Unmittelbar nachdem Ebba Drolshagen ihren bewegenden Band über Die Wehrmachtskinder vor allem in Nord- und Osteuropa vorgelegt hat, lassen Jean-Paul Picaper und Ludwig Norz einen nicht minder traurigen Bericht über das Schicksal der französischen Kinder der Schande folgen. Kinder also, deren Vater ein deutscher Besatzer und deren Mutter eine Französin war -- sich also mit einem Kriegsfeind eingelassen hatte. Vielen in dieser "Schande" Geborenen "schlägt immer noch das Herz bis zum Hals, wenn sie über ihr Geburtsjahr oder die Identität ihres Vaters Auskunft geben sollen".

Die Idee zu diesem Buch kam Picaper, als er auf einen von ihm verfassten Zeitungsartikel hin, der von dem Schicksal eines Deutschen handelt, der viele Jahre nach dem Krieg die Identität seines amerikanischen Vaters gelüftet hatte, Post von einem Mann erhielt, dessen Mutter Französin und dessen Vater Deutscher gewesen war. Picaper solle doch auch einmal über das Schicksal der vielen tausend Menschen berichten, die aus einer solchen Verbindung hervorgegangen seien. Dem Autor wurde schnell bewusst, dass für dieses Thema ein Zeitungsartikel kaum hinreichen würde. Und in der Tat: Die soziale Ächtung, die nicht nur die als "Deutschen-Huren" gebrandmarkten Mütter dieser Kinder, sondern eben auch die Kinder selbst erfuhren, verdient nicht nur aus zeithistorischen Gründen Aufmerksamkeit. Die Lebensberichte dieser "Bastarde" geben äußerst ernüchternd Auskunft auch über die Natur des Menschen, das heißt konkret darüber, mit welcher (seelischen) Grausamkeit und mit welcher Lust Opfer Rache nehmen an Unschuldigen -- in diesem Fall an Kindern. Denn an was ist der Mensch unschuldiger als an seiner Herkunft? Ein wichtiges Buch, das die Sinne schärft! --Hasso Greb

Kurzbeschreibung

Ren e Lannegrand war 17 Jahre alt, als sie sich in den deutschen Soldaten Heinz Rosentretter verliebte. 1941 kam Tochter Myl ne auf die Welt. Nach dem Ende der deutschen Besatzung wurde sie von ihren Nachbarn kahlgeschoren und als Deutschen-Hure durch den Ort getrieben. Ihre Tochter war fortan der Deutschen-Bastard . Erstmals haben Jean-Paul Picaper und Ludwig Norz die Schicksale der 200.000 Kinder erforscht, die während der deutschen Besatzung in Frankreich geboren wurden und als Kinder der Schande aufwuchsen, oftmals gedemütigt, ausgeschlossen und stigmatisiert. Viele von ihnen wollen bis heute unerkannt bleiben. Zur Demütigung kam mit dem Älterwerden noch der dringende Wunsch, den Vater kennenzulernen - meist vergeblich. Myl ne Lannegrand allerdings hatte Glück: Sie fand zwar nicht mehr ihren Vater, aber ihre Halbgeschwister in Köln und damit eine neue Familie.

Über den Autor

Jean-Paul Picaper, geboren 1938 in Pau, ist langjähriger Deutschland-Korrespondent von »Le Figaro«, Träger des französischen Verdienstordens und des Bundesverdienstkreuzes.

Ludwig Norz, geboren 1959 in Bukarest, ist Gründer der Deutsch-französisch-rumänischen Kunst- und Kultur-Vereinigung Fantom, die internationale Konferenzen und Ausstellungen organisiert.

