(Vorsicht, Spoiler!)
Sam Peckinpahs “The Killer Elite” aus dem Jahre 1975 wird gemeinhin als einer der schwächeren Filme des Regisseurs gehandelt. Der Film sei langatmig, konfus und versuche sich einen Anstrich politisch motivierter Systemkritik zu geben, wobei er allerdings nur dünne Binsenweisheiten vorbringe. Es stimmt schon, daß „The Killer Elite“ nicht auf einer Stufe mit Peckinpahs größten Filmen steht, aber dennoch ist die Geschichte der zwei Männer fürs Grobe Mike Locken (James Caan) und George Hansen (Robert Duvall) nicht allzu langweilig angelegt, und immerhin ist es Bloody Sam hier gelungen, Elemente des Buddy Movie mit dem Agentenfilm auf originelle Weise zu vermischen.
Locken und Hansen arbeiten für eine Firma namens ComTec, die auch Aufträge für die CIA erledigt. Gewöhnlich geht es darum, Geheimnisträgern aus Ländern auf der kalten Seite des Eisernen Vorhangs ein neues Leben im Austausch für Informationen zu verschaffen. Bei ihrem aktuellen Auftrag allerdings hintergeht Hansen Locken, indem er ihren Schützling kaltblütig tötet und dann seinen alten Freund mit Schüssen in das Knie und den Ellbogen in die Frührente schickt. Obgleich seine Vorgesetzten Locken auf das Abstellgleis schieben möchten, unterzieht sich dieser verbissen einer Reha und wird schließlich damit beauftragt, den asiatischen Dissidenten Yuen Chung (Mako), der von gedungenen Killern verfolgt wird, zu schützen. Locken nimmt den Auftrag umso lieber an als er weiß, daß sein ehemaliger Freund und Partner Hansen für die Gegenseite arbeitet und ihm somit die Gelegenheit gegeben wird, Rache zu nehmen. Was er allerdings nicht ahnt, ist, daß Cap Collis (Arthur Hill), einer seiner Vorgesetzten bei ComTec in Wirklichkeit ein doppeltes Spiel treibt.
Typisch für Peckinpah ist schon der Beginn von „The Killer Elite“, hören wir doch im Vorspann spielende Kinder einen Abzählreim singen, während wir dabei zusehen, wie Unbekannte ein Gebäude mit Sprengstoff infiltrieren. Während allerdings in „The Wild Bunch“ und teilweise auch in „Straw Dogs“ die spielenden Kinder selbst als Träger des Keims der Grausamkeit agieren – im erstgenannten Western ergötzen sie sich am hoffnungslosen Kampf eines Skorpions gegen ein Ameisenvolk –, bleiben die Kinder in „The Killer Elite“ ohne Gesicht. Visuell untermalt werden sie vielmehr durch Aufnahmen eines Vogels, der seine Jungen füttert – und der, so suggeriert Peckinpah, wohl in wenigen Minuten auf ganz andere Weise in die Luft gehen wird, als er es gewohnt ist. Hier geht es, so scheint der Film anzudeuten, um Unschuldige – Kinder und Vögel sind im allgemeinen genau dies –, die im Intrigen- und Verwirrspiel der Politiker und ihrer Handlager auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs geopfert werden. Letztlich ist auch Locken ein solches Opfer, auch wenn er – als eine Art Söldner – kräftig mitmischt im Krieg der Geheimdienste. Peckinpahs sehr ausgiebiges Verweilen auf dem Leidensweg, den Locken zurücklegen muß, bis er wieder annähernd zu seiner alten Form zurückfindet – die Pflichtbesuche seiner Vorgesetzten, die ihr Auftauchen im Krankenhaus aber gleichzeitig nutzen, um ihm deutlich zu machen, daß er aus dem Geschäft sei, die langen und mühevollen Übungen und die anfänglichen Fehlschläge – mag von dem einen oder anderen Zuschauer als langweilige Exkursion empfunden werden, doch ist es im Kontext des Filmes durchaus folgerichtig: Zum einen wird gezeigt, wie schnell ein Mensch für die Gesellschaft uninteressant wird, sobald er seine Funktion nicht mehr erfüllen kann, zum anderen veranschaulicht dieser erzählerische Einschub aber auch, was Locken von seinem scheinbaren Freund angetan worden ist, und mit welcher Entschlossenheit er versucht, sein Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Hierin ähnelt er als ein Mensch, der es auf sich nimmt, mit aller Kraft für ein sich selbst gesetztes Ziel, für etwas, das ihm notwendig erscheint, zu kämpfen, dem Dissidenten Yuen Chung, den er beschützen soll. Anders als Lockens üblichen Klienten nämlich geht es Yuen nicht darum, sein Heimatland zu verlassen, um sich selbst in ein persönliches Utopia abzusetzen, sondern er ist bestrebt, in sein Land einzureisen, um den Kampf gegen eine ungerechte Regierung aufzunehmen. Yuens idealistischer Ehrbegriff offenbart sich in dem Moment in seiner endgültigen Unbedingtheit, in dem er sich auf einen ritualisierten Kampf auf Leben und Tod einläßt – allerdings ist es ungewöhnlich, daß auch von der gegnerischen Seite, den gedungenen Profikillern, der Ehrenkodex eingehalten wird.
