Einen Augenblick lang rühren wir uns nicht, und plötzlich sagt Tilte:
"Sie sind Elefantenhüter, das ist Mutters und Vaters Problem, sie sind Elefantenhüter, ohne es zu wissen."
Wir wissen alle, was sie meint. Sie meint, dass Mutter und Vater etwas in sich haben, das viel größer ist als sie selbst, etwas, das sie nicht kontrollieren können, und zum ersten Mal können wir Kinder es ganz deutlich erkennen: Sie wollen wissen, das Gott wirklich ist, sie wollen Gott begegnen, deswegen ist die Frage so wichtig, ob man sicher sein kann, dass er in den Sakramenten ist. Und nicht nur Vater, auch Mutter lebt in ersten Linie dafür, das ist die Sehnsucht, die ihren Augen die Wehmut verleiht, eine Sehnsucht, groß wie ein Elefant, und wir erkennen, dass sie nie richtig erfüllt wurde.
Selbstredend lassen wir Vater und Mutter an dem Abend in Ruhe, wir sind doch keine Lustmörder. Aber wir haben etwas gesehen, das wir nicht vergessen können. Wir haben ihren inneren Elefanten in voller Größe gesehen.
Wahrscheinlich haben Vater und Mutter diesen Elefanten immer in sich gehabt, vielleicht sind sie mit ihnen geboren. Aber bis zu diesem Abend in der Küche lag eine Art Deckel darauf. Und Vaters und Tiltes kleiner Meinungsaustausch hat den Deckel aufspringen lassen. Was wir und die Welt also in den folgenden Wochen und Monaten erleben, ist das Schlüpfen der Elefanten aus ihren Puppen, sie schlagen mit den Flügeln und fangen an zu flattern, falls du das Bild verstehst, das vielleicht nicht gerade dem Biologiebuch entspricht, aber einigermaßen deutlich macht, was da tatsächlich geschieht.
("Die Kinder der Elefantenhüter", Seiten 147, 148).
Es wäre bestimmt nicht übertrieben, den Roman von Peter Hoeg als amüsanten Exkurs der Theosophie zu bezeichnen. Aus der Sicht eines jugendlichen Weisen werden die Themen Glaube, Familie und Religion kritisch, aber mit einem vergnüglichen Augenzwinkern unter die Lupe genommen und dabei steht immer die Frage im Raum, wie die Protagonisten ihr ganz persönliches Glück und Freiheit finden können. Dass die Antwort auf diese Frage eine gewisse Unabhängigkeit im Denken und ein Abschied von geprägten Vorstellungen und vorherrschender Tradition einschließt, scheint fast vorprogrammiert zu sein.
Um die Entwicklung seines Helden spannender zu machen, verwickelt der Autor ihn und dessen Schwester Tilte in ein phantasievolles Abenteuer und der Leser geht dabei gerne mit auf die Reise, wobei sogar eine Schifffahrt auf einem Luxusdampfer inbegriffen ist. Entspannung ist allerdings nicht angesagt. Schließlich sind Peters und Tiltes Eltern verschwunden und da sie schon einmal wegen Bauernfängerei in die Mühlen der Justiz geraten sind, vermuten die Kinder des berühmt-berüchtigten Pastorenpaares nun das Schlimmste. In Kopenhagen findet der erste Kongress aller Weltreligionen statt und es wird vermutet, dass das rätselhafte Verschwinden von Peters Eltern irgendwie mit diesem historischen Ereignis zu tun hat. Was wird auf diesem Kongress geschehen? Versuchen kriminelle Vereinigungen die Veranstaltung für ihre Zwecke zu nutzen?
"Ich habe eine Tür aus dem Gefängnis gefunden, die sich zur Freiheit öffnet, ich schreibe dies, um dir die Tür zu zeigen." So lautet der erste Satz des Romans, der äußerst geschickt in die Geschichte einführt. Dieser Satz erweckt sogleich die Neugier und als Leser ist man natürlich geschmeichelt, dass man von dem Ich-Erzähler sogleich persönlich angesprochen wird. Voller Neugier folgt man den weiteren Erläuterungen des 14jährigen Peters, der im Anschluss an die Erkenntnis einer geöffneten Tür zur Freiheit, die er gefunden haben will, die Ereignisse um die abenteuerliche Suche seiner verschwundenen Eltern berichtet. Im Schlusskapitel werden die einleitenden Einsichten folgerichtig wieder aufgegriffen und harmonisch abgerundet.
Peter Hoegs Geschichte ist ein philosophisches Werk und gleichzeitig ein Entwicklungsroman, der auf den ersten Blick phantastisch anmutet und doch voller Weisheiten und Einsichten steckt, deren Tiefe durch die liebevoll-ironische Feder des Autors sehr unterhaltsam präsentiert wird. Manchmal leidet der Schwung der Handlung etwas unter den ausufernden Seitenpfaden, die Hoeg immer wieder beschreitet, um einen bestimmten Gedanken zu vertiefen, den er im Zusammenhang mit dem großen Ganzen als wichtig erachtet. Dann fällt es schwer, am Ball zu bleiben. Da jedoch der höfliche Peter und seine hinreißende Schwester ans Leserherz wachsen, bleibt man beharrlich und kämpft sich durch langatmige Passagen. Im Schnitt bietet der Roman anregende und sehr vergnügliche Lesestunden und der Abschied von Peter und seinen Lieben fällt am Ende tatsächlich etwas schwer.