Auszug aus Die Kinder der Schande von Jean-Paul Picaper, Ludwig Norz. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vorrede

Im Jahre 1997 hatte ich im Figaro einen Artikel über die Fährnisse von Franz Anthöfer, eines Deutschen aus Köln, veröffentlicht. Dieser hatte erst im Erwachsenenalter von seiner Mutter erfahren, daß er der Sohn eines Beamten der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland sei und daß sein Vater in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Anthöfer hatte mir vor allem erzählt, wie er es angestellt hatte, seinen Vater, einen Anwalt in West Virginia, aufzufinden. Der Vater war allerdings kurz vor Anthöfers Ankunft in den USA verschieden.
Nach dem Erscheinen meiner Reportage schrieb mir Norbert Leroy, ein hoher französischer Beamter, er sei der Sohn eines Deutschen, der im Zweiten Weltkrieg in Frankreich als Besatzer stationiert gewesen sei. Er hatte in einem Flugzeug auf dem Weg nach Asien zufällig meinen Artikel gelesen. Nun bat er mich, seinem Fall und dem Tausender anderer Franzosen, die wie er nach dem Krieg unter ihrer missliebigen Abstammung gelitten hätten, einige Zeilen zu widmen. Die meisten hätten ihren Vater in Deutschland gesucht oder wären immer noch auf der Suche nach ihm. Ich antwortete Monsieur Leroy, daß ein paar Zeitungsspalten zur Behandlung eines solchen Themas bei weitem nicht ausreichten. Statt dessen sei es nötig, eine gründliche Untersuchung anzustellen und dem Thema ein ganzes Buch zu widmen. Dieser Briefwechsel wurde nun zum ersten Anstoß für dieses Projekt. Durch ihn wurde ich ermutigt, mich an diese Aufgabe zu wagen.
Schon meine ersten Nachforschungen konnten mich davon überzeugen, daß es sich hier um eines der größten Nachkriegsprobleme handelte, dem man aber lieber aus dem Weg ging, da es weder in den offiziellen Geschichtsrahmen noch zu den heroischen Mythen paßte, die sich die Völker erfinden, um Unheil in der Vergangenheit besser verdrängen zu können. Ich konnte dies an den Ablehnungen erkennen, die ich von etlichen Verlegern erfuhr, als ich nach ihrer Bereitschaft fragte, eine gründliche Untersuchung über diese Kriegskinder zu veröffentlichen. Während mein Buch Sur la trace des trésors nazis (Auf den Spuren der Nazischätze), das von der Ausplünderung der europäischen Juden durch das Hitlerregime handelte, ganz leicht einen Verlag gefunden hatte, stießen die Kinder der Schande auf große Widerstände. Ihr Schicksal wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, schien nicht, zumindest noch nicht, zeitgemäß. Aber dann äußerte im Jahre 2002 ein Pariser Verlag Interesse an diesem vergessenen Stoff, da es in der engeren Verwandtschaft der Cheflektorin ein Besatzerkind gegeben hatte. Sie erkannte sofort die Dringlichkeit einer solchen Arbeit.
In der Zwischenzeit hatte ich Ludwig Norz kennengelernt, der von diesem unerforschten Vorgang ebenso fasziniert war wie ich. Der zweite Anstoß war dann ein Gespräch, das ich mit diesem deutschen Freund führte, der im Archiv der Deutschen Dienststelle (WASt) arbeitete. Diese Deutsche Dienststelle (WASt) für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht in Berlin war aus der alten Wehrmachtsauskunftstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene hervorgegangen. Durch Ludwig Norz erfuhr ich, daß die WASt mehr und mehr Briefe aus allen europäischen Ländern erhielt, die im Zweiten Weltkrieg durch die Deutschen besetzt waren, die von Personen stammten, die auf der Suche nach ihren deutschen Vätern waren. Das Thema war also durchaus von höchster Aktualität.