Was allerdings über individuelle Belange hinausgehenden Idealismus angeht, ist Locken das Gegenteil Yuens. Spätestens in dem Moment, in dem er erkennt, daß seine Vorgesetzten Männer wie ihn und seinen früheren Freund Hansen wie Schachfiguren manövriert haben, um ihren Einfluß in der Organisation zu vergrößern oder auch nur, um ihr Bankkonto zu füllen, verfangen die pessimistischen Ansichten seines neuen Partners Mac (Burt Young) bei ihm, der schon längst nicht mehr daran glaubt, daß auf der einen Seite des Vorhangs die Guten und auf der anderen die Bösen sitzen. Seine Konsequenz ist die, auszusteigen, wobei er sich jedoch die Yacht und einen beträchtlichen Geldbetrag seines ehemaligen Vorgesetzten unter den Nagel reißt – mithin als der Zyniker die Geschichte verläßt, als der er zuvor für die von ihm (nun) verachteten Mächte tätig war. Hier scheint in vielem die gleiche Portion desillusionierter und darum verbitterter Sozialromantik mitzuschwingen, die für so viele von Peckinpahs Western tonangebend war und die uns als Zuschauer ziemlich oft bewog, uns auf die Seite des sozialen Außenseiters (z.B. Cable Hogue) oder gar der Outlaws (z.B. the Wild Bunch) zu stellen. Nicht nur dieser Skeptizismus gegenüber der Gesellschaft und ihrer zivilisatorischen Errungenschaften, die bei Licht betrachtet freilich immer an menschlichen Konstanten wie Gier, Korruption, Schwäche kranken, und die damit verbundene Identifikation mit dem Aussteiger, der das alles im Handstreich hinter sich läßt oder auch, wie im Falle Dustin Hoffmans in „Straw Dogs“, lassen muß, ist in „The Killer Elite“ eines der typischen Motive Peckinpahs, sondern auch seine Frauenfeindlichkeit oder zumindest geringe Achtung gegenüber dem weiblichen Geschlecht. In „The Killer Elite“ sind Frauen entweder ein zu duldendes Kuriosum, wie Yuens Tochter Tommie (Tiana Alexandra) oder aber sie dienen dem Mann zur Befriedigung seiner Bedürfnisse wie die Prostituierten, mit denen Locken und Hansen ihren gelungenen Auftrag feiern und auf deren Kosten sie sich anschließend aufziehen. Auch die Krankenschwester Amy (Kate Heflin) fällt in diese Kategorie, denn nachdem sie den invaliden Locken bei seiner Reha und wohl auch in anderen Dingen unterstützt hat, fällt sie kurzerhand aus der Handlung heraus, und man braucht kaum anzunehmen, daß Locken an einem Hafen anhalten wird, um sie mit an Bord zu nehmen. Statt dessen hat er seinen Kumpel Mac dabei, der ebenfalls – so machen seine Scherze deutlich – keinen Augenblick darüber nachdenkt, zu seiner Lebensgefährtin und seinem alten Job zurückzukehren, sondern die Frau mit der Autowerkstatt ohne ein Wort zurückläßt.
Alles in allem bietet „The Killer Elite“ durchaus ein paar nette Action-Szenen und eine nachvollziehbare, wenn auch in Teilen recht vorhersehbare Story. Der pessimistische Subtext im Hinblick auf Politik macht mir persönlich den Film sympathisch, auch wenn ich zur Figur des Mike Locken stets eine größere Distanz hatte als zu den Peckinpah’schen Westernfiguren. So ist m.E. „The Killer Elite“ bei weitem nicht so schlecht wie der ihm vorauseilende Ruf, aber ganz sicher keiner der großen Peckinpahs.