kommt dieses Buch daher. Mit leichter Feder und unendlich viel (Galgen)humor geschrieben hinterlässt es jedoch am Ende einen bestürzten und fassungslosen Leser.
Wie im Vorgängerband verfolgt Stefanie Zweig das Leben der jüdischen Familie Sternberg aus dem Frankfurter Nordend. Weder übermäßig religiös noch bankiersmäßig reich ("wir wohnen zwar in der Rothschildallee, aber dessen Geld haben wir noch lange nicht...") sind sie eigentlich eine ganz normale Frankfurter Familie aus dem oberen Mittelstand, die sich mittlerweile drei Läden und mehrere Häuser erarbeitet hat und davon träumt, endlich als das zu leben was sie auch sein sollte: gleichberechtigte Deutsche. Eigentlich - wenn es die Zeit und die Umstände nur zuließen.
Dabei nutzt die Autorin keine fortlaufende Geschichte, sondern schaltet die "Kamera" immer dann ein, wenn sich im Leben der Sternbergs oder in der Politik von Ende 1926 bis November 1937 Besonderes ereignet und lässt den Leser als Mäuschen zusehen. Neudeutsch würde man dies im Fernsehen wohl als Reality Doku bezeichnen. Im Unterschied dazu liebt Frau Zweig allerdings jede ihrer Figuren. Und das sind mittlerweile so einige:
Die Eltern Sternberg, die Zwillinge Erwin und Clara (sie mit unehelicher Tochter Claudette), die verwöhnte Victoria, das Nesthäkchen Alice, Isidor Sternbergs uneheliche Tochter Anna, die treue und sture (nichtjüdische!) Perle und Zweitmutter Josepha, das befreundete Arztehepaar, Schwiegersohn, Enkel, und, und... Otto fehlt natürlich seit dem ersten Weltkrieg. So dicht, wie Frau Zweig sie beschreibt, beneidet man sie um ihre Menschenkenntnis.
Die Ereignisse überschlagen sich und man sitzt atemlos und schreckensstarr im Sessel, während sich die Sternbergs einer nach dem anderen von allen Illusionen über die Menschheit und das Leben verabschieden müssen. Nichts wird am Ende mehr so sein, wie es war.
Wer sich je die Frage gestellt hat, wie sich das Leben als Jude zwischen und während der Weltkriege anfühlte - der bekommt hier die anschauliche Antwort und als Frankfurter gleichzeitig noch lokalhistorischen Unterricht. Selbst Bewohnerin einer mehrfach erwähnten Straße konnte ich jeden Schritt mitgehen und abnicken.
Den Schlusspunkt hat die Autorin so gelegt, dass viel Raum für eine weitere Fortsetzung bleibt. Die Familie ist vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges schon in alle Himmelsrichtungen verstreut - übrig bleibt Ende 1937 in der Rothschildallee nur die ältere Generation, nämlich die Eltern und Josepha. Die anderen sind in Südafrika, Belgien, auf dem Weg nach Palästina, notgedrungen losgelöst von den anderen in Frankfurt-Sachsenhausen, mit einem Bein im Gefängnis.
Darauf auf einer Lesung in Frankfurt angesprochen, meinte Frau Zweig zwar, dass sie über das nächste Buch vorsichtshalber immer erst dann rede, wenn es fertig sei, aber ich hoffe inständig, dass sie uns über den weiteren Weg der Kinder der Rothschildallee nicht im Dunkeln lässt und bereits daran arbeitet. Schonungslos und realistisch wie sie mit ihren Figuren umgeht, ist allerdings mit einem Happy End kaum zu rechnen.