Im folgenden wurde dann im Herbst 2002 ein Historikertreffen abgehalten, das den »Kindern des Krieges« in Europa gewidmet war. Organisiert von dem Berliner Kunst- und Kulturverein »Fantom e.V.«, zusammen mit dem Landesarchiv Berlin und unter der Schirmherrschaft von Marlies Wanjura, der Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Reinickendorf, einem Bezirk, der früher im ehemaligen französischen Sektor Berlins lag, fand diese Tagung in dem riesigen roten Backsteingebäude am Eichborndamm statt, das mehr als zwanzig Millionen Personalakten und Karteikarten von Soldaten der Wehrmacht und der Kriegsmarine beherbergt. Dieses Treffen war Teil des Projekts Experienzawast, das unter der Ägide von Urs Veit, dem Leiter der Deutschen Dienststelle (WASt), steht und dessen Ziel es ist, eine öffentliche und offene Debatte über zeitgeschichtliche Fragen anzustoßen. Zu der Tagung waren Betroffene erschienen, um über ihre Kindheits- und Jugendprobleme in der Nachkriegszeit und über die Suche nach ihrem verschwundenen Vater zu berichten, die für manche erfolgreich verlief, während sie für andere vergeblich geblieben war.
Mehrere Historiker, die an dieser Tagung des Kulturvereins teilnahmen, wie zum Beispiel der Franzose Fabrice Virgili, hatten sich bereits mit den Mißhandlungen und Erniedrigungen beschäftigt, denen Französinnen während und nach der Befreiung ihres Landes ausgesetzt waren, weil sie ein Kind von einem Deutschen hatten. Einige von ihnen waren sogar in den Selbstmord getrieben worden. Auch wenn die Gestapo und die SS weit Schlimmeres getan hatten, gereichte die demütigende Behandlung dieser Frauen Frankreich nicht zur Ehre. Am Ende dieser Tagung stiftete auf Initiative des Kulturvereins Fantom e.V. der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) und die Deutsche Dienststelle (WASt) eine bronzene Gedenktafel zu Ehren des deutschstämmigen, heute 87 Jahre alten amerikanischen Offiziers Henry Sternweiler und des französischen Hauptmanns Armand Klein, eines Elsässers, der bereits am 3 . April 1992 in Mülhausen verstorben war. Diese beiden hatten nach der deutschen Niederlage im Juni 1946 dieses wichtige deutsche Militärarchiv der WASt gerettet, das die Amerikaner hatten vernichten wollen, weil sie »fürchteten, daß die Deutschen sich seiner bedienen könnten, um ihre Armee wiederaufzubauen«. Aber am 14 . Juni 1946 faßte der Alliierte Kontrollrat auf Veranlassung des Oberbefehlshabers der französischen Besatzungsarmee und Chefs der französischen Militärverwaltung General Koenig doch den Beschluß, dieses Wehrmachtsarchiv zu erhalten und es den französischen Besatzungsbehörden zu unterstellen. Die Franzosen argumentierten, daß sie es benutzen wollten, um ihre Landsleute zu identifizieren, die als Freiwillige in der Wehrmacht gedient hatten, um sie danach vor Gericht zur Rechenschaft ziehen zu können.
Nach heftigen Debatten im Alliierten Kontrollrat wurde tatsächlich der gesamte Aktenbestand den Franzosen übergegeben. Danach verblieb er von der Berlinblockade 1948 bis zum Abzug der französischen Truppen 1994 in der Obhut der französischen Streitkräfte in der geteilten Stadt. Diese Dokumente erlaubten es dann Hauptmann Klein, der mit ihrer Auswertung betraut worden war, Elsässer und Lothringer zu entschädigen, die zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen worden waren, und sogar die Russen dazu zu bewegen, einige von ihnen, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren, in die Freiheit zu entlassen. Schließlich und vor allem konnten und können sie den nicht anerkannten Kindern deutscher Soldaten dabei helfen, diesen verlorenen Teil ihrer Identität wiederzufinden. Oft, wenn auch nicht immer, genügt ein Name oder Vorname, ein Dienstgrad oder der Name einer Stadt, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. über die reine Erinnerungsarbeit hinaus handelt es sich hierbei um nichts Geringeres als um einen Beitrag zur Rekonstruktion von Persönlichkeiten, denen man die Hälfte ihrer Vorfahren und damit ihrer ganz privaten Geschichte geraubt hat. Bei der Aufarbeitung der Verbrechen des Dritten Reiches hatte man sich vor allem mit den Opfern der Schoah und der Konzentrationslager, mit den Erschossenen, Gefolterten, Gemarterten, aber auch mit den an der Front Gefallenen beschäftigt, deren Gräber man wiederauffinden wollte. Hier aber forschte man nicht mehr nach dem Schicksal von Toten, sondern nach den Hintergründen einer Geburt.

