Kambodscha ist ein Land, in dem eines der monströsen Verbrechen in der Geschichte der Menschheit im 20. Jahrhundert stattgefunden hat, neben dem Holocaust, stalinistischen Verbrechen, dem Völkermord an den Armeniern und Ruanda. Insgesamt ca. 1,7 Kambodschaner wurden in 3/8/20 (3 Jahren, 8 Monaten, 20 Tage, jeder in Kambodscha weiß, was mit diesem Zahlencode gemeint ist), in den Jahren 1975 bis 1979 von den Roten Khmer ermordet. Auffällig ist nicht nur das Motiv, die brutalst mögliche Schaffung einer kommunistischen Bauerngesellschaft, einer Art Steinzeit-Kommunismus, sondern auch der Umstand, dass sich Gewalt, Terror und Mord in erster Linie gegen das eigene Volk richteten (was im Zusammenhang mit anderen Völkermorden eine Ausnahme darstellt). Das Buch schildert einige Facetten des Grauens, der Killing Fields, des Gefängnisses Tuol Sleng in der Hauptstadt Phnom Penh.
Zugleich ist Kambodscha ein Paradies, ein Land friedfertiger Menschen, voller Naturschönheiten und Spiritualität. Wer würde nicht gerne einmal Angkor Wat sehen, eine der erstaunlichsten Zeugen menschlicher Kultur, zeitgleich zum europäischen Hochmittelalter errichtet?! Eine unvorstellbar schöne Architektur, ein Stadtplan des 13. Jahrhunderts von der Größe Berlins im 21. Jahrhundert. Kambodscha - also ein Widerspruch zwischen Paradies und Hölle?!
Diesem Widerspruch ist Erich Follath, langjähriger Asien-Korrespondet des Spiegel, auf der Spur. Das Buch ist hauptsächlich ein Reisebericht aus heutiger Sicht. In Kambodscha findet zurzeit das UN-Tribunal gegen die Verantwortlichen des Völkermords statt. Indes sind die Wunden, die der Verlust von rund einem Fünftel der kambodschanischen Gesellschaft in den 1970er Jahren geschlagen hat, noch längst nicht verheilt, nicht zuletzt deshalb, weil hauptsächlich Bildungseliten ausgerottet wurden. Das lässt der Autor an vielen Stellen spüren, zugleich zeigt er eine tiefe Sympathie für die Kambodschaner, Empathie für das erlittene Leid, aber auch Begeisterung für das in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Land.
Follath hat ein sehr spannendes Buch geschrieben, er hat viele Gespräche geführt, er zeigt Abgründe auf, wenn es etwa um die Opfer, damals häufig Kinder, geht, um die zahlreichen Narben des Völkermords. Ganz typisch im Spiegel-Stil ist der erzählende, exemplarische Stil. Es soll Leute geben, die den Spiegel deshalb nicht lesen mögen. Wer aber viele interessante Aspekte der heutigen kambodschanischen Gesellschaft kennen lernen will, sollte dies in Kauf nehmen. Relativ wenig schlägt Follaths ansonsten Asien/Tibet/Buddhismus-unkritische Haltung durch (und das ist auch gut so!)
Zugleich bietet es wenig Antworten. Wie kam es zu diesem Verbrechen? Wer gegen wen? Wer war Nutznießer? Was für ein System war Schuld an der Emordung von fast 2 Millionen Menschen? Hier sollte man keine Erwartung an das Buch aus fachwissenschaftlcher Sicht richten. Follaths impressionistishe Reise bietet wenig Neues. Da bleibt Ben Kiernans leider nur in Englisch erhältliche Darstellung das Standardwerk. Aber das war auch nicht Follaths Absicht. Für alle Kambodscha-Interessierten: Ein absolut lesenswertes Buch!