Der Fall der von deutschen Vätern abstammenden französischen Kinder wurde im Fernsehen zum ersten Mal 1994 im Sender TF 1 aufgegriffen. Kurz nach Ausstrahlung einer Sendung, die dem Schicksal der Nachkommen von so genannten Harkis, Algeriern, die auf der Seite der Franzosen gekämpft hatten, gewidmet war, hatte der Franzose Daniel Rouxel der Redaktion ein Schreiben gesandt, dessen Inhalt lautete: »Sehr verehrte Damen und Herren! Meines Wissens hat es bisher keine Fernsehsendung über Kinder gegeben, die während des Krieges geboren wurden und eine französische Mutter und einen deutschen Vater haben. Da auch ich zu diesen gehöre, hätte ich an einer solchen Sendung lebhaftes Interesse. In der Hoffnung, etwas von Ihnen zu hören, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen...« Die Produzenten dieses Programms, die die Bedeutung dieses bisher von den großen Medien völlig ignorierten Themas erkannten, nahmen sofort mit Daniel Rouxel Kontakt auf. Daraufhin schilderte er ihnen in kurzen Worten seinen Fall, der dem von so vielen anderen glich, die aus denselben Gründen gelitten hatten wie er. »Während des Krieges gab es eine große Zahl von Kindesaussetzungen«, ließ er sie dann noch wissen. Eingeladen, sein Schicksal vor den Kameras zu erzählen, wurde er danach von vielen Französinnen und Franzosen kontaktiert, die sein Los teilten. Neben Norbert Leroy, dessen Brief ich bereits weiter oben erwähnt habe, war er es, der diesen »Geächteten« den Mut gab, ihre Stimme zu erheben und vor allem untereinander ein kleines Netzwerk der »Kriegskinder« zu knüpfen. So bildete sich auch in Deutschland auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll im April 2000 über das Thema »Kriegskinder – gestern und heute«, an der Betroffene und Therapeuten aus mehreren Ländern teilnahmen, eine Arbeitsgruppe gleichen Namens, die sich weiterhin den Problemen dieses Personenkreises widmete und sich dann im Jahre 2003 zum Verein »Kriegskind.de e.V.« umwandelte. Verstanden und angehört zu werden und die Geschichte des eigenen Leids mit anderen teilen zu können, war und ist für diese durch ihre Herkunft stigmatisierten »Kriegskinder« von allergrößter Wichtigkeit.
Daniel Rouxel hatte die Stimme für diese inzwischen erwachsen gewordenen Kinder erhoben, denen man bis in ihre eigenen Familien hinein die Liebe verweigert hatte, die jedem menschlichen Wesen ungeachtet seiner Herkunft zusteht. Um dieses Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit besser verstehen zu können, erlaube man mir, den Brief zu zitieren, den ich von einer der für dieses Buch befragten Personen erhielt, die ich zuvor mit Norbert Leroy bekanntgemacht hatte. Jeanine Sevestre schrieb mir daraufhin folgende Zeilen: »Vielen Dank, daß Sie Norbert Leroy meine Adresse und Telefonnummer gegeben haben. Er hat mich bald darauf angerufen. Unser Gespräch hat mich sehr bewegt. Es war das erste Mal, daß ich mit einem Menschen sprechen konnte, der denselben Hintergrund wie ich hat und sich deshalb in vergleichbarer Lage befindet. Darüber hinaus hat er mir die Telefonnummer von Michelle Colin gegeben, mit der ich seitdem ebenfalls ein Gespräch führen konnte. Ich hatte das deutliche Gefühl, daß wir alle drei einen sehr wichtigen Punkt, nämlich eine ausgeprägte Überempfindlichkeit, gemeinsam haben, und daß sich zwischen uns eine gewisses Einverständnis gebildet hat, das keiner Worte bedarf. Dies hat mich im tiefsten Herzen berührt. Auch wenn ich von meinem Mann und meinem Arzt viel Beistand bei den Schwierigkeiten erfahre, die von der Tatsache herrühren, daß ich meinen Vater nicht kenne, war doch diese Begegnung mit Norbert und Michelle etwas ganz anderes und, ich würde sogar sagen, Wunderbares.«
Wollte ich meine Arbeit voranbringen, dann war es unerläßlich, mit diesen Menschen zusammenzutreffen, die sich selbst als Parias betrachteten und aus diesem Grund sehr schwer ausfindig zu machen waren. Auf einen 2002 in der Lokalzeitung »L'Éclair des Pyrénées« in Pau erschienenen Aufruf erfolgte nur eine einzige Antwort. Deren Schreiber verdammte den Haß zwischen den Nationen und pries in bewegenden Worten die deutsch-französische Versöhnung... Durch Ludwig Norz mit der Deutschen Dienststelle (WASt) bekanntgemacht, konnte ich auf diesem Wege mehrere Briefe an Französinnen richten, die ihren ehemaligen deutschen Freund suchten, sowie an Französinnen und Franzosen, die ihren deutschen Vater finden wollten. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, schrieb ich ihnen, daß ihr Fall keineswegs außergewöhnlich sei, daß »man die Zahl der Französinnen und Franzosen, die während des Zweiten Weltkriegs einen deutschen Soldaten oder Angehörigen der deutschen Besatzungsbehörden als Vater hatten, auf ungefähr 200000 schätzt«, und daß diese Zahl »unsere Einstellung zur deutschen Besatzungszeit zutiefst verändert und zahlreiche neue Fragen aufwirft«. Außerdem ließ ich die Empfänger dieser Schreiben wissen, daß Norz und ich die Absicht hätten, »uns ausführlich mit dieser Frage zu befassen und Zeugenaussagen zu sammeln, um unsere Erkenntnisse dann den Parlamenten unserer beiden Länder vorzulegen«, mit dem Ziel »die Verabschiedung von gesetzlichen Bestimmungen zu erreichen, die eventuelle Nachteile berücksichtigen würden, die Folgen einer solchen Abstammung für die Betroffenen waren.«
Mit der Zustimmung von Urs Veit hatte die bei der WASt mit Nachforschungen beauftragte Marie-Cécile Zipperling, deren Ratschläge und Sachkenntnis für uns sehr wertvoll waren, meinem Brief ein weiteres Schreiben beigelegt, das den Adressaten alle möglichen Garantien bot. Darin betonte sie: »Es versteht sich von selbst, daß Herr Jean-Paul Picaper Ihre Identität nicht kennt und daß der bei uns geltende rechtliche Schutz persönlicher Daten es uns nicht erlaubt, ihm diese in irgendeiner Form mitzuteilen.« Sie leitete dieses vervielfältigte Anschreiben an die Anschriften in ihrem Besitz weiter – und ich wurde mit Antwortbriefen regelrecht überschüttet. Ihre Verfasser offenbarten mir freimütig ihre Identität, baten mich um ein Treffen und um Hilfe bei ihrer Suche. Alle wollten weitere Informationen, alle wollten Zeugnis ablegen. Julie Robin, die Enkelin eines deutschen Soldaten, der wir in diesem Buche noch begegnen werden, drückte den Hintergrund dieses Vertrauens in einem Brief auf unübertreffliche Art und Weise aus: »Marie-Cécile [Zipperling] ist ein wunderbarer Mensch, und ich hoffe, daß dieses Buch sie angemessen würdigen wird. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie wichtig ihre Rolle für uns ist! Sie ist es, die das Band wieder zusammenknüpft. Sie gibt uns zurück, was uns der Krieg, die Dummheit der Menschen oder ganz einfach das Leben genommen haben. Und mit welcher Finesse sie dabei vorgeht...« Diese Würdigung sei ihr hier in aller Form dargebracht.
Die WASt brach von da an unter den Auskunftsbegehren fast zusammen. Ganz offensichtlich steigt der Druck und fallen die Tabus. Die ehemaligen Ehegattinnen, Geliebten und Freundinnen deutscher Soldaten, ihre Kinder und Enkel wollen endlich Klarheit haben. Wie aber soll man all diese Wünsche mit den vorhandenen spärlichen Mitteln erfüllen? Die Archive der Kriegszeit beginnen gerade erst damit, ihre Bestände mit dem Computer zu erfassen. Auch sind die Schriftstücke oft selbst für geübte Augen nur schwer zu entziffern.

Im Sommer 2003 reiste ich dann durch ganz Frankreich, um mich mit diesen »Kriegskindern« zu treffen, die man immer noch als »Kinder« bezeichnet, obwohl sie inzwischen um die sechzig Jahre alt sind. Dabei konnte ich mit einigen von ihnen Freundschaft schließen. Sie empfingen mich wie einen Bruder oder Schicksalsboten. Manche hätten mich fast in die Arme genommen, weil ich es unternommen hatte, ihr Problem bekannt zu machen und ihnen eine bescheidene Genugtuung zu verschaffen: zu erfahren, wer und wie derjenige war, der sie gezeugt hatte, und, wenn möglich, ein kleines Photo von ihm zu erhalten. Nichts anderes. Schon gar nicht ein Teil seiner Erbschaft, wie sie mir ganz klarmachten, was übrigens das Gesetz ohnehin eindeutig ausschließt. Einige, die vom Leben gezeichnet waren oder sich vor dem anschließenden Gerede fürchteten, bekamen im nachhinein Angst, sich selbst oder vor allem ihrer Mutter Schande zu machen, weshalb sie mich baten, ihre Namen nicht zu preiszugeben. Aber die Mehrheit wünschte trotz der immer noch herrschenden Vorurteile und üblen Nachrede offen und freimütig Zeugnis abzulegen. Ich weiß nicht, ob Leiden tatsächlich zur Seelenreinigung beiträgt, aber es bleibt eine Tatsache, daß ich unter diesen Frauen und Männern nur Menschen reinen Herzens getroffen habe.

Es sei mir gestattet, am Ende dieser Vorrede noch einmal Julie Robin zu zitieren, die jüngste meiner Gesprächspartnerinnen, eine Geschichtsstudentin und Enkelin des Leipzigers Rolf Wagner: »Ihr Buch wird zu einem außerordentlich wichtigen Dokument der Geschichte des Zweiten Weltkriegs werden. Dies um so mehr, weil alle diese Kriegskinder sich erst sehr spät zu Wort gemeldet haben – oder weil man ihnen, um genau zu sein, reichlich spät dieses Zeugnis erlaubt hat. Außerdem sind sie alle nicht mehr ganz jung, und dies ist vielleicht die letzte Gelegenheit, bei der sie persönlich zu Wort kommen. Wenn diese Botschaften von den Verantwortlichen gehört werden und auch von denen, die nicht persönlich betroffen sind – was sie, da bin ich sicher, nicht weniger wichtig werden läßt –, wird dieses Kapitel unserer Geschichte für immer aufbewahrt werden.«

Jean-Paul Picaper
Berlin, Januar 2